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KI-Firmen vernichten BücherAlexandria lässt grüßen

KI-Unternehmen kaufen angeblich massig antike Bücher auf, um sie zu scannen und anschließend zu schreddern. Kann das stimmen?

K ommt die KI ins Antiquariat und sagt „Guten Tag, ich würde mal gerne Ihre Bücher schreddern“. Was ist passiert? Ist es der durch die Klimakatastrophe heiß gelaufene Weimertar unseres verehrten Staatsministers für Kultur und Medien, der meint, sich in einer linken Buchhandlung zu befinden? Oder hat Denis Scheck auf Massenbetrieb umgestellt?

Aber warum dann in einem Antiquariat? Das setzt ja schon vom Namen her auf ältere Bestände. Während es beim Bücherschreck Scheck doch stets um „Druckfrisches“ geht. So heißt schließlich auch seine ARD-Sendung, in der seiner Meinung nach Unzumutbares im Schredder landet.

Jedenfalls regt sich mannigfaltige Empörung in der Kulturwelt ob einer Nachricht: Um ihre Modelle mit Material zu füttern, würden KI-Firmen alte Bücher, angeblich sogar antike Werke, en masse aufkaufen, einscannen und sie dann entsorgen.

Nun ist das mit den Büchern der Antike, die auch eher mal Papyrusrollen waren, so eine Sache. Denn die meisten von ihnen wurden schon in der Antike höchstselbst wirkmächtig zerschreddert. Die legendäre Bibliothek von Alexandria lässt grüßen.

Scannen legal, herunterladen illegal

Das waren vermutlich eher mal Caracalla, Aurelian oder Diokletian und nicht etwa Elon Musk, Samt Altman et al. Die historische Analogie passt aber, schließlich hatten die Cäsaren beim Imperium Romanum das Sagen – und dieses Gebilde stand den heutigen Big-Tech-Plattformen in Sachen Monopol, Macht und Megalomanie in nichts nach.

Nun hat zumindest Elon Musk den Überblick über sein krudes Wirken in allen Imperien von der Erde bis zum Mars schon derart verloren, dass er auf X fromm verspricht, keine antiken Bücher zu zerstören. Das tut er ja bereits mit unserer Demokratie, den guten Sitten im Netz und dem gesunden Menschenverstand.

Was wirklich los ist, lässt sich in wenigen nüchternen Sätzen zusammenfassen: KI-Firmen kaufen tatsächlich in großen Mengen ältere Bücher, um damit ihre LLMs zu trainieren. Dabei handelt es sich aber nicht um „antike“ oder sonstige altehrwürdige Druckwerke, sondern um Altbestände mit ISBN-Nummer. Diese International Standard Book Nummer gibt es erst seit 1972, und die fraglichen Bestände sind wohl auch aus antiquarischer Sicht eher der Kategorie Ladenhüter zuzuordnen.

Nach der Entscheidung eines US-Gerichts zu Urheberrechtsverletzungen durch KI-Trainings dürfen die KI-Firmen Bücher nicht mehr einfach herunterladen und zu Trainingszwecken nutzen. Das Einscannen gedruckter Bücher stellt aber nach der seltsamen Gerichtslogik keinen Bruch des Urheberrechts dar. Jedenfalls dann, wenn die fraglichen Werke vorher legal gekauft wurden und nach dem Einscannen zerstört werden.

Nun ließe sich hinter der Nummer, diese neuen Intelligenzbestien jetzt ausgerechnet mit Ladenhütern zu füttern, ja fast schon ein subversiver Akt vermuten. Doch leider funktioniert KI anders und rein mathematisch. „Ja, leider. So wird der Bias verstärkt und es ist und bleibt eine KI der alten weißen Männer“, sagt die Mitbewohnerin.

Aber immerhin lässt sich Trost darin finden, dass auch die großen Plattformen wie das Römische Reich nie für die Ewigkeit waren. Auch sie wurden im Laufe der Zeit mit schönster Regelmäßigkeit zuverlässig geschreddert.

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Steffen Grimberg

Steffen Grimberg Medienjournalist

2000-2012 Medienredakteur der taz, dann Redakteur bei "ZAPP" (NDR), Leiter des Grimme-Preises, 2016/17 Sprecher der ARD-Vorsitzenden Karola Wille, ab 2018 freier Autor, u.a. beim MDR Medienportal MEDIEN360G. Seit Juni 2023 Leitung des KNA-Mediendienst. Schreibt jede Woche die Medienkolumne "Flimmern und rauschen"
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4 Kommentare

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  • Alles Wissen gebündelt in der KI. Auf der einen Seite sehr angenehm, auf der anderen Seite aber auch sehr gefährlich.

    Es geht wohl auch nicht nur darum die KI zu trainieren, sondern dass der Mensch sich auf Dauer von der KI total abhängig machen soll. In Antiquariaten gibt es Wissen zu kaufen, das in alten, teils sehr seltenen Büchern schlummert und das wird jetzt "abgegriffen".

    Aus dem Grund wird wohl in den nächsten Jahrzehnten alles Geschriebene von der KI verarbeitet und dann vernichtet. Dahinter stehen natürlich Menschen, und zwar die mächtigen KI-Barone, die das gesammelte Wissen der Menschheit (Mathematik, Naturwissenschaften, Kunst, Literatur, Philosophie etc.) in ihre KI-Maschine stecken - denn „Wissen ist Macht“ und wer sämtliches Wissen besitzt, ist in der heutigen Welt der absolute Herrscher.

  • Natürlich werden nicht "antike", sondern 'nur' antiquarische Bücher im großen Stil von ausländischen, uns nicht wohlgesonnenen Firmen aufgekauft und geschreddert. Wer den Unterschied zwischen 'antik' und 'antiquarisch' nicht kennt, wird kaum die TAZ lesen. Mit dem in diesen Büchern aufgehobenen Wissen passiert im Grunde etwas Ähnliches, was z.B. auch mit Saatgut passiert ist: Es wird der Allgemeinheit entzogen, z.T. vernichtet (bei Büchern, sofern Kontexte und Materialität betroffen sind), vor allem aber zum exklusiven Eigentum von Finanzinvestoren, die darüber bestimmen werden, wer zu welchen Konditionen Zugang dazu erhält. Das ist eine extrem ungute Entwicklung und befindet sich auf einer ganz anderen Ebene als die schon immer erfolgte Entsorgung von 'Altpapier'. Die Folgen einer extremen Ökonomisierung und Privatisierung lassen sich schon heute in den USA besichtigen.

    • @Maira567:

      Diese Argumente sind an den Haaren herbeigezogen. Bücher mit ISBN sind sämtlich permanent in den Nationalarchiven archiviert, und natürlich weiterhin in Bibliotheken vorhanden. Verloren geht da gar nichts außer dem Papier eines einzelnen Scanexemplars. Es gibt darum natürlich auch keine Exklusivität von irgendwelchen Investoren. Jeder Interessierte wird weiterhin jedes nach der ISBN-Einführung gedruckte Buch finden können, per Bibliotheksleihe und in den allermeisten Fällen auch im Antiquariat, denn das Dutzend KI-Firmen, die große Modelle trainieren, werden immer nur ein einzelnes Buch aus der Auflage aufkaufen, und auch nur solche, die nicht schon so selten geworden sind, dass dafür Liebhaberpreise gezahlt werden.

    • @Maira567:

      Daß der Allgemeinheit etwas entzogen wird, kann man nicht gerade behaupten.



      Die kaufen ein einzelnes Buch, das nur noch antiquarisch lieferbar ist und vernichten es nach dem Scannen.



      Wobei ich vermute, daß die Bücher schon vor dem Scannen zerstört werden, um einzelne Blätter zu erhalten, die sich viel schneller automatisiert verarbeiten lassen als komplette Bücher.



      Ich kann mir aber nicht vorstellen, daß unersetzbare Unikate dermaßen behandelt werden. Diese Leute sind nicht deshalb so reich geworden, weil sie hohe Vermögenswerte mutwillig vernichten.