Wahrnehmung der Ukraine in Berlin: „Die sowjetischen Ehrenmale dienen russischer Propaganda“
Seit 2023 gibt es das Ukrainische Institut in Berlin. Seine Leiterin hofft auf mehr Sichtbarkeit für ukrainische Themen und sucht den Kulturdialog.
Foto: Hohlfeld/imago
taz: Frau Rietz-Rakul, Russlands Krieg in der Ukraine tötet nicht nur Menschen, sondern auch die Natur. Im Schwarzen Meer soll bereits ein Fünftel der Delfine ums Leben gekommen sein. Sie laden nun als Ukrainisches Institut am Donnerstag zu einer Veranstaltung unter dem Titel „Imperiale Narben“ zum Thema „Natur und Umwelt in Osteuropa“ ein. Warum?
Kateryna Rietz-Rakul: In Kriegen wird auch die Natur immer wieder in Mitleidenschaft gezogen. Wir müssen deshalb darüber sprechen, wie Imperien – auch als Besatzungsmacht – mit der Natur umgehen.
taz: Wie gehen Imperien wie Russland mit der Natur um?
Kateryna Rietz-Rakul ist Direktorin des Ukrainischen Instituts in Berlin. Sie wurde 1978 im westukrainischen Lwiw geboren und studierte Anglistik und Amerikanistik in Berlin und Lwiw. Sie promovierte über zeitgenössische Literatur und hat bereits als Mitgründerin des Vereins Kul’tura den Dialog mit der Ukraine und anderen europäischen Ländern gesucht.
Rietz-Rakul: Für sie ist die Natur eine Ressource – genauso wie die Menschen eine Ressource sind. Etwas zu vernichten, was einem nicht lieb und teuer ist, scheint komplett einfach zu sein. Den respektlosen und barbarischen Umgang – auch mit der Natur – kennt die Ukraine aus eigenen historischen Erfahrungen mit Russland. Aber auch Deutschland kann zu diesem Gespräch beitragen.
taz: Ukrainische Forschende dokumentieren diesen Umgang, zum Beispiel im Tusly-Nationalpark am Schwarzen Meer, um Beweise für Kriegsverbrecherprozesse zu sammeln, bei denen es auch um einen Ökozid, die Zerstörung der Natur, geht.
Rietz-Rakul: Wir wissen, dass die Russen in ukrainischen Naturschutzgebieten Brände verursachen mit dem Ziel, anschließend die Feuerwehr, die die Brände löscht, mit Artillerie zu beschießen. Im Hinblick auf das Emerald Network – ein europaweites Netzwerk von Schutzgebieten, das zum Schutz von Arten und Lebensräumen eingerichtet wurde, denen auf kontinentaler Ebene das Aussterben droht – handelt es sich hierbei nicht um ein rein ukrainisches Problem. Diese Vernichtungsakte wirken sich auf alle Schutzgebiete des Netzwerks in ganz Europa aus.
Das Ukrainische Institut
Das Ukrainische Institut in Berlin wurde 2023 gegründet, ein Jahr nach der russischen Vollinvasion. Es war das erste Auslandsinstitut der Ukraine. Zwei weitere wurden inzwischen in Paris und den Niederlanden eröffnet.
Auftrag der Institute ist die Vermittlung ukrainischer Kunst und Kultur. In ihrem Programm sind die Institute, die zum ukrainischen Außenministerium gehören, unabhängig – vergleichbar den deutschen Goethe-Instituten.
Podiumsgespräch: Am 5. November um 18.30 Uhr lädt das Institut zu einem Podiumsgespräch zum Thema „Imperiale Narben“ über „Natur und Umwelt in Osteuropa“ ins Wissenschaftsforum in der Berliner Markgrafenstraße ein. Teilnehmerinnen sind unter anderem Franziska Davies und Nina Direnko.
taz: Gleichzeitig holt sich die Natur Terrain zurück. Nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms am Fluss Dnipro im Juni 2023 ist auf dem Grund des Staubeckens ein neuer Wald entstanden.
Rietz-Rakul: Der Wald ist auch entstanden, weil die Weiden, die am Grunde des Stausees waren, neu ausgetrieben haben.
taz: Sind solche Themen, ähnlich wie vielleicht auch bedrohte Kunst- und Kulturgüter in den Welterbestätten der Ukraine, eine Möglichkeit, das Publikum auch in Berlin mit anderen Nachrichten abholen zu können als mit denen, die Tag für Tag in den Medien zu lesen und zu sehen sind?
Rietz-Rakul: Ich denke schon. Aber weniger aus einer strategischen Überlegung heraus. Eher deshalb, weil es objektiv gesehen viele Themen gibt, die wir gemeinsam haben und für die wir gemeinsam Lösungen suchen müssen. Dazu gehört auch die Umwelt, die täglich zerstört wird. Die Ukraine ist inzwischen das Land der Welt, das am meisten vermint ist.
taz: Und dennoch gibt es in der Ukraine immer wieder Initiativen und Aktivisten, die sich auch unter Kriegsbedingungen für den Schutz der Natur einsetzen.
Kateryna Rietz-Raku, Leiterin des Ukrainischen Instituts in Berlin
Rietz-Rakul: Ständig tun sie das, trotz des unaufhörlichen Terrors seitens Russlands. Die Ukrainer sind da sehr eigenwillig und protestbereit. Sie haben wenig Respekt vor Autoritäten. Wenn sie einen Missstand sehen, werden sie sofort aktiv.
taz: Als Ukrainisches Institut haben Sie den Auftrag, ukrainische Kunst und Kultur, aber auch Geschichte den Deutschen näherzubringen. Wie sehr ist da das Interesse des deutschen Publikums seit dem Beginn der Vollinvasion gewachsen?
Rietz-Rakul: Für uns als Institut ist es wichtig, die deutsch-ukrainischen Beziehungen auszubauen und zu pflegen. Deswegen arbeiten wir auch viel und gerne mit deutschen Kolleginnen und Kollegen zusammen. Dieser Dialog ist uns fast noch wichtiger als die alleinige Präsentation der ukrainischen Kultur. Was das Interesse angeht, es kommt in Wellen. Den ersten Aha-Effekt gab es schon 2014, den nächsten, natürlich, 2022.
taz: Damals hatten Sie den Verein Kul’tura gegründet.
Rietz-Rakul: In der Tat haben wir schon damals, als es das Ukrainische Institut in Deutschland noch gar nicht gab, angefangen, kulturdiplomatisch zu arbeiten, ohne dass das damals so hieß. 2022 dann kam der große Schock in Deutschland. Plötzlich wurde einem zugehört. Das hat sich aber wieder etwas abgeschwächt. Deshalb ist es so wichtig, dass wir auch die Themen ansprechen, die uns gemeinsam beschäftigen – wie eben die Zerstörung der Natur.
taz: Welche Rolle spielt die Literatur in diesem Kulturdialog? Gerade hat Artem Tschech seinen neuen Roman vorgestellt. Mit Yuriy Gurzhy gibt es auch einen Berliner Autor, der aus Charkiw kommt und zuletzt sein Buch „Ein Aquarium voller Schlüssel“ herausgebracht hat. Ist die Literaturbrücke zwischen Deutschland und der Ukraine stabil?
Rietz-Rakul: (lacht) Mit Yuriy Gurzhy habe ich sogar in einer Band zusammengespielt. Die Literaturbrücke wird immer weiter ausgebaut. Sie ist keine Hängebrücke mehr, wenn man im Bild bleiben will. Der Bachmann-Preis für Tanja Maljartschuk im Jahr 2018 oder der Horst-Bienek-Preis für Lyrik für Halyna Kruk in diesem Jahr sind Beweise dafür, dass ukrainische Literatur im deutschsprachigen Raum endlich ankommt. Genauso wie die Verkaufszahlen von Artem Tschechs Buch in der Schweiz. Vor allem die Lyrik ist im Kommen.
taz: Weil sie neben dem Tagebuch eine geeignete Form ist, das atemlose Leben von einem Tag auf den anderen einzufangen?
Rietz-Rakul: Ja. Anders als Prosa gibt Lyrik die Möglichkeit, schneller zu reagieren. In den ersten Jahren der Großinvasion spielte Lyrik eine riesige Rolle in der Ukraine, denn durch Lyrik kann man die Flut der Emotionen am besten zum Ausdruck bringen. Übrigens wird ukrainische Literatur zunehmend ins Deutsche übersetzt. Wir vom Ukrainischen Institut haben selbst ein Programm namens „Übersetzerwerkstatt“ ins Leben gerufen, um die Übersetzer-Community zu erweitern und zu unterstützen.
taz: Wäre es an der Zeit, dass die Ukraine einmal Gastland auf der Frankfurter Buchmesse wird?
Rietz-Rakul: Sie wird voraussichtlich 2030 endlich Gastland.
taz: Im kommenden Jahr startet die große „Bilaterale Kultursaison 2027 und 2028“, die beide Länder beim Besuch von Präsident Selenskyi bei Bundeskanzler Merz im April ins Leben gerufen haben. Was erwarten Sie sich davon?
Rietz-Rakul: Ich hoffe, dass wir tatsächlich noch viel sichtbarer werden. Aber natürlich ist Kultur auch immer eine Frage der verfügbaren finanziellen Mittel und Ressourcen. Und die sind in der Ukraine sehr knapp. Die ganzen Ressourcen werden für das Überleben benötigt. Das macht es schwierig. Aber natürlich ist das eine sehr wichtige Gelegenheit, miteinander zu sprechen, Wissenslücken zu schließen und einander zu verstehen. Russische Softpower war lange – und ist es immer noch – sehr einflussreich in Deutschland. Wir dürfen Russland die Bühne nicht überlassen.
taz: Wird dann auch noch einmal über die drei sowjetischen Ehrenmale in Berlin gesprochen werden? „Wir müssen das sowjetische Erbe neu bewerten“, hatte die ukrainische Friedensnobelpreisträgerin Oleksandra Matwijtschuk zuletzt beim „Cafe Kyiv“ gefordert. Die Antwort war ernüchternd: Es müsse mehr kontextualisiert werden, heißt es. Reicht Ihnen das?
Rietz-Rakul: Wenn das endlich passieren würde, wäre es immerhin ein erster Schritt. Was die Zuständigkeit angeht: Niemand fühlt sich für diese Kontextualisierung zuständig. Es fehlt der politische Wille. Solange das so bleibt, werden die Ehrenmale für russische Propaganda und Desinformation genutzt.
taz: Sollte nach der Schließung des Russischen Hauses da ein neuer Anlauf unternommen werden?
Rietz-Rakul: Ja, und ich möchte hier noch einmal betonen, dass dies kein ukrainisches, polnisches oder sonstiges Problem ist. Das ist ein deutsches Problem, denn die russischen Objekte werden für die sogenannte hybride Kriegsführung in Deutschland gegen die Deutschen eingesetzt. Das Argument, es gäbe Verträge, finde ich schwach. Russland selbst hält sich schließlich an keinen Vertrag, den es unterzeichnet hat.
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