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Kampagne „Berlin Kodex“„Wenn's dir nicht gefällt, zieh doch nach Bielefeld“

Eine Kampagne eines Wirtschaftsverbands zur Wahl? Klingt nervig. Doch der „Berlin Kodex“ ruft zu ruppiger Toleranz auf und trifft damit einen Nerv.

Ein Szenario: „Im Edeka drängelt einer vor. Du erkennst, dass es Brad Pitt ist.“ Was also tun? A: „Ich lasse ihn selbstverständlich vor und frag nach einem Autogramm.“ B: „Und wenn es Jesus selbst ist: soll sich hinten anstellen.“ C: „Ich mecker leise und mach heimlich ein Foto.“ Die Antwort, na klar: B, wie Berlin. Wo sonst hat man so wenig Ehrfurcht vor Wichtigtuern, wo sonst lässt man alle ihr Ding machen, solange man nicht persönlich betroffen ist? So sehen es auch drei Viertel aller Teilnehmer:innen, die auf berlin-kodex.de die Frage beantwort haben.

Berlin Kodex ist eine Kampagne der Stiftung AusserGewöhnlich, ein Wirtschaftsnetzwerk, das 300 Berliner Unternehmen vereint. Mit der Website, Plakaten und einem gleichnamigen Buch mischen sich die Wirt­schafts­ver­tre­te­r:in­nen nun in den Wahlkampf ein. Dabei geht es nicht um Lobbyismus für weniger Steuern oder die Verhinderung der Vergesellschaftung, sondern um den Zusammenhalt der Stadt.

Innenstadt gegen Außenstadt, Auto- gegen Fahrradfahrer:innen, links-grünes Lebensgefühl gegen hohe Zustimmungswerte für die AfD – tatsächlich nehmen die Konflikte zu. Dagegen versucht die Kampagne, eine Art klassenübergreifendes Stadtgefühl zu stilisieren: „Soziale Medien, Populismus und Polarisierung lassen uns glauben, wir seien Feinde. Dabei teilen wir von der Sonnenallee bis zum Nikolassee dieselben ungeschriebenen Gesetze des Zusammenlebens.“

Welche das sind, beantwortet der „Berlin Kodex“ gleich selbst: Auf der Liste stehen neun Punkte, von Direktheit über Streitkultur bis Integrität. Im Buch findet sich zu jedem Wert ein eigenes Kapitel, mit Geschichten aus der Vergangenheit und dem wahren Leben, Sinnsprüchen und Quizfragen. Da heißt es dann zur Berliner Schnauze etwa: „In Berlin musst du nicht freundlich sein. Du musst klar sein.“

Richtige Klischees

Das mag alles klischeehaft anmuten, aber es trifft den richtigen Ton. Besonders gilt das für die behauptete und eingeforderte Toleranz der Berliner:innen, die auch im Mittelpunkt der Plakatkampagne steht. Darauf stehen Fragen wie: „Sind wir zu tolerant?“ oder „Haben wir zu viele Fremde?“. Einen Berlin-Ausweis bekommen dann auch nur diejenigen, die das Quiz mit der richtigen Mischung aus Ruppigkeit und Toleranz beantworten. Etwa die Reaktion darauf, dass im Park „ein Typ wegen seiner knappen, pinken Glitzer-Hose angemacht“ wird? „Wenn dir seine Hose nicht gefällt, zieh doch nach Bielefeld.“

Es geht also um ein Lebensgefühl, das schon Friedrich der Große mit Blick auf die Religionsfreiheit beschrieb: „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden.“ Der Berlin-Kodex will an das Gefühl anknüpfen, betont die Wissenschaftlichkeit ihrer Image-Kampagne: So seien Menschen mit starker lokaler Identität „resilienter gegen extremistische Rekrutierung“. „Eigene Werte“ würden zu bewussteren (Wahl-)Entscheidungen führen.

Man mag das glauben oder für Selbstüberschätzung halten. Andererseits: ’Ne Prise Selbstüberschätzung ist auch ein Berliner Wert.

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2 Kommentare

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  • "Zieh doch nach Bitterfeld" wär vielleicht angemessener gewesen.

  • Bielefeld, wenn das nicht eine Illusion war, ist toleranzfähig, weltoffen, entspannt-ruhig. Berlin potenziell auch. Buxtehude-Vordorf wäre es auch.