Jugendproteste in Indien: Kakerlaken-Bewegungsgründer Abhijeet Dipke ist wieder frei
Abhijeet Dipke legt sich für die Kakerlaken-Bewegung mit den Mächtigen an. Warum er aus den USA nach Indien zurückgekehrt ist und was ihm dort blüht.
Foto: Aijaz Rahi/ap
Abhijeet Dipke ist wieder auf freiem Fuß. Vorerst. Der 31-Jährige mit Vollbart wurde am Freitag einmal mehr zusammen mit rund 100 weiteren Personen in Polizeigewahrsam genommen. Am Samstag kam er frei. Dipke hatte im Zentrum der Hauptstadt Delhi zu einem Flaggenmarsch seiner Jugendbewegung „Cockroach Janta Party“ (CJP) aufgerufen. Vorab hatte die Polizei ihn davor gewarnt, sich zu beteiligen. Auf dem Weg zum Protest griffen ihn Beamte auf.
Anlass für den Protest ist ein Mann, auf den sich die Jugendbewegung eingeschossen hat: Gyanesh Kumar, Chef der indischen Wahlkommission. Er verantwortet die umstrittene Bereinigung der Wählerverzeichnisse von Verstorbenen, Weggezogenen und doppelten Registrierungen.
Laut Medienberichten wurden über 133 Millionen Einträge gestrichen. Rund 20 Prozent entfielen auf Todesfälle, 7,6 Prozent auf Mehrfacheinträge. Die meisten wurden der Kategorie „andere“ zugeordnet. Mit der CJP hat Dipke eine Bewegung gegründet, die mit ihrem Namen und kreativen Aktionen auf sich aufmerksam macht. Nach erfolgreichen Protesten gegen Prüfungsbetrug im Bildungssystem gab er sich mit dem Rücktritt des Bildungsministers nicht zufrieden. Er besuchte Schulen im ländlichen Indien, um auf ungeeignetes Schulessen und unhygienische Toiletten aufmerksam zu machen, und kritisierte Premierminister Narendra Modi, indem er dessen Geburtstag vor der Kulisse einer heruntergekommenen Schule feierte.
Zu Dipkes politischem Selbstverständnis gehört auch seine Herkunft. Er hat öffentlich gemacht, dass er Teil der Dalit-Gemeinschaft ist, die in Indien historisch diskriminiert wird. Als Buddhist folgt er den Lehren Bhimrao Ramji Ambedkars, des Vaters der indischen Verfassung. „Ich bin Ambedkarite“, sagt Dipke in einem Video. Ambedkar sei nicht nur Vorbild, sondern ein Anführer für alle, die vom System unterdrückt oder ungerecht behandelt würden.
Nach seinem Informatikstudium arbeitete er als Entwickler für Start-ups. Vor seinem Auslandsstudium war er für die Antikorruptionspartei Aam Aadmi Party (AAP) tätig. 2023 sicherte er sich einen Platz für ein Masterstudium an einer Universität in Boston, das er mit einem Stipendium und einem Bildungsdarlehen finanzierte. Im Juni dieses Jahres kehrte er dann nach Indien zurück, um sich erneut politisch zu engagieren.
Mit der CJP fordert er nicht nur die Wahlkommission heraus, sondern indirekt auch die indische Regierung. Seit den ersten CJP-Protesten im Sommer kritisieren zahlreiche junge Menschen die Modi-Regierung nun öffentlich. Es ist nicht das erste Mal, dass Behörden versuchen, deren Protest durch präventive Maßnahmen zu verhindern. Eine für den 10. Oktober angekündigte Großdemonstration in Delhi wurde durch geschlossene U-Bahn-Stationen, eine Internetsperre sowie die Festnahme von Dipke sowie den CJP-Sprechern Saurav Das und Ashutosh Ranka weitgehend verhindert. Die drei wurden nach ihrer Landung in Delhi festgesetzt.
Dipke hat als Gründer der Kakerlakenbewegung gelernt, Verantwortung zu teilen: Nach einem familiären Trauerfall kündigte er an, dass Das und Ranka die Führung zeitweise übernehmen würden. Nach deren Festnahme kehrte Dipke nach Delhi zurück. In London wurde unterdessen weiter protestiert. „Wir werden zusammentreten, unsere Strategie überdenken und weitermachen“, kündigte Dipke am Sonntag an.
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