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Freiluftkino in BerlinZwischen Paul, Paula und Erdbeerbowle

Beim 30. Balkonkino in Hellersdorf treffen DDR-Filmklassiker, Nostalgie und Nachbarschaft aufeinander. Am Ende tanzt der ganze Kiez.

„Gehen Sie einfach unter der U-Bahn durch, dann sind Sie schon da“, antwortet die Frau am U-Bahnhof Kaulsdorf-Nord auf meine Frage nach dem Cecilienplatz. Und dann fragt sie noch: „Sie wollen zum Balkonkino?“ Ja, genau da will ich hin, erwidere ich. „Da wünsche ich Ihnen viel Spaß. Dieses Jahr muss ich Hundesitten, da kann ich nicht, sonst lasse ich mir das nie entgehen.“

Es ist Freitag 16 Uhr und auf dem Balkonkino in Hellersdorf beginnt das Kinderprogramm. „Moritz in der Litfasssäule“ heißt der Defa-Film von 1983 mit viel Zirkusluft. Aber die Zuschauer sind größtenteils die Großeltern der Kinder, Menschen, die den Film noch aus der eigenen Kindheit kennen. Zwei syrische Mädchen haben sich an einem Stand die Gesichter als Schmetterling und Tiger schminken lassen. Deren Schwester läuft gerade die ersten Schritte auf Rollschuhen an Papas Hand.

Es ist das 30. Hellersdorfer Balkonkino, zu dem die Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land in diesem Sommer immer freitags einlädt. Umsonst und draußen kann man Filmklassiker sehen, bei Fanta oder Erdbeerbowle Nachbarn treffen und zu Livemusik das Tanzbein schwingen. Was als charmante Idee begann, Kultur in den Kiez und Menschen zusammenzubringen, ist heute ein fester Bestandteil des Lebens in Hellersdorf.

Der Name „Balkonkino“ ist überholt, hat sich aber eingebürgert: In den ersten Jahren war es tatsächlich so, dass Anwohner ein paar Höfe weiter von ihren Balkons aus die Filme sehen konnten. Doch es kamen immer mehr Menschen, die keine Anwohner waren und wollten im Freien zuschauen. Deshalb ist das Balkonkino irgendwann auf den viel größeren Cecilienplatz gezogen, wo es nur wenige Balkone gibt. Dafür Bänke zum Sitzen. Aber wer sicher gehen will, dass er nicht stehen muss, sollte sich einen Campingstuhl oder eine Decke mitbringen.

Sommerserie „Unter anderen“

Unsere Gesellschaft driftet auseinander. Aber das ist nur ein Teil der Wirklichkeit. Berlin ist voller Orte, an denen Menschen noch ins Gespräch kommen – beiläufig, ungeplant und oft überraschend. Räume des urbanen Zusammenlebens, offen, widersprüchlich und sozial durchlässig. Für unsere Sommerserie erkunden wir diese alltäglichen Kontaktzonen, in denen Menschen Verbindung und Verschiedenheit suchen, aushalten und verhandeln.

Alle Texte zur Serie sind hier auf taz.de versammelt.

Zwei Frauen machen es sich mit Bratwurst und Bratkartoffeln auf den Bänken gemütlich. „Da spare ich heute das Abendbrotmachen“, sagt eine der Frauen, die der taz noch verrät, dass sie in einer Einraumwohnung lebt. Nicht hier, in Hohenschönhausen. „Aber meine Tochter wohnt hier, sie kommt auch runter, wenn der Enkel im Bett liegt. Ich reserviere ihr den Platz.“

Die beiden Frauen tauschen ihre Erfahrungen mit Ventilatoren aus. Welche sind nicht zu laut und nicht zu sperrig? Es ist 18 Uhr. Der Kinderfilm ist zu Ende und die Bühne für die Liveband wird aufgebaut. Die Frauen freuen sich, „dass wir dieses Jahr kein Mückenjahr haben. Die würden uns sonst zerfressen.“ Das Mädchen mit den Rollschuhen läuft jetzt sicher über den Cecilienplatz – sogar ohne Papas Hand.

Dem Wohnungsunternehmen ist es ein Anliegen, Kultur dorthin zu bringen, wo die Menschen leben

Der Gastgeber von der Stadt und Land begrüßt die Liveband TCM zum 30. Balkonkino. „Wir sind mit dem Balkonkino eine Institution geworden, die es sonst nirgendwo in Berlin gibt. Von einem Jahr Coronapause abgesehen haben wir jedes Jahr dieses Event veranstaltet.“ Als kommunales Wohnungsunternehmen ist es der Stadt und Land ein Anliegen, Kultur dorthin zu bringen, wo die Menschen leben.

Inzwischen sitzen mehrere Hundert Menschen auf den Platz. Der Inhaber des nahen indischen Restaurants stellt gerade Tische und Stühle raus, an denen man bei Bewirtung sitzen kann. Und die Hellersdorfer lassen sich nicht lange zum Tanz bitten. Schon beim ersten Song ist die Tanzfläche gut gefüllt.

Songs wie „Alt wie ein Baum“ oder „Über sieben Brücken musst Du gehen“ von den DDR-Kultbands Puhdys und Karat lassen die auf der Tanzfläche reich vertretene Boomer-Generation in Erinnerungen schwelgen. Und die Hellersdorfer sind da textsicher und singen mit. Auch bei den „99 Luftballons“, einem Song der westdeutschen Nena von 1983. Schließlich war die Mauer für Radiowellen durchaus durchlässig.

Noch mehr Balkonkino

14. August 2026 Kinderfilm: Der gestiefelte Kater, Filmstart: 16:00 Uhr. Anschließend: Mein Blinddate mit dem Leben, Filmstart: 20:15 Uhr. Musik: Quarter Horse – Die fünfköpfige Formation covert Hits aus fünf Jahrzehnten und mischt dabei Oldies, Pop, Rock’n’Roll und Country. Musikbeginn: 18:15 Uhr

21. August 2026 Kinderfilm: Ein Zwilling kommt selten allein,Filmstart: 16:00 Uhr. Anschließend: Yesterday↗, Filmstart: 20:15 Uhr. Musik: AGELESS – Oldies der 80er oder 90er, die besten Hits der Popmusik und aktuelle Charts. Musikbeginn: 18:15 Uhr

28. August 2026 Kinderfilm: Der Kleine Nick↗, Filmstart: 16:00 Uhr. Anschließend: Der Vollposten. Filmstart: 20:15 Uhr. Musik: VELVET CATS – Mit den besten Hits aus sechs Jahrzehnten präsentieren sich die Velvet Cats im Stile der 50er. Musikbeginn: 18:15 Uhr

Die Sitzplätze auf dem Platz sind längst belegt. Immer mehr Menschen kommen, die es sich in Gruppen auf Decken gemütlich machen, mitgebrachte Chips herumreichen und Bier vom Stand trinken. Der Kinderschminkstand hat schon geschlossen, das Mädchen mit dem Tigergesicht ist auf Papas Arm eingeschlafen und wird gerade nach Hause getragen.

Auf der Bühne spielt die Band „Wenn ein Mensch lebt“ und „Geh zu ihr und lass deinen Drachen steigen“. Lieder der Puhdys aus dem Jahr 1973, geschrieben für den Defa-Kult-Film „Die Legende von Paul und Paula“. Für genau den Film, den die Hellersdorfer jetzt sehen wollen.

Die große Leinwand zwischen der Kulisse von Elfgeschossern wird wieder hell. Es ist 20.15 Uhr und deutlich kühler geworden. Die Frau aus Hohenschönhausen begrüßt ihre Tochter, der sie den Platz reserviert hat. Ihre Tochter hat ihr eine warme Jacke und ein weiches Kissen mitgebracht. Während die Mutter gar nicht zählen kann, wie oft sie den Film schon gesehen hat, ist er für die Tochter eine Premiere.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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