: Keine Milch mehr
Auf dem Hof der Möllers hat der Stall ausgedient. Als veganer landwirtschaftlicher Betrieb steht er in Deutschland ziemlich alleine da
Aus Lentföhrden Anna Simbürger (Text) und Miguel Ferraz Araújo (Fotos)
Im Stall der Familie Möller stehen keine Kühe mehr. Landwirt Maik Möller führt über den Gitterrostboden des ehemaligen Kuhstalls und zeigt stolz die Infotafeln, die es hier zum Thema Milchviehhaltung zu lesen gibt. Wie in einer Art Freilichtmuseum laufen heute Schulklassen durch das einstige Zuhause der Tiere – ohne die Gefahr, in einen Kuhfladen zu treten.
Als der 28-Jährige den Hof in dem etwa eine Autostunde nördlich von Hamburg gelegenen Lentföhrden Anfang des Jahres gemeinsam mit seinem älteren Bruder Marco übernimmt, verabschieden sie sich aus der Nutztierhaltung. Der Hof ist jetzt vegan und damit einer von sehr wenigen. Vegane landwirtschaftliche Betriebe gibt es in Deutschland nur ungefähr so viele wie Bundesländer. In Schleswig-Holstein gibt es den Hof der Möllers – sonst keinen.
Hinter dem Kuhstall liegen noch die alten Futtertröge im Gras. Möller weiß nicht recht, was damit anfangen. Während er da steht, kommt eine Katze aus den hohen Gräsern direkt auf ihn zugelaufen, maunzt. Möller bückt sich, um sie unter dem Kinn zu kraulen. Lange galt Möllers Tierliebe nur für bestimmte Arten, erzählt er: „Es war für mich völlig normal, dass unser Hund ein Familienmitglied ist und 500 Meter weiter die Kühe da sind, um für uns Menschen leckeres Fleisch und leckere Milch zu produzieren.“ Was mit den Kühen passiert, die den Hof in einem Anhänger verlassen, interessiert ihn damals nicht. Den Vorschlag der Eltern, auch mal mit in einen Schlachthof zu fahren, lehnt Möller als Kind ab.
Die männlichen Kälber sind in der Milchviehhaltung nicht zu gebrauchen und werden kurz nach der Geburt geschlachtet. In Deutschland trifft das laut Statistischem Bundesamt pro Jahr auf etwa 300.000 Tiere zu. Nach vier bis sechs Jahren haben auch die weiblichen Rinder ausgedient und werden abtransportiert. Für einen Landwirt normaler Alltag. Die rund 20 Tiere, die die Möllers gehalten hatten, wurden zur Hofumstellung geschlachtet. Nur zwei haben die Umstellung überlebt und grasen gerade auf der Sommerweide ein paar Felder weiter: Mausi und Jakob waren die Lieblinge des Vaters und dienen heute höchstens noch als Sympathieträger für die Gäste der Ferienwohnungen.
Schon vor der Hofübergabe haben die Eltern von Maik und Marco mit der Einrichtung von Ferienwohnungen ein weiteres Standbein aufgebaut. „Als kleinbäuerlicher Betrieb muss man innovativ sein und sehen, wie man wirtschaftlich wird“, weiß Möller. Gut 40 Betten können sie inzwischen vermieten. Seit dem Ausstieg aus der Tierhaltung wurde es noch wichtiger, auf weitere Standbeine zu setzen. So bieten die Möllers neben den Führungen für Schulklassen auch vegane Kochkurse an. Hinzu kommt der Verkauf von Ernteanteilen des selbst angebauten Gemüses.
In einem offenen Schuppen am Rand des Grundstücks stehen zwei Gärtnerinnen in Gummistiefeln und verteilen das frisch geerntete Gemüse auf dunkelgrüne Plastikkisten. Neben Kartoffeln und Karotten liegen diese Woche auch noch Haferwurzeln mit dabei. Das leicht nussig schmeckende Gemüse gelte als „Auster der armen Leute“, sagt Möller und greift sich eine. Selbst esse er aber lieber veganen Döner, erzählt er. Am liebsten den an der Holstenstraße in Hamburg. Am nächsten Tag ist er wieder dort, um die Gemüsekisten auszuliefern.
Möller blickt über die sieben Hektar Land, über die er jetzt seit einigen Monaten gemeinsam mit seinem Bruder waltet. In der Ferne stehen einige Mitarbeitende auf dem Acker und jäten Quecke. Das längliche, grüne Unkraut hält sich hartnäckig und macht den Anbau von Gemüse schwer. Die Umstellung des Bodens von einer Kuhweide hin zu einem, auf dem man Gemüse anbauen kann, sei schwierig und könne Jahre dauern, sagt Möller. Als Nächstes stehe an, Bodenproben zu entnehmen. „Wir müssen auch erst mal prüfen, ob der Boden fruchtbar ist“, meint Möller.
Von den Feldern führt der Weg zurück zum Haupthaus vorbei am ehemaligen Güllebecken, das jetzt leer ist. Ganz ungetrübt zieht so der Duft von frischem Holz in die Nase: Neben dem Becken stapeln sich Berge von Holzpellets oder, wie Möller sagt, „Holzhackschnitzeln“, die sie zum Heizen benötigen. So wie vieles auf dem Hof hat auch das Güllebecken noch keine neue Funktion gefunden. Möller nimmt es gelassen. So eine Hofumstellung ist eben keine Sache von einem Tag.
Die Übergabe an die jüngere Generation haben die Möllers feierlich mit der Übergabe eines Staffelstabs zelebriert. Die Eltern packen aber weiter mit an. Hier wissen alle, dass jede Hand gebraucht wird.
Maik Möller, Landwirt
Bei der Umstellung wurden die Möllers durch den Verein TransFARMation unterstützt. Der Verein begleitete die Möllers in ihren Ängsten und Wünschen, moderierte Gespräche mit den Mitarbeitenden. Jedes Jahr schließen im ganzen Land rund 2.600 landwirtschaftliche Betriebe, so die Klima-Allianz Deutschland. Doch nicht nur wirtschaftliche Gründe treiben Landwirte zum Umdenken. Claudia Gerlach ist Biologin und Fachreferentin bei TransFARMation. Bei den meisten Betrieben sei die Umstellung auf vegan durch ethische und ökologische Gründe motiviert. So auch bei den Möllers.
Möller will etwas gegen den Klimawandel tun und landet beim Thema Ernährung. Laut Umweltbundesamt stammen rund 70 Prozent der Emissionen der Lebensmittelproduktion aus der Herstellung tierischer Erzeugnisse. Für Möller beginnt es mit einem fleischfreien Donnerstag. Doch das ist ihm schnell zu wenig. Er startet einen ganzen vegetarischen Monat. „Ich wollte die Challenge“, sagt er. Auf Fleisch zu verzichten, fällt ihm leichter als erwartet. Kurze Zeit später geht er noch weiter und wird vegan. Vier Jahre ist das jetzt her und für einen wie ihn eher ungewöhnlich. Den Werbespruch „Milch macht müde Männer munter“ lernt Möller nämlich schon als Kind und trinkt fleißig sein Calcium.
Der Schritt von der persönlichen Ernährung hin zur betrieblichen Umstellung war dann zumindest gedanklich nicht mehr weit.
Fast die Hälfte der Einnahmen der Möllers kommt aus der Vermietung von Ferienwohnungen. Dass die Umstellung auch ohne dieses Standbein hätte glücken können, hält Möller für fraglich. Auch Gerlach von TransFARMation sieht das ähnlich: „Der Wegfall von Erlösen aus der Tierhaltung und Probleme bei der Finanzierung dürften bei der Umstellung die größten Hindernisse für Landwirt:innen sein.“
Dabei mangele es auch an staatlichen Förderungen und Beratungen. In Deutschland gibt es bisher keine Beratungsangebote von offiziellen Stellen und auch keine finanziellen Anreize für einen Ausstieg aus der Nutztierhaltung.
Auch die Vermarktung einer veganen Landwirtschaft falle einigen Landwirten schwer, so Gerlach. Nicht so den Möllers. Maik Möller, der Applied Computer Sciences studiert hat, nutzt seine IT-Kenntnisse, um die hofeigene Website zu gestalten und mit großer Freude einen Social-Media-Kanal auf Instagram zu betreiben. Ungefähr 20 Prozent aller Kunden haben sie so bisher für den Kauf der Ernteanteile angeworben.
Wenn manche Leute auf Social Media erfahren, dass die Möllers ihren Hof auf vegan umgestellt haben, hinterlassen sie gehässige Kommentare. Veganismus polarisiert, besonders in der landwirtschaftlichen Branche. Einige behaupten sogar, die Großeltern würden sich im Grab umdrehen. Möller glaubt das nicht: „Der Pioniergeist lebte hier schon immer.“
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