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Justizumbau in ItalienDas wäre ein anderes Italien

Michael Braun

Kommentar von

Michael Braun

Ministerpräsidentin Giorgia Meloni will die unabhängige Justiz schwächen und sich mehr Macht sichern. Helfen könnte ihr ein Referendum Ende März.

Will Italiens unabhängige Justiz schwächen: die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni Foto: Remo Casilli/reuters

A lles gar nicht so schlimm. Dieses Urteil über Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hat sich in Europa festgesetzt. Ihre Äußerungen sind häufig im Gleichklang mit denen des US-Präsidenten Donald Trump oder des ungarischen Regierungschefs Viktor Orbán. Ihre Taten indes sind es oft nicht. Eine entfesselte Jagd auf Migrant*innen, wie sie Trump mit seinen ICE-Truppen in den USA organisiert, wäre in Italien gegenwärtig unvorstellbar. Doch Meloni würde gern anders handeln – wenn sie nur könnte. Bislang kann sie nicht, dagegen steht eine unabhängige Justiz. Doch die will sie jetzt umbauen, dafür fehlt ihr nur noch die Zustimmung der Bürger*innen, diese könnte sie in einem Referendum Ende März erreichen.

Die unabhängige Justiz hatte Meloni immer wieder Steine in den Weg gelegt, beispielsweise bei ihrem Plan, Abschiebungen direkt über Lager in Albanien abzuwickeln. Mit Einschränkungen wie diesen will sich die nur vordergründig gemäßigte Postfaschistin keineswegs abfinden. Ihre seit 2022 währende Amtszeit als Ministerpräsidentin will sie nun mit einem radikalen Umbau des Staats krönen.

So sollen auch das Parlament und der Staatspräsident geschwächt, ihre Rolle als Ministerpräsidentin hingegen deutlich gestärkt werden – und das per Direktwahl durch das Volk. Dann hinge nicht mehr der Regierungschef von der Zustimmung des Parlaments ab, es wäre umgekehrt. Wenn er – oder sie – zurücktritt, wird das Parlament automatisch aufgelöst und wäre damit erpressbar durch die Ministerpräsidentin.

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Damit ginge der alte rechte Wunschtraum vom starken Mann, der starken Frau an der Spitze der Exekutive in Erfüllung. Auch der Staatspräsident wäre in seinen Vollmachten dramatisch eingeschränkt, er würde es sich vermutlich hundertmal überlegen, ehe er dem ermächtigten Ministerpräsidenten widerspricht. Das wäre ein völlig neues Italien – jenes Italien, in dem Meloni ihren radikal rechten Tönen auch radikal rechte Taten folgen lassen könnte.

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Michael Braun
Auslandskorrespondent Italien
Promovierter Politologe, 1985-1995 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Unis Duisburg und Essen, seit 1996 als Journalist in Rom, seit 2000 taz-Korrespondent, daneben tätig für deutsche Rundfunkanstalten, das italienische Wochenmagazin „Internazionale“ und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Büro Rom der Friedrich-Ebert-Stiftung.
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7 Kommentare

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  • Das wäre kein anderes Italien, sondern eib Autoritärer Staat: Mussolini Reloaded. So etwas strebte die Rechte schon unter Berlusconi an... Avanti Italiani - steht auf gegen den Faschismus.

  • Was ist denn die Meloni für ihre pragmatische, pro-europäische:ukrainische Außenpolitik von den EU-Granden über alle Gebühr gelobt worden. Und nu?



    Faschisten - ob nun Prä-, Post-, Neo- oder neuerdings „demokratische“ (Nachtwey/Amlinger) Faschisten, inklusive MAGA‘s in den Staaten, Putin in Russland und die AfD hierzulande - ticken halt überall gleich: sie wollen den totalitären Zugriff auf Staat und Gesellschaft.



    Und es wird ihnen auch gelingen, so lange Demokraten sie verharmlosen und normalisieren.

  • Zoomt man etwas heraus, dann wird deutlich, dass die für das 20.Jhd. so fatale Dreierkonstellation von Italien, Deutschland und Japan wieder 'zu alter Stärke' zurückzufinden scheint.



    Rechtsruck und Rückkehr des aggressiven Militarismus in Japan, Rückkehr des preußischen Militarismus in Deutschland mit wiedererstarkter rechter Politik und Renaissance der faschistischen Bewegung in Italien.



    Wird dieses historische und tendenziell reaktivierte 'Trio der Barbarei' in der NATO gezähmt, wie es gern mal schöngedacht wird?



    Angesichts der Bilanz der Völkerrechtsbrüche vieler NATO-Staaten (Koalition der Willigen nebst systematischer Filter im Irakkrieg, etc.) muss eher von einer Reaktualisierung von offenem quasi kolonialen Imperialismus ausgegangen werden.



    Das Merz/Baerbock'sche Prinzip der 'Entscheidung auf dem Schlachtfeld' im aktuellen europäischen Krieg statt harter Arbeit an einer notwendigen neuen Friedensordnung lässt wenig Hoffnung für wirksame Opposition, und die stets einträchtigen Begrüßungsküsschen zwischen v.d.Leyen und Meloni sind perfekt geeignet das Potential von 'checks & balances' als pars pro toto abzubilden.



    Harte Zeiten also, die Widerstand erforderlich machen.

    • @Anne in Pink:

      Ein interessanter Aspekt, dass Sie im Kontext von Faschismus Italien, Deutschland und Japan wieder „zusammenbringen“.



      Es lohnt sich, darüber nachzudenken. Und es spricht dafür, dass historische Analogien zuweilen doch nicht so abseitig sind, um aktuelle politische Entwicklungen analysieren zu können,



      Danke jedenfalls für den durchdachten Kommentar.

  • Ja wie? Canale Meloni?!



    Noch bleibt es abzuwarten.



    Ich hoffe sehr - daß der aufholende Stimmungsumschwung der letzten Monate zur Niederlage von Meloni im Referendum führt.

    unterm—-



    Antonio Pennacchi



    Canale Mussolini: Roman



    Warum war Mussolini so beliebt? Antonio Pennacchi erzählt den Faschismus in Italien erstmals aus einer neuen Perspektive: Tausende von Bauern aus den ärmlichen Regionen Venetiens wurden ab 1928 in das malariaverseuchte Niemandsland südlich von Rom umgesiedelt, um an der Aushebung des Canale Mussolini mitzuwirken; unter ihnen auch die Familie Peruzzi. Anfang des 20. Jahrhunderts hegten sie noch sozialistische Sympathien. Bald jedoch leisten sie dem Duce überzeugte Gefolgschaft und arrangieren sich mit dem System. Ein Onkel hat gute Beziehungen nach Rom, die Großmutter flirtet sogar mit Mussolini. Pennacchi erzählt eine große Familiensaga über den gewöhnlichen Faschismus und seine Faszination. Sein provokanter, unheimlicher Roman setzt einer ganzen Region ein unvergessliches literarisches Denkmal.



    & naturellemente



    "M für Mussolini" bezieht sich hauptsächlich auf die erfolgreiche Romanreihe und die darauf basierende Serie von Antonio Scurati, die den Aufstieg…ff

  • Ich finde es generell erschreckend, wie wenig Aufmerksamkeit Melonis Staatsumbau hier in Deutschland bekommt. Italien ist immerhin eines der großen EU Länder.

  • Na endlich greift unsere selbsternannte Neofaschistin mal durch!



    Die nimmt ja kein Blatt vor dem Mund. Aber um ihr war es zur Zeit ruhig geworden, nachdem ihre Konzentrationslager für Flüchtlinge in Albanien von Gericht gestoppt wurden. Hat sie bestimmt genutzt die Zeit, um in Ruhe die Justiz umzukrempeln. Dann klappt es auch bald, Menschen mit dunkler Hautfarbe nach Albanien abzuschieben.