Kleingärten in Berlin: Wenn was nervt, dann das Amt
In der Britzer Kleingartenkolonie „Guter Wille“ versteht man sich in der Regel gut. Aber das große Gemeinschaftsgefühl schwindet zunehmend.
„Guter Wille“. Lustiger Name für eine Kleingartenkolonie. Man fragt sich, wer auf den gekommen ist. Und warum. Waren die Koloniegründer vor vielen Jahrzehnten schlaue Leute, die wussten, dass es zwischen Kolonistennachbarn gern mal zu Zank kommt, der aber mit gutem Willen zu befrieden ist?
Sie hätten die Kolonie in Britz ja auch anders benennen können. Zum Beispiel „Genaue Vorschrift“, was ebenfalls dicht an der Realität in einer deutschen Kleingartenanlage wäre. In der muss ja immer alles ordentlich und vorschriftsmäßig sein. So ist beispielsweise der Anbau von einem Drittel Obst und Gemüse Kleingartengesetz.
Gut 400 Parzellen gibt es in der Kolonie „Guter Wille“. Macht an die 1.000 Menschen, die hierherkommen, um Ruhe zu finden vor der Berliner Hektik und den nervigen Großstadtmitbürgern. Dass diese Kolonisten unterschiedlich ticken, zeigt ein flüchtiger Blick über die Grundstücke, die sich dicht aneinanderreihen. Auf manchen herrscht strenge Akkuratesse inklusive Rasenschnitt, Beete und Wegkanten.
Auch Lokalpatriotismus geht
In einer Parzelle sollen Buddha-Figuren aus dem Baumarkt offenbar Kleingartenspiritualität erzeugen. Daneben zeigen National- und Lokalpatrioten Flagge: Schwarz-Rot-Gold beziehungsweise Weiß-Rot plus Berliner Bär. Vor allem rund ums Vereinslokal am zentralen Kolonieplatz sieht man oft Blau-Weiß – auf Hertha-Stickern.
Auf wenigen Quadratmetern kommt da einiges zusammen, was sich draußen in der Stadt womöglich eher aus dem Weg gehen würde. Anders als in einem Mietshaus verschwinden die Nachbarn nach der Begegnung aber nicht hinter Wohnungstüren. Zwischen den Grundstücken stehen meist nur Hecken. Man sieht, hört und trifft sich.
Foto: Gunnar Leue
Und dann gibt es dort noch eine echte Sensation: ein Feuerwehrhäuschen. „Unsere Kleingartenanlage ist die einzige in ganz Deutschland mit eigener Feuerwehr. Die Feuerwehrleute haben eine richtige Ausbildung und sogar Uniformen“, sagt Julia Werner.
Die braungebrannte, mit Geschmeide behangene Dame ist seit 17 Jahren Schriftführerin im Vorstand des Gartenvereins. Ein Ehrenamt, das sie gern ausübt, weil es wahnsinnig interessant sei. Warum? Kurze Nachdenkpause.
Glückwunschkarten gehören auch dazu
„Ich bin recht offen, mich interessieren viele Sachen. Man kann sich einbringen. Und das Soziale ist schön“, sagt sie nach einer Weile. Gespräche seien ganz wichtig, gerade in einer kleineren Gemeinschaft. So schreibe sie beispielsweise auch Glückwunschkarten für Geburtstage oder goldene Hochzeiten der Koloniemitglieder. Und wenn neue, jüngere Leuten zur Kolonie stoßen, ist auch das für sie Teil ihrer sozialen Arbeit.
Denn dadurch träfe hier nicht nur Alt auf Jung, sondern manchmal auch Lebensweise auf Lebensweise. „Für ein 80-jähriges Ehepaar kann das schon eine Umstellung sein, wenn orientalische Bewerber mit fünf Kindern auf die Parzelle nebenan ziehen.“ Anders als in der Stadt kann man hier nicht einfach die Tür zumachen. Man begegnet sich am Zaun, auf dem Weg, beim Vereinsfest. Und manchmal muss man eben miteinander reden.
Das klingt zunächst nach einer jener Konstellationen, aus denen anderswo schnell eine Grundsatzdebatte mit anschließend getrennten Wegen wird. In der Kleingartenkolonie muss es eine Nachbarschaft bleiben. Man sieht sich am Zaun, beim Gießen, auf dem Weg zum Vereinslokal. Ausweichen ist möglich, aber nur begrenzt. Größere Konflikte gebe es hier aber nicht, sagt Julia Werner. Etwas lautstarke Diskrepanzen, die kämen mal vor, aber so was gebe es schließlich überall. „Dann wird vermittelt, das ist ja das A und O bei Streitigkeiten.“
Reizthemen sind eher selten
Wenn es nach ihr geht, macht ohnehin etwas anderes mehr Stress: die „megaviele Bürokratie“ vom Amt. Gemeint ist das Grünflächenamt mit seinen Vorgaben und Kontrollen. Das scheint tatsächlich das größere Reizthema zu sein – jedenfalls größer als irgendwelche Zwistigkeiten zwischen den Kolonisten. Auch eine spontane Befragung von zwei alten Damen, die in der Vereinsgaststätte Karten legen, landet bei dieser Thematik. Die beiden sitzen an einem Tisch und spielen Skip-Bo. Das laute Ploppen der Dartpfeile von den Dartspielern nebenan stört sie nicht.
Frau Dörr, 78, hat ihren Kleingarten zusammen mit ihrem Mann gar nicht hier, sondern in der Kolonie „Ostelbien“ – noch so ein interessanter Name. Die liegt etwas um die Ecke. Zweimal in der Woche kommt Frau Dörr ins „Pascham“, das Vereinslokal von „Guter Wille“, auch zum Bingo. Ihre Mitspielerin Frau Reda, 77, ist Witwe und ebenso der Geselligkeit zugeneigt. Auch am Wochenende kommen beide her, um Hertha-Spiele zu schauen.
Früher seien sie zu viert gewesen, erzählen sie. Eine Freundin sei gestorben, die andere kümmert sich um ihren kranken Mann. Also spielen sie ihre Skip-Bo-Partien nur noch zu zweit. Ob das mehr Spaß mache als Gartenarbeit? „Nee.“ Zwiebeln, Bohnen, Gurken, Tomaten damit hätte man auch gut zu tun.
Wat soll’n dit?
Frau Dörr zeigt sich jedoch genervt über die Vorschriften und Kontrollen des Bezirksamts. Ein Nachbar habe eine Solaranlage auf dem Dach, die bereits vom Vorbesitzer stamme. Nun solle er sie wieder abbauen. „Wir sind ja nun im 21. Jahrhundert. Wat soll’n dit?“
Das „Pascham“ ist der soziale Mittelpunkt der Kolonie, logisch. Betrieben wird es seit 2020 von Hülya Wendt und ihrem Mann. Die türkischstämmige Frau hatte vorher bereits 5 Jahre als Servicekraft hier gearbeitet. Als der Vorgänger aufgab, übernahm sie das Lokal, das zuvor „Casino“ hieß. Davon wollte sich das Paar mit dem neuen Namen ein wenig abheben.
Auch türkische Abende hat es schon gegeben, mit türkischer Musik und Essen. Am meisten brummt der Laden jedoch am „Schnitzeltag“, immer dienstags. Sonntags ist Frühschoppen. So versammelt sich im „Pascham“ einiges, was in der großen Stadt problemlos getrennte Wege gehen könnte. Nicht weil alle unbedingt zueinandergefunden hätten, sondern weil dies der Ort ist, den es gibt.
Der Zulauf wird allerdings geringer. Der klassische Stammtisch ist schon ausgestorben. Auch hier macht sich also bemerkbar, was Julia Werner bei den Parzellen beobachtet: Der Wunsch nach Gemeinschaft scheint nachzulassen, der nach Rückzug zuzunehmen.
Politikgespräche bleiben draußen
Umso interessanter ist, nach welchen Regeln die verbliebene Gemeinschaft funktioniert. Politikgespräche werden aus dem Kneipenbetrieb herausgehalten. „Das sollte man auch besser, um größere Konflikte zu vermeiden“, sagt Herr Wendt, der seine Frau, die heute just einen Zahnarzttermin hat, vertritt. Wenn Alkohol fließt, könne es natürlich mal was geben, aber das kläre sich schnell. „Jeder kennt im Prinzip die Regeln.“ Ein bemerkenswertes Vorgehen an einem Ort, wo so unterschiedliche Menschen zusammenkommen – und fast schon ein bisschen schade, dass es ein Betriebsgeheinis der Wendts bleibt, wie sie das machen.
Laut wird’s am ehesten beim Fußball, sagen sie. Wenn Hertha spielt, sitzt auch Can, einer der beiden Söhne des Wirtspaares, mit seinen Freunden im „Pascham“. Can hilft zudem regelmäßig im Lokal aus. Die Stammgäste sind zwar überwiegend älter, ihre Geschichten und Späße finden die jungen Männer trotzdem lustig. „Gemeinsam lachen, das ist halt das Schönste, der Kontakt mit den Menschen.“
Vielleicht ist es dieser Kontakt, der der jüngeren Generation zunehmend fehlt. Nicht nur in der Kleingartenkolonie ziehen sich junge Leute stärker in ihre eigenen vier Wände und Parzellen zurück. „Die jüngeren Leute suchen vielleicht einen Kleingarten, aber nicht mehr so sehr die Gemeinschaft, eher einen persönlichen Rückzugsraum“, sagt Julia Werner.
Aber auch die älteren Kolonisten brächten sich zunehmend weniger ein. Ehrenamtliche Helfer fürs Sommerfest zu finden, sei schwieriger geworden. Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung: dass rund 1.000 Menschen mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen vom Kleingartenwesen trotzdem irgendwie zusammenpassen. Nicht immer ohne Streit, selten mit Begeisterung für die Vorschriften. Aber, immer wenn’s darauf ankommt, mit gutem Willen.
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