Berliner Demo für die Ukraine: Drohnennetz vor dem Brandenburger Tor
In Berlin ist der Himmel frei, in der Ukraine kommt von dort die Todesgefahr. „Wir teilen einen Himmel“ war das Motto der Demo zu ihrem Unabhängigkeitstag.
Foto: Volodymyr Sindieiev/picture alliance
Vor einiger Zeit schockierte ein Video aus Cherson die Öffentlichkeit. Zu sehen war eine russische Drohne, die einen ukrainischen Gemüsehändler jagte. Mehrfach umkreiste sie den Mann, dann explodierte sie. Wie durch ein Wunder überlebte das Opfer.
Um sich vor Drohnen zu schützen, sind in Cherson viele Straßen durch Netze geschützt. Sie sollen verhindern, dass sogenannte First-Person-View-Drohnen, die von russischen Piloten ferngesteuert werden, Fahrzeuge und Menschen angreifen. Nun wurde zum 35. Jahrestag der Unabhängigkeit der Ukraine ein solches Schutznetz über den Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor gespannt.
„Während der Himmel in Deutschland meist mit Wetter und Alltag verbunden ist, steht er für die Menschen in der Ukraine für Gefahr“, erklärt der Verein Vitsche, der die Installation zusammen mit mehreren Partnern errichtet hat. Das temporäre Schutznetz über dem Pariser Platz verdeutliche, dass provisorische Schutzmaßnahmen in der Ukraine notwendig geworden sind, um Menschen vor Angriffen zu schützen.
„Beklemmend“ war wohl das Wort, das am Montag häufigsten zu hören war. Ab 12 Uhr war das Netz gespannt. Immer wieder schauten Touristinnen und Touristen irritiert auf die Installation. Am Abend traf dann ein Protestmarsch am Brandenburger Tor ein. Mehrere Tausend Personen waren zum Unabhängigkeitstag am Potsdamer Platz losgezogen, viele von ihnen Ukrainerinnen und Ukrainer, die in Berlin leben.
„Wir teilen einen Himmel“ lautete das Motto des Marsches wie auch der Installation am Brandenburger Tor. Unter den Teilnehmern des Protestmarsches war auch Wieland Giebel. Der Leiter des Berlin Story Verlags hatte im Februar 2023 mit einer Installation vor der russischen Botschaft Unter den Linden für Aufregung gesorgt. Zusammen mit Enno Lenze vom Berlin Story Bunker hatte er einen ausgebrannten russischen Panzer aus Kyjiw nach Berlin gebracht und am Mittelstreifen des Boulevards aufstellen lassen.
Die Installation von Vitsche am Montag war subtiler. Unterhalb des 3,50 Meter hohen und 45 Meter langen Schutznetzes wurden Geschichten von Menschen erzählt, die in der Ukraine Drohnenangriffe erlebt haben. Vor dem Hintergrund des täglichen Terrors und von Szenen einer „Menschensafari“, wie es in der Ukraine genannt wird, wundert es nicht, dass der Marsch am 35. Jahrestag der Unabhängigkeit kein Feiermarsch war. „Wir feiern erst, wenn der Krieg vorbei ist“, sagte eine Rednerin bei der Auftaktkundgebung am Potsdamer Platz.
Protest am Russischen Haus
Der Protestmarsch führte auch am Russischen Haus in der Friedrichstraße vorbei. Vitsche forderte erneut die Schließung der Einrichtung, vor der zuletzt das französische Innenminsterium gewarnt hatte. Unter dem Deckmantel eines Kulturinstituts werde das Haus als „Tarnung für russische Geheimdienste“ genutzt. Dass das Russische Haus, dessen Betreiber Rossotrudnitschestwo von der EU mit Sanktionen belegt wird, noch nicht geschlossen ist, liegt an zwei Abkommen, die die Bundesrepublik mit Russland geschlossen hat. Bei einer Schließung, heißt es, drohe auch die Schließung der drei Goethe-Institute in Russland.
Das wollen die Aktivistinnen von Vitsche nicht gelten lassen. „Angst vor russischer Vergeltung darf nicht zu deutscher Politik werden“, heißt es in einer Stellungnahme. Auch dürfe das Goethe-Institut, das in Russland ohnehin nur in einem Notbetrieb geöffnet hat, nicht zum „Geiselargument“ werden. Nach einem Bericht des Spiegels prüfe das Auswärtige Amt derzeit, inwieweit die Verträge mit Russland gekündigt werden können.
Auch die Leiterin des Ukrainischen Instituts in Berlin, Kateryna Rietz-Rakul, fordert die Schließung der Einrichtung. „Wir wissen, dass dort regelmäßig russische Propaganda betrieben wird“, sagte sie dem RBB. Der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter erinnerte daran, dass die neue Leiterin des Russischen Hauses Xenia Fedorova wegen Desinformation aus Frankreich ausgewiesen worden ist. Einer der beiden Staatsverträge zu dem Haus, sagt er, könne im Dezember gekündigt und die Einrichtung geschlossen werden.
Am Brandenburger Tor war das Schutznetz am Abend ein begehrtes Fotomotiv. Und es erinnerte daran, wie verschieden die Himmel in Kriegszeiten sein können. Zumindest einen Tag lang war der Himmel über der Ukraine auch in Berlin präsent. „Jede abgefangene Rakete oder Drohne bedeutet ein gerettetes Leben“, sagte Kateryna Mykhalko, die Initiatorin des Projekts.
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