Kampf um den Donbass: Im Schützengraben bei Pokrowsk
Ukrainische Soldaten der 25. Brigade halten an der östlichen Front russischen Angriffen stand. Sie gehen von einer neuen russischen Offensive aus.
Eine holprige Landstraße im Gebiet Donezk im Osten der Ukraine. Maksym manövriert das Fahrzeug mit dem Presseoffizier und dem Journalisten gekonnt über die Unebenheiten und bremst an einer Bushaltestelle. Überlandbusse halten hier schon seit Jahren nicht mehr. Die Umgebung ist schmutzig und verwüstet. Der Oberfeldwebel des Aufklärungs- und Eingreiftrupps des Bataillons für unbemannte Systeme der 25. Selbstständigen Luftlandebrigade Sicheslaw ist etwas wortkarg, hin und wieder jedoch lächelt er.
Maksym befiehlt den Mitfahrern, kugelsichere Westen anzulegen und Helme aufzusetzen. Denn der letzte, jedoch gefährlichste Streckenabschnitt – die 10 Kilometer bis zu den Stellungen in Richtung Pokrowsk, liegt jetzt vor ihnen. Laut Generalstab der ukrainischen Armee war dieses Gebiet im Jahr 2025 mit am häufigsten russischen Angriffen ausgesetzt.
Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
Maksym öffnet eine Militär-App. Dort ist ein Dutzend roter Punkte zu sehen – feindliche Drohnen, unter anderem Aufklärungsdrohnen und möglicherweise auch russische Kamikazedrohnen vom Typ Molniya. Sie kreisen nur wenige Kilometer von der Straße entfernt, Maksym und seine Begleiter werden wahrscheinlich durchkommen.
Das beängstigende Surren der Drohnen
Die zahlreichen Glasfaserdrohnen des Feindes werden in der App nicht angezeigt. Maksym aktiviert das elektronische Kampfführungssystem, was ein leises Summen im Auto und das Aufleuchten einer Kontrollleuchte unter dem Sitz verursacht. Der Allradantrieb wird zugeschaltet und es geht weiter.
Bei geöffneten Fenstern ist das laute Surren der Drohnen zu hören. Ein Blick in den Himmel macht Angst. Doch es sind nur Vögel, die einzeln über der Steppe von Donezk kreisen. Sie ähneln manchmal den Molniya-Drohnen. Nach der Ankunft steigen alle drei schnell aus und gehen in Deckung. Das Geräusch von Drohnen ist ständig zu hören. Ukrainische und russische Artillerie feuert fast ununterbrochen.
Die Ausstattung des Stützpunktes des Zuges der 25. Brigade muss den Soldaten traumhaft vorkommen: Mit Eisenplatten bedeckte und verstärkte Schützengräben sowie ein tief im Boden eingegrabener Betonbunker mit einer Lampe und einem Schlafbereich. Es gibt sogar eine feste Toilette, aber sie wird nicht benutzt, um unangenehme Gerüche zu vermeiden. Die Schützengräben sind warm, trocken und fast frei von Nagetieren, die die Armee noch vor einem Jahr plagten.
Kurz vor der Ankunft von Maksyms Fahrzeug hätten die Russen mit einer Leleka-Abfangdrohne eine Aufklärungsdrohne der 25. Brigade abgeschossen, erzählen die Soldaten. Pokrowsk ist nun aus der Luft nicht mehr zu sehen. Russische Truppen haben die Stadt noch nicht vollständig eingenommen, in der Umgebung befinden sich noch einige Stellungen der ukrainischen Streitkräfte.
Russische Armee rückt vor – mit immensen Verlusten
Die Invasionsarmee rückt langsam vor, aber unter immensen Verlusten. Derzeit versuchen die Russen, das Dorf Hryshyne bei Pokrowsk einzunehmen. „Sie patrouillieren ununterbrochen. Die Russen haben mehr Abfangjäger, sie haben mehr von allem“, sagt Maksym. Er fügt hinzu, dass das gesamte russische Luftverteidigungssystem an der Front auf Abfangdrohnen basiere – genau wie bei den ukrainischen Streitkräften. Weiter im russischen Hinterland befänden sich jedoch auch Flugabwehrraketen vom Typ Strela aus sowjetischer Zeit.
Anton, ein Aufklärungsdrohnenpilot der 25. Brigade, ist seit etwa zwei Jahren im Krieg. Der hagere, blasse Mann in den Dreißigern ist zurückhaltend, aber genießt unter den Anwesenden absolute Autorität. Er habe in den vergangenen sechs Monaten keine neuen russischen Drohnen gesehen. „Doch sie modernisieren die alten sehr effektiv. Sie rüsten die FPV- und Molniya-Drohnen besser aus, sodass diese eine größere Reichweite haben und besser kommunizieren können. Vielleicht haben sie weitere Frequenzen hinzugefügt, auf die die Drohnen umschalten können“, sagt Anton.
Laut Maksym verfügten die Russen derzeit über zwei- bis dreimal so viele Aufklärungsdrohnen wie die ukrainischen Streitkräfte. Dies ermögliche es den Besatzern, Transporte und die Logistik im unmittelbaren Hinterland der Ukraine aktiv zu zerstören.
Unterschiedliche Ansichten zur Starlink-Abschaltung
Die russische Armee habe nach einer kurzen Pause ihre Angriffe in Richtung Pokrowsk wieder aufgenommen, sagt Anton. Die fehlende Kommunikation der Russen mit dem amerikanischen Unternehmen Starlink habe den Einsatz von Molniya- und Shahed-Drohnen jedoch nur geringfügig beeinträchtigt.
Maksym hingegen berichtet, dass die Russen nach der Abschaltung von Starlink den Beschuss der Autobahn zwischen Pawlohrad und Petropawliwka an der Grenze zwischen den Gebieten Dnipropetrowsk und Donezk eingestellt hätten. In letzter Zeit setze der Feind Shahed-Drohnen vermehrt gegen die Frontlinie ein, anstatt tiefer ins ukrainische Hinterland vorzudringen.
Der Kommandeur der Drohnenangriffskompanie der 25. Brigade mit dem Kampfnamen „Bourgeois“ wirkt erschöpft. Er erklärt, die Lage bei Pokrowsk sei im vergangenen Jahr katastrophal gewesen. Er behauptet, der Ausfall des Starlink-Netzwerks habe die russische Kommunikation beeinträchtigt. „Wir zerstören ständig ihre WLAN-Verbindungen und stören sie so weit wie möglich. Infolgedessen funktionieren ihre FPV-Drohnen immer schlechter. Das eröffnet uns logistische Möglichkeiten, um zumindest mit Bodenrobotern zu unseren Posten vorzudringen und Infanterie bereitzustellen“, sagt er.
Anzeichen für neue russische Offensive
Trotz Berichten über eine angebliche Mobilisierungskrise in Russland geht das ukrainische Militär nicht davon aus, dass dem Aggressor die personellen Ressourcen ausgehen könnten. Die Soldaten der 25. Brigade erkennen Anzeichen für die Vorbereitung einer weiteren russischen Offensive in Richtung Pokrowsk. Die Russen ziehen dort Personal, Ressourcen und Waffen zusammen.
Der Kommandeur„Bourgeois“ bezweifelt jedoch, dass ein Großangriff bevorstehe. Vielmehr könnte es sich auch um ein Ablenkungsmanöver handeln. „Ich glaube nicht, dass sich die Situation in den nächsten ein bis zwei Monaten ändern wird. Es wird Druck und Infiltration geben, aber ich erwarte keine massive Offensive“, sagt er.
Allein unter Männern
Die Frage, was kommen könnte, treibt auch Lisa um – die einzige Drohnenpilotin in der 25. Brigade. Eine Diskriminierung vonseiten der Männer gebe es nicht, im Gegenteil: Alle seien bereit, ihr zu helfen. Die junge Frau, die mehrere Tattoos und Piercings hat, arbeitet im Bereich der Entschlüsselung. Sie identifiziert aus der Luft erfasste Ziele und bestimmt deren Koordinaten.
Noch vor wenigen Jahren studierte Lisa Kriminalistik und arbeitete nebenbei als Tätowiererin. Dann beschloss sie, sich freiwillig zur Armee zu melden. Ihr Vater, ebenfalls Soldat, wollte sie davon abhalten, doch sie blieb stur.
Auf einer Hand hat sie ihr wichtigstes Tattoo – eine Botschaft ihres Vaters: „Geliebte Tochter, ich werde immer für dich da sein. Papa“, steht da. Lisa ruft die ukrainischen Bürger zur Mobilisierung auf, um den Staat zu verteidigen und die Armee nach Kräften zu unterstützen. „Ihr müsst verantwortungsbewusster sein. Wenn ihr nicht beim Militär seid, spendet wenigstens“, sagt sie. Und dann wird sie zynisch: „Wartet ihr nur darauf, dass die Russen zu euch nach Hause kommen? Das wird bald der Fall sein, denn ihr tut ja nichts!“
Aus dem Russischen Barbara Oertel
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert