Kenianischer Hyperpop: Der Omnivore ist ästhetisch auf der Höhe
Warum knallen Pop-Künstler Kabeaushé auf „Kabeaushé presents: Iggy Swaggering Ungrateful Incessant Little Peeeaaaaaaaa“ alle Sicherungen durch? Ein Erklärungsversuch.
Gleich mal eine Überforderung zum Auftakt: Der Ouvertüre des Albums „Kabeaushé presents: Iggy Swaggering Ungrateful Incessant Little Peeeaaaaaaaa“ klingt nach dem Soundtrack zu einem irrlichternden Film. Genremäßig zwischen Schmonzette, Horror und viel Pomp. Wenn den Hörer:innen am Ende ein menschliches Wesen begegnet, das vielleicht für Orientierung sorgen könnte, und erklärt, worum es hier überhaupt geht, rotzt es aber nur derb rum.
Dann erst beginnt ein herausfordernder Ritt quer durch diverse Popstile: HipHop, Gospel-Dekonstruktion, Industrial-Punk, dazu Falsettgesang, Handclaps, südafrikanische Gqom-Beats und verzerrte Kickdrums. Man muss dem Album ein paar Durchläufe geben, bis sich ein Muster von Grooves und Hooks herausschält, das in dem eklektischen Mix durchaus drinsteckt. Kabochi Gitau alias Kabeaushé, Mastermind hinter dem vergnüglichen Wahnsinn, nennt die Mischung kokett „Pop“.
„Iggy Swaggering …“ ist das dritte Album des 31-jährigen Künstlers, der in der kenianischen Hauptstadt Nairobi aufgewachsen ist. In seinen Zwanzigern versuchte sich Gitau als Schauspieler und Radiomoderator, dann wollte er doch lieber Musik machen. „Ich gab mir ein Jahr, um etwas zu erreichen. Über Monate brachte ich wöchentlich eine neue Single heraus“, erzählt er im Interview. Derek Debru, Mitbegründer des Underground-affinen, über Ostafrika hinaus einflussreichen Nyege-Nyege-Kollektivs in Kampala, wurde auf ihn aufmerksam.
Aus geplanten zehn Tagen in Uganda wurde ein halbes Jahr – der Pandemie sei Dank. Kabeaushé übte sich im Beatbasteln. Auf dem mit dem Kollektiv verbandelten Label Hakuna Kulala erschienen dann sein Debütalbum „The Coming of Gaze“ (2023), eine Compilation früher Tracks. 2022 führte ihn ein Künstlerstipendium des Musicboard Berlin von Uganda nach Deutschland. Er kam wieder und blieb hängen. Nicht zuletzt die Reibung mit der europäischen Kultur gab Gitau Futter für seine exzentrische Pop-Vision.
Kabeaushé: „Kabeaushé presents: Iggy Swaggering Ungrateful Incessant Little Peeeaaaa“ (Selbstverlag/ Bandcamp)
Live: 10.4. 2026 Hamburg „Kampnagel“, 11.4. Köln 2026 „Artheater“, 12.4. 2026 Wiesbaden „Schlachthof“, 29.4. 2026 Berlin „Kantine am Berghain“
Absichtliche Tippfehler
Geneigten Hörer:innen ermöglichen die superenergetischen, hyperdramatischen Konzerte einen Quereinstieg in Kabeaushés Welt. Ihn live zu erleben, erleichtert den Zugang in die überbordenden Klangwelten. Das galt schon beim ähnlich eklektischen Vorgänger „Hold On to Deer Life, There’s a Blcak Boy Behind You!“ (2023), es wartet mit einem Tippfehler im Titel auf. Beim neuen Album hat er mit der Rahmung als Pop-Oper eine konzeptuelle Schippe draufgelegt.
Das im Eigenverlag veröffentlichte Album erzählt vom Aufstieg und Niedergang eines Herrschers namens Iggy. Im fiktionalen Dorf Kingdom wird er zum Despoten und endet als gebrochener, einsamer Mann. Da denkt man als westlich popsozialisierter Mensch gleich an seinen, Iggys, Beinahe-Namensvetter Ziggy und dessen „Rise and Fall“ – zumal das Drama, wie Kabeaushé es auf die Bühne bringt, ähnlich surreal und mit barockem Outfit und blonder Perücke zudem genderfluid anmutet.
An Bowie habe er gar nicht gedacht, erzählt Gitau im Gespräch. Iggys Geschichte sei ja auch nicht die eines Außerirdischen, sondern eines weltlich orientierten Menschen, der über seinen Größenwahn stolpert. Inspiration seien eher die Gottesdienste, mit denen er aufgewachsen sei – seine Mutter sei eine überaus devote Christin; auch sich selbst bezeichnet er als „sehr religiös“. „Ich hatte Iggy im Kopf, bevor die Geschichte konkrete Formen angenommen hat. Es ist Jahre her, dass ich ihn erstmals gezeichnet hatte.“
Als er auf die sehr theatralischen Filme des sowjetrussischen Regisseurs Sergei Eisenstein stieß, habe ihn das in eine neue Richtung geschubst. Gitau erzählt, dass er während der Arbeit am Album endlos viele expressionistische Schwarz-Weiß-Filme geguckt habe – Spuren finden sich im Video zum Song „Untitled 1981“, das den eingekerkerten Iggy zeigt. Auch musikalisch taten sich durch den Kaninchenbau namens Youtube neue Welten auf.
So schwärmt er etwa von dem rumpelig-psychedelischen Song „Leg“ der obskuren Bluesrock-Combo Uriel, die ihr einziges Album „Arzachel“ 1969 veröffentlichte. Der Song haben ihn zum sich frenetisch hochschraubenden „Go Forwards“ inspiriert, einem seiner Lieblingstracks auf dem Album. Die Verbindung erschießt sich der Rezensentin auch nach mehrfachen Hören nicht unbedingt, selbst wenn es bei „Go Forwards“ auch ganz schön rumpelt.
Abgesehen davon steckt in dem Song vor allem viel Kabeaushé. Und der hat sich auch auf diesem Album als ästhetischer Omnivore erwiesen, der fremde kulturelle Welten auf sich einprasseln lässt – und daraus ganz eigene Verbindungen schafft
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