Der Hausbesuch: Acht Frauen, kein Heldentum
Nadine Pusch ist Freiwillige Feuerwehrfrau. Eigentlich wollte sie nur im Frauenteam bei Wettbewerben teilnehmen, heute ist sie regelmäßig im Einsatz.
Früher arbeitete sie als Friseurin. Neuerdings trägt sie Briefe aus und wartet, dass das Handy klingelt.
Draußen: Die Straße zieht sich. Sie wird schmaler, dann hört sie auf. Ein paar Häuser noch, dann Felder. Weitblick. Wind. Mecklenburger Himmel. Krumbeck heißt das Dorf, wo die Straße endet. Zehn Häuser, vielleicht 25 Personen. Hierher zieht man, weil man es will. „Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen“, sagt Nadine Pusch. Ihre Familie bewohnt gleich zwei der Häuser. Links die Schwiegereltern und rechts Nadine Pusch mit Mann Christian und Sohn Willi. Der Backsteinbau war früher Stall, heute ist er Wohnhaus. „Nichts von der Stange“, sagt sie. Vieles ist selbst gemacht, vieles noch im Werden. Holzstapel, Werkzeug. Der Garten groß, ein runder Swimmingpool und ein Gewächshaus im Bau. Eine Art Dauerbaustelle, oder anders ausgedrückt: ein Versprechen.
Drinnen: Die Küche ist mit Blick in den Garten. Tisch, Stühle, Hubert und Tinkerbell, die sich ihren Platz suchen. Hubert, der Beagle, schaut aufmerksam und Tinkerbell, eine kleine Französische Bulldogge, ist einfach da. Bei gutem Wetter trinkt Pusch ihren Kaffee am liebsten draußen. Alles riecht nach Alltag. Nichts nach Inszenierung. Auf dem Tisch liegt ihr Handy. Display nach oben.
Das Handy: Wenn es klingelt, ist das wie ein Kommando. „Ich habe die Sirene eingestellt“, sagt sie. Dann springt sie auf, raus, ins Auto, los zur Wache nach Warsow. Gut vier Kilometer. Dort hängt ihre PSA, ihre Persönliche Schutzausrüstung, die sie vor Hitze, Rauch, Chemikalien, Schnittverletzungen und Wettergefahren schützt: Schutzanzug, Feuerwehrhelm, Schutzhandschuhe und Sicherheitsstiefel. „Früher ging das schneller. Da lagen die Sachen im Hausflur.“ Schlüssel, Jacke, alles griffbereit. Gab es einen Alarm, haben ihr Mann und Sohn geholfen, sind nachts auch mit aufgestanden. „Seitdem die Ausrüstung in der Wache ist, muss ich alleine los“, sagt sie. Sie sagt das ruhig. So, wie man hier Dinge sagt.
Es brennt nicht mehr: Nadine Pusch ist 39. Über 20 Jahre war sie Friseurin. Im Salon in Schwerin. Ein Beruf, bei dem man nah dran ist an den Menschen. Man hört zu, redet, berührt. Oft nimmt man teil am Leben anderer, manchmal mehr als einem lieb ist. „Ich arbeite gerne mit Menschen, aber es hat nicht mehr in mir gebrannt“, sagt sie und lacht über das Wortspiel. „Na ja, und die Bezahlung, das weiß ja jeder.“
Schnapsidee: Sommer 2022. Es war der Tag des traditionellen Amtsausscheids der Freiwilligen Feuerwehren im Amt Stralendorf. Fast jedes Jahr treten die Feuerwehrleute der acht örtlichen Feuerwehren dabei in einem sportlichen Wettbewerb gegeneinander an. Sie zeigen, was sie draufhaben, wenn es um das Retten, Löschen, Bergen und Schützen geht. Das sind die Aufgaben der Feuerwehr. Immer dabei sind auch die Kinder- und Jugendwehren. Und natürlich die Mütter. Die schauen zu, sorgen sich um das leibliche Wohl der Anwesenden und übernehmen den Fahrdienst. „Es war wie jedes Jahr“, erinnert sich Pusch. „Nach den Wettkämpfen sitzen wir zusammen, grillen und feiern ein bisschen. Und jedes Jahr sagt dann eine von uns Frauen: Eigentlich müssten wir jetzt mal eine Frauenmannschaft gründen. Jahr für Jahr diese Schnapsidee.“ Und Nadine Pusch ergänzt: „Es war schon so, dass uns niemand damit mehr ernst nahm.“ Das sollte sich bald ändern.
Ganz oder gar nicht: Gut, ein paar Frauen gab es schon in der Warsower Feuerwehr. Etwa die Jugendwartin. Aber ein Frauenteam, das zum Amtsausscheid mit anderen Wehren in den Wettkampf geht, das gab es nicht. Das wollten sie jetzt wirklich anpacken. Mit ihrer Idee sind sie zum Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Warsow marschiert. Fit sein für einen Wettkampf allein war dem Wehrführer dann aber zu wenig. „Wenn schon, denn schon“, lautete seine Devise, und er hat den Frauen klargemacht, dass sie gerne alles lernen können, was für Feuerwehrleute wichtig ist, und auch die praktischen Dinge trainieren können, aber sie müssten sich dann auch an den Einsätzen der Feuerwehr beteiligen. „Geplant hatten wir das nicht. Wir wollten bei den Wettbewerben nur zeigen, dass wir Frauen das auch packen“, so Pusch. „Aber wirklich dabei sein, macht ja auch total Sinn.“ Man brauche Mut dazu, Feuerwehrfrau zu werden, man brauche einen „Mutausbruch“. Sie hatten ihn. Es folgten Lehrgänge; Trainings, Einsätze und noch mehr Lehrgänge und mehr Einsätze.
Dienst ist Dienst: Für Pusch war das mit den Einsätzen schwierig. „Im Friseursalon kann ich die Kundin ja schlecht mit der Farbe im Haar sitzen lassen und einfach abzischen“, sagt sie. Es bleibt schwierig, auch nachdem sie den Job aufgibt. Inzwischen arbeitet sie als Zustellerin bei der Post, in Wittenburg und den Dörfern drum herum. Pakete, Briefe, immer rein und raus aus dem Auto. Während der Arbeitszeit fährt sie keine Einsätze. Das geht nicht. Aber an den Wochenenden. Und abends oder nachts, auch im Winter. Was als Zustellerin bleibt, ist die Begegnung mit den Menschen: „Ich mag das, mit den Leuten zu schnacken“, sagt sie. Man kennt sich. Man sieht sich wieder, manchmal nur kurz am Gartenzaun. Aber oft reicht das.
Knoten, Schläuche, Leiter: Heute sind sie zu acht. Acht Feuerwehrfrauen. Lehrerinnen, Postzustellerinnen, eine arbeitet beim Zahnarzt, eine im Kindergarten. Unterschiedliche Leben, unterschiedliche Wege – aber ein gemeinsamer Ort: die Wache in Warsow. Sie trainieren zusammen. Alle 14 Tage. Theorie, Praxis, immer wieder die gleichen Handgriffe. Knoten, Schläuche, Leiter aufstellen, Abläufe. Dinge, die sitzen müssen. Im Einsatz muss das laufen. „Da gibt es kein Bitte und kein Danke“, sagt Pusch. „Da werden Ansagen gemacht.“
Schmorkohl: Und sie sind füreinander da. Nicht nur in der Feuerwehr. Wenn jemand krank ist, kümmert sich jemand. „Ich krieg von einer Kameradin immer Schmorkohl. Den mag hier sonst keiner“, sagt sie und lacht. Wenn etwas kaputtgeht, hilft jemand. Wenn jemand nicht weiter weiß, ist jemand da. „Das ist Gemeinschaft“, sagt sie. Die Einsätze sind oft unspektakulär. Baum auf Straße. Ölspur. Tragehilfe. Dinge, die erledigt werden müssen, damit andere weitermachen können. „Kein Einsatz ist ein guter Einsatz“, sagt Pusch. Und meint: Wenn nichts passiert, ist das am besten.
Die andere Seite von Nähe: Aber es gibt auch solche Einsätze wie den am 21. Dezember vergangenen Jahres. Ein Unfall. Das Handy klingelt. Sie fährt los und kommt nicht weit. Auf dem Weg bleibt sie als eine der Ersten an der Unfallstelle hängen. Sie weiß sofort, wer am Steuer saß: ein Feuerwehrkollege. „Man ist aufgeschmissen“, sagt Pusch. Keine Routine, nur der Moment und die anderen Einsatzkräfte. Helfen können sie nicht mehr. Später sitzen sie zusammen. Warten auf die Seelsorge. Viele Leute kommen. Freunde, Bekannte und Familie. Es spricht sich schnell herum. In einer Gegend wie dieser bleibt nichts lange verborgen. Einsätze hier sind nicht anonym, sie betreffen Menschen, die man kennt. Das ist die andere Seite von Nähe.
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Sie haben ihren Platz: Die Frauen haben sich ihren Platz in der Wehr genommen. Ohne großes Aufheben. Allerdings kommen inzwischen wieder mehr Männer zu den regelmäßigen Treffen. „Neugier“, da ist sich Nadine Pusch sicher. „Vielleicht auch Respekt.“ Und beim Amtsausscheid? Da sind sie durchaus auch mal schneller als die Männer. Bei den Theoriefragen sowieso. „Die Jungs mussten erst lesen“, sagt sie und grinst.
Gemeinschaft: Vor dem Haus geht der Blick über die Felder. Der Wind zieht durch die offenen Flächen. Es ist ruhig. Kein Supermarkt um die Ecke. Zweimal täglich kommt der Bus für die Kinder. Alles dauert. Pusch ist vor ein paar Jahren aus der Stadt hergezogen. Damals war sie unsicher. Zu viel Weite, zu wenig los. Heute nicht mehr. „Ich fühle mich wohl hier“, sagt sie. Im Urlaub fährt sie gerne mit Wohnwagen in die Berge. Das Handy liegt auf dem Tisch. Es klingelt nicht. Noch nicht. Wenn es klingelt, fährt sie los. Wie die anderen auch. Acht Frauen. Was als Schnapsidee begann, ist längst etwas anderes geworden. Keine große Geschichte. Kein Heldentum. Gemeinschaft.
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