Kino-Film „Die reichste Frau der Welt“: Er freut sich über ihre Geschenke
Im Kino-Film „Die reichste Frau der Welt“ gibt sich Isabelle Huppert so kaltschnäuzig wie verwundbar. In der Geschichte nach wahrem Vorbild geht es nicht nur um Lacher.
Politikerbestechung, Steuerhinterziehung, Erbschleicherei – bei der sogenannten Bettencourt-Affäre, die im Sommer 2010 Kreise bis zum damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy zog, kam eine Menge zusammen. Und da ist die braune Vergangenheit des L'Oréal-Konzerns, der Liliane Bettencourt zur „reichsten Frau der Welt“ ihrer Zeit werden ließ, noch gar nicht erwähnt.
Es ist ein Stoff wie von Molière erdacht: im Zentrum eine nicht mehr ganz zurechnungsfähige alte Witwe, die über ein immenses Vermögen verfügt, und um sie herum eine Gefolgschaft aus sich die Hände reibenden Günstlingen und neidisch blickenden Familienmitgliedern. Mit anderen Worten: ein Personal von Unsympathen, die man alle gleichermaßen verachten kann.
Nichts hätte näher gelegen, als für die Leinwand daraus eine beißende Satire zu machen. Vielleicht hatte es Thierry Klifa ursprünglich auch so vor. Aber das Ergebnis ist doch ein anderes, interessanteres geworden. Das Lachen fällt hier gar nicht mal so leicht. Stattdessen wachsen einem die Figuren ans Herz. Dass es so kommt, liegt einmal mehr an den Schauspieler*innen.
„Die reichste Frau der Welt“. Regie: Thierry Klifa. Mit Isabelle Huppert, Marina Foïs u.a. Frankreich/Belgien 2025, 121 Min.
Dass Isabelle Huppert, inzwischen 73 Jahre alt, eine vermögende alte Frau spielen kann und dabei die Kaltschnäuzigkeit mit erstaunlicher Verwundbarkeit zu kombinieren vermag, überrascht noch am wenigsten. Huppert verkörpert Marianne Farrère (sämtliche Namen sind im Film verändert, die Fakten des Falls entsprechen aber weitgehend den Tatsachen), die verwöhnte Erbin eines Konzerngründers, die in ihrem Leben kaum andere Beschäftigung als die des Geldausgebens kannte.
Obwohl stets perfekt und korrekt gekleidet, ist die in die Jahre gekommene Dame das moderne Repräsentieren nicht gewöhnt. Als ihr die eigene, lang erwachsene Tochter (Marina Foïs) den Vorschlag macht, sich für die Titelstory des Magazins Selfish von einem gewissen Pierre-Alain Fantin (Laurent Lafitte) fotografieren zu lassen, reagiert sie mit Befremden und einem hochmütigen Trotz, der das Scheitern des Projekts selbstdizipliniert in Kauf nimmt.
Sie steht völlig entwaffnet da
Doch dann stürmt dieser Fantin mit so viel Temperament in ihre bürgerlich vollgestopfte Villa, macht der Älteren derart unverschämt Komplimente und traut sich auch noch, sie herumzukommandieren, bis sie die richtigen Kleidungsstücke hervorgeholt hat, dass die vorher so verschlossene Frau völlig entwaffnet dasteht. Von dem Magazin mit ihrem Porträt auf dem Titel kann sie kaum genug Exemplare bekommen – um auch ja genug zu haben, die sie verschicken kann.
Es ist der Beginn ihrer wunderbaren Freundschaft zu dem seine Homosexualität keineswegs verbergenden jüngeren Mann. Laurent Lafitte, der für diesen Auftritt mit dem César ausgezeichnet wurde, verleiht seiner Figur einen großartigen und dabei rätselhaften Charme. Was die ältere Frau an ihm findet, ist leicht zu erkennen: Sein flamboyantes, sich wenig um Etikette scherendes Verhalten verschafft ihr nie gekannte Freiheiten, und sei es auch nur beim Zuhören von seinen Zotigkeiten.
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Trailer „Die reichste Frau der Welt“
Was er umgekehrt von ihr will, verheimlicht er genauso wenig: Fast von der ersten Begegnung an beginnt er Marianne regelrecht auszunehmen. Bevor die Tochter mit einer Anklage Alarm schlägt, sollen es schließlich Geschenke im Gegenwert von über einer Milliarde Euro gewesen sein.
Warum er nicht früher aufgehört habe, wird Fantin in den inszenierten Interview-Sequenzen gefragt, die die etwas verunglückte Rahmenhandlung des Films bilden. Seine Figur gibt darauf keine schlüssige Antwort. Was Lafitte spielt, ist eine derart amüsante Mischung aus Klassenneid, Aufschneiderstolz und purem Glücksrittertum, dass eine Verurteilung fast unmöglich wird.
Der politische Skandal bleibt darüber so lange im Hintergrund, bis man sich für ihn kaum mehr interessiert. Steuerhinterziehung, Beamtenbestechung? Das sind so langweilige Motive gegenüber zutiefst menschlichen Regungen wie Neid, Einsamkeit, Verrat, Hass oder Heimlichtuerei!
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