Kindermangel an Berliner Kitas: ErzieherInnen geht die Arbeit aus
Weil die Geburtenzahlen in Berlin auf einem Tiefststand angekommen sind, finden immer mehr PädagogInnen keine Stelle mehr an den Kitas.
Vor gut drei Jahren entschied sich Pinar F., Erzieherin zu werden, weil der Laden, den sie mit ihrem Mann betrieb, sich nicht mehr rechnete. Erzieherin war zu diesem Zeitpunkt ein Mangelberuf: Die Mutter zweier Kinder ohne pädagogische Ausbildung wurde mit Kusshand zur Probearbeit in einer Kita angenommen. Und dringend gebraucht.
Dann ging das neue Ausbildungsjahr los, Pinar F. begann ihre Ausbildung, die sie nun gerade abgeschlossen hat. Doch ihre Ausbildungskita kann Pinar F. nicht übernehmen, weil sich immer weniger Eltern um einen Kitaplatz bewerben. Geburtenknick eben. „Ein Drittel der Plätze sind bei uns frei“, sagt Pinar F. der taz.
Ihre Kita in Kreuzberg habe bereits das Konzept geändert, sagt sie. Statt fester Gruppen gebe es jetzt „offene Arbeit“. Das heißt: Jedes Kind entscheidet selbst, ob es in den Bauraum, den Bewegungsraum oder die Bücherecke geht, wo jeweils eine andere Erzieherin tätig ist. Das Konzept ist umstritten, weil zurückhaltende Kinder dabei oft untergehen. Es ermöglicht einer Kita aber besser, neue Kinder aufzunehmen, was in Zeiten des Geburtenknicks wichtig ist.
Wird beispielsweise ein fünfjähriges Kind angemeldet, müsste beim Gruppenarbeitskonzept ein Platz in einer Gruppe mit Gleichaltrigen frei sein. Sind aber nur Plätze in Gruppen mit jüngeren Kindern frei, müsste der Neuzugang abgelehnt werden, obwohl die Kita eigentlich Kapazitäten hätte. Bei offener Arbeit kommt es darauf nicht an.
Erzieherin Clara N. hat ihre Erfahrung mit Arbeitslosigkeit schon hinter sich: Sie hatte vor einem Jahr ihre Ausbildung abgeschlossen und fand danach mehrere Monate lang keinen Job. Seit Mai arbeitet sie in einer Steglitzer Kita. „Wenn kein Wunder geschieht, bin ich aber ab September wieder arbeitslos“, sagt die 21-Jährige der taz.
Ein Wunder bedeutet: Bis dahin müsste es in ihrer Kita fünf neue Anmeldungen geben. Sonst kommt die Gruppe, die sie nach den Ferien übernehmen soll, nicht zustande. „Es macht keinen Sinn mehr, mich in einer anderen Kita zu bewerben“, sagt Clara N. der taz. „Ich werde es entweder in einem Hort versuchen oder ich studiere Soziale Arbeit.“
Niedrigste Geburtenzahl
2025 wurden in Berlin 33.240 Kinder geboren. Das ist die geringste Zahl seit Erhebung der Statistik und ein Rückgang von 5 Prozent gegenüber dem ohnehin geringen Vorjahreswert. Rückläufig sind die Geburtenzahlen in Berlin seit 2022, das Phänomen betrifft alle Bezirke. Da in Berlin jahrelang ein riesiger Mangel an ErzieherInnen herrschte, treibt der geringere Personalbedarf in den Kitas aber erst seit etwa einem Jahr die Arbeitslosigkeit von Erzieherinnen in die Höhe.
Dabei spielt eine Rolle, dass Erzieherinnen nicht nur in Kitas dringend gebraucht wurden: Für Kinderheime und Jugendwohneinrichtungen findet man heute noch viele Stellenanzeigen. Da hier in drei Schichten und am Wochenende gearbeitet werden muss, kommt das aber nicht für alle infrage.
Auch Horte, Jugendarbeit, pädagogische Einzelfallhilfe, Kinderbauernhöfe und Flüchtlingsunterkünfte sind mögliche Arbeitsfelder für ErzieherInnen. Vor wenigen Jahren legten die Arbeitsagenturen noch Programme auf, um ausländische AkademikerInnen als Erzieherinnen umzuschulen. Kitas arbeiteten mit Quereinsteigerinnen wie beispielsweise mit Pinar F.
Zu den wenigen Kitaträgern, die noch Erzieherinnen suchen, gehört die AWO Berlin-Mitte, die zehn Kitas betreibt. „Weil wir als Wohlfahrtsverband ein gutes Image haben, sind unsere Kitas zu 70 bis 95 Prozent ausgelastet, besser als viele andere“, sagt AWO-Vorsitzender Manfred Nowak der taz. In der Vergangenheit habe die AWO viel mit Seiteneinsteigern gearbeitet, um überhaupt Kitaplätze anbieten zu können. „Von denen haben uns viele verlassen. Wir suchen noch einzelne pädagogische Fachkräfte, und wir bilden auch noch aus.“
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