Karen Attiah und die „Washington Post“: Was viele denken
Wegen eines Posts über den Rechtsextremen Charlie Kirk verlor eine US-Journalistin ihren Job – zu Unrecht, wie nun entschieden wurde. Der Fall verrät viel.
Nicht wenige hatten gehofft, dass Friedrich Merz nicht mehr aus dem Urlaub zurückkommt. Oder am besten für immer verschwindet. Andere haben es gefeiert, als das Attentat auf Donald Trump 2024 mit dem sprichwörtlichen letzten Bus verglichen wurde: „leider knapp verpasst“. Und nicht jeder wollte um den ermordeten rechtspopulistischen Aktivisten Charlie Kirk in den USA trauern. All diese Aussagen stammen, so oder so ähnlich, von Journalist*innen oder anderen medialen Persönlichkeiten – und kosteten manche davon ihre Jobs. Gingen sie über die Meinungsfreiheit hinaus?
Für einen weiteren dieser Fälle lässt sich das jetzt beantworten: nein. Die US-amerikanische Journalistin Karen Attiah hatte nach dem Attentat auf Charlie Kirk im September 2025 auf der Plattform Bluesky geschrieben: „Mich zu weigern, meine Kleidung zu zerreißen und mir Asche ins Gesicht zu schmieren, um theatralisch um einen weißen Mann zu trauern, der Gewalt befürwortete, ist … nicht dasselbe wie Gewalt.“ Daraufhin wurde sie von ihrem Arbeitgeber, der Washington Post, gefeuert.
Zuvor war Attiah dort elf Jahre als Meinungsautorin tätig. Ihre Kündigung ließ sich die Journalistin aber nicht widerstandslos gefallen. Sie eröffnete ein Schiedsverfahren gegen ihren Arbeitgeber. Die Schlichterin entschied: Attiah habe kein grobes Fehlverhalten begangen, die Kündigung sei nicht rechtens.
Nun ist die Washington Post dazu verpflichtet, die Kündigung zurückzunehmen und die fehlenden Gehälter nachzuzahlen – zur großen Freude Attiahs.
Kurswechsel unter Bezos?
Einigen mag die Entscheidung aufstoßen, weil sie Attiahs Kommentar über Kirk als geschmacklos bezeichnen würden. Das kommt vor. Oft wird bei Meinungsstücken oder verkappten Posts in den sozialen Medien gefragt: Musste das sein? Aber es liegt wohl in der Natur von Meinungsredakteur*innen, zu zeigen: Ja, das muss. Meinungen nerven, wann immer sie nicht die eigenen sind. Aber gerade das, was nervt und aneckt, kann Ausgangspunkt für eine fruchtbare Debatte sein. Oder ein Gerichtsverfahren. Manchmal beides.
Der Fall Attiah wirft aber einmal mehr die Frage auf, ob es in Ordnung ist, dass Medien Journalist*innen feuern, weil ihnen ihre Meinung nicht passt und sie ihren Ruf in Gefahr sehen. Widersprüchlich dabei ist, dass Medienhäuser besonders gern nach Leuten suchen, die in den sozialen Medien am lautesten krähen – um sie für Kolumnen und Kommentare zu gewinnen.
Denn auch Zeitungen unterliegen der Aufmerksamkeitsökonomie und wollen hohe Klickzahlen. Umso besser – und sonst auch Standard – wenn es politisch fundierte und gut argumentierte Meinungsbeiträge sind, die diese liefern. Wenn dann die eigenen Autor*innen aber nicht mehr ins politische Raster passen, wird sich doch wieder distanziert. Zu kontrovers, zu heikel.
Bei der Washington Post drängt sich daher die Frage auf, ob auch dieser Vorfall auf einen Kurswechsel des Mediums unter Eigentümer Jeff Bezos zurückzuführen ist. Seit der Wiederwahl von Trump liege der Fokus der Meinungsberichterstattung auf „persönlichen Freiheiten und freien Märkten“, sagte dieser bei seinem Amtsantritt. Attiahs Kommentar schien darunter nicht zu fallen.
Meinungen darf man doof finden
Dabei ist ihr Post nur ein Auszug ihrer Arbeit. In einem weiteren Beitrag auf der Plattform Substack erklärte sie, ihre journalistischen und moralischen Werte hätten sie dazu gezwungen, Gewalt und Mord zu verurteilen, ohne dabei vorgetäuschte Trauer für einen Mann zu zeigen, der regelmäßig Schwarze Frauen als Gruppe attackierte und Wissenschaftler*innen durch die Aufnahme in Beobachtungslisten in Gefahr brachte. Ist das zu kontrovers für die Washington Post?
Das Schöne an Meinung ist: Man muss nicht mit ihr übereinstimmen, um darüber zu reden, zu streiten und davon ausgehend gesellschaftliche Strukturen infrage zu stellen. Am Ende sprechen Meinungsjournalist*innen oft nur aus, was viele denken. Es ist eine Perspektive. Und von denen brauchen wir viele, um nicht im Einheitssumpf zu versinken.
Das sollten Medienhäuser wissen und sich auch nicht von einem Tech-Milliardär dazwischenfunken lassen. Meinungen kann man doof finden, aber nicht die Meinungsfreiheit.
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