Karneval der Kulturen: 30 Jahre Party gegen Rassismus
Die Gruppe Exylium beruft sich auf die Pogrome von Rostock-Lichtenhagen. Der Karneval war damals eine Gegenreaktion auf die rassistische Gewalt der 90er.
Inmitten von Bierdunst und Seifenblasen zieht eine Radfahrerin die rollende Plattform des Exyliums auf der Frankfurter Allee hinter sich her. Auf der Holzbühne sitzt zusammengekauert eine in Weiß gekleidete Tänzerin. Mit langsamen Bewegungen streckt sie die Arme vor sich aus. Hinter ihr folgen schwarz gekleidete Tänzer:innen mit rot bemalten Händen. Sie halten und stoßen sich gegenseitig ab. Bald bedeckt die rote Farbe ihre Unterarme, Gesichter und Kleidung.
Bei Rio-würdigem Sonnenschein performt die Gruppe Exylium am Sonntag beim großen Karneval der Kulturen-Umzug. 67 Gruppen und 4.050 Künstler stellen am Nachmittag stolz traditionelle Tänze und Kostüme vor – zum zweiten Mal wegen Bauarbeiten nicht auf der traditionellen Kreuzberger Strecke, sondern in Friedrichshain. Im Samariterkiez haben die Bars ihre Schiefertafeln herausgeholt: Caipirinha für fünf Euro, Aperol Spritz und Mojito für sieben Euro. Um 14 Uhr kommt man kaum noch zwischen den Publikumsreihen auf den Gehwegen hindurch.
Luo Chen wirbelt die Frankfurter Allee entlang. Er streckt seine rot verschmierten Hände aus und zeigt sein von weißen Flecken besprenkeltes Gesicht der Sonne. Plötzlich stürmt er auf einen Fotografen an der Straßenseite zu. Der Mann weicht zurück. Der Tänzer bleibt nur wenige Zentimeter vor dem Kameraobjektiv stehen. Der Fotograf lacht überrascht, dann läuft Chen zurück zur restlichen Tanzgruppe, die sich quer vor dem Publikum bewegt.
In der Mitte der Gruppe wirkt Jun mit ihrem roten, verbrannten löchrigen Kleid und den aschschwarzen Rändern orientierungslos. Die Tänzerin guckt ins Leere, während die anderen um sie herum laufen. Dann ahmt sie die Bewegungen ihrer Partner nach und hebt mechanisch die Arme. Aus den Lautsprechern und vom Mischpult auf der Bühne hallen Sirenen- und Knallgeräusche wider.
Aufnahmen aus Rostock
„Die Geräusche stammen aus Archivaufnahmen der Pogrome von Rostock-Lichtenhagen“, erklärt Yaming Wang, die künstlerische Leiterin des Kollektivs. Während ihres Kunststudiums in Deutschland erfuhr Wang schockiert von den nächtelangen rassistischen Angriffen mit Molotowcocktails auf das „Sonnenblumenhaus“ im Jahr 1992. Die Pogrome gaben den Impuls für die Gründung der Werkstatt der Kulturen im Jahr 1993 in Berlin. Daraus entwickelte sich drei Jahre später der Karneval der Kulturen als Symbol gegen Rassismus und Rechtsextremismus.
Besucherin beim Karneval der Kulturen
Nur eine Straße entfernt von der symbolträchtigen Rigaer Straße will die zeitgenössische Tanzperformance mit elektronischer Musik von Exylium auch eine Hommage an die Berliner Hausbesetzungsszene sein. „Hausbesetzungen und rassistische Übergriffe: das sind die zwei gegensätzlichen Seiten desselben Systems urbaner Ausgrenzung, das vom Kapitalismus geprägt ist. Die zentrale Frage lautet: Wer darf in der Stadt leben?“
Zum zweiten Mal gibt Exylium marginalisierten Menschen auf dem Karneval eine Stimme. Im Jahr 2022 rief Chen das Kollektiv ins Leben, als er am Training „Artists in Exile“ an der Universität der Künste teilnahm. Zusammen mit Kommiliton:innen aus dem Programm für Künstler:innen, die ihre Heimat aus politischen Gründen verlassen mussten, wollte er „nicht für ein bestimmtes Land auftreten, sondern für Menschen tanzen, die vom Kapitalismus und Patriarchat an den Rand gedrängt werden“. 2023 hatte Exylium seinen ersten Auftritt beim Karneval. Dann aus Zeitgründen keinen mehr, bis seine Freundin Wang vor drei Monaten einen Aufruf an Künstler:innen postete.
„What is it? They all look so dark and beautiful“, fragt eine Zuschauerin in der ersten Reihe. Zwischen dem Wagen mit traditionellen bulgarischen Tänzen und einer Gruppe mit türkischer Musik fallen die Elektroklänge und die staatenlose Kleidung der rund fünfzehn Tänzer:innen aus China, Südkorea, Brasilien, Taiwan und Deutschland auf. „Weird, aber geil“, kommentiert schlicht ein anderer Zuschauer.
Eine Gruppe für die Hässlichkeit
„Wir wollen uns somit abgrenzen, weil wir als hässlich empfunden werden“, erklärt Chen. „Der ganze Karneval feiert mit wunderschönen Kostümen. Es soll auch eine Gruppe geben, die für das Hässliche steht.“ So habe er sich etwa in den Augen der deutschen Bürokratie gefühlt, als ihm sein monatliches Einkommen nach dem Master in Berlin kein Arbeitsvisum sichern konnte. Er begann einen neuen Bachelor von Anfang an, „um als Ausländer in Berlin existieren zu können“.
Bis heute positioniere sich der Karneval klar „gegen die extreme Rechte, gegen Rassismus, gegen Polarisierung“, sagt die Co-Leiterin des Festivals, Aissatou Binger. Die gebürtige Berlinerin erinnert sich anihren ersten Karnevall der Kulturen-Umzüge, bei denen „Vielfalt selbstverständlich war“ und „Communitys sichtbar wurden“. Sie sagt aber auch: „Mit einer Organisation wie der diesjährigen wird der Karneval im nächsten Jahr nicht haltbar sein.“ Von den 85.000 Euro, die durch Spenden gegen die Finanzierungslücke gesammelt werden sollen, war bis zum Tag des Festivals kaum ein Viertel zusammengekommen. Dabei hatten 770.000 Menschen den Umzug besucht und am Tag zuvor schon Zehntausende das Straßenfest am Blücherplatz. „Das ist keine Absage für 2027, sondern eine Aufforderung an die kommende Berliner Regierung“, sagt Binger.
Zwischen den auf dem Boden verstreuten Flaschen laufen Besuchende mit ihren Nationalflaggen über den Schultern umher. Einige weiße Menschen tragen Dreadlocks. Auch ein Mann mit einem Rammstein-T-Shirt schlendert durch die Menge. Fast jede:r hält ein Glas Aperol oder einen Teller Fufu in der Hand. Seit langem sei die Menschenmenge eine bunte Mischung aus Feiernden, engagierten Menschen und Jugendlichen, sagen zwei Stammbesucherinnen, die abseits sitzen. „Aber vielleicht bleibt bei den Jüngeren etwas hängen. Dass man mit allen feiern kann, ohne Rassismus.“
Auf der Frankfurter Allee löst sich Chen von der tanzenden Gruppe und wirbelt auf ein Kind zu. Der Junge dreht sich mit der Schulter zur Seite vor dem furchterregenden Gesicht weg. Für ein paar Sekunden bricht Chen aus seiner Rolle aus und schenkt ihm ein strahlendes Lächeln. Der Junge lächelt zurück. Dann kehrt Chen lachend in Pirouetten mit der Gruppe hinter die Bühne wieder zurück. Die Menge applaudiert, während der Wagen von Exylium vorbeizieht. Die Sirenen heulen aus den Boxen. Vor ihnen ragen die Türme des Frankfurter Tors und des Alexanderplatzes empor.
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