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Journalismus in der KriseWege in den wehrhaften Journalismus

Gastkommentar von

Nadia Zaboura

Das Erstarken vom Faschismus und der AfD stellt den Journalismus vor Herausforderungen. Zu meistern sind diese nur mit antifaschistischem Journalismus.

D as Kernproblem zeigt sich auf den ersten Blick und erhält von Tag zu Tag mehr Kontur: Neofaschistische Bewegungen gewinnen an Boden. Wie also umgehen mit dem Fortschreiten der faschistischen Ideologien, den stetig steigenden Umfragewerten einer teils gesichert rechtsextremen Partei, aber auch der Übernahme ihrer Politiken bis in die Mitte? Diese Fragen werden nicht nur im politischen Raum verhandelt, sondern auch in den Medien. Seit Langem kämpfen deutsche Medien um einen angemessenen Umgang mit der AfD.

Der ist zuletzt durch soziale Medien und antidemokratische Agitatoren komplexer geworden. Traditionsmedien bestimmen nicht mehr monolithisch darüber, was berichtenswert ist und was nicht. War die öffentliche Kommunikationsmatrix vor zehn Jahren noch im überschaubaren Wandel begriffen, tummeln sich dort heute KI-Slop, staatliche Propaganda und Bewegungen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Neben den Inhalten dieser Aufmerksamkeitskonkurrenten stellt auch der Strukturwandel der Öffentlichkeit ein Medienproblem dar. Ausländische Großkonzerne beschneiden durch Kommerzialisierung und Veralgorithmisierung der Öffentlichkeit den journalistischen Kernauftrag: verschiedene Publika zu erreichen, zu informieren und miteinander ins demokratische Gespräch zu setzen. Das trifft auf ein themenbezogenes Medienmisstrauen sowie eine zunehmende Nachrichten-, aber auch Weltmüdigkeit in der Bevölkerung.

Nadia Zaboura

ist Kommunika­tions­wissenschaftlerin, Medienkritikerin und Publizistin. Zuletzt erschien von ihr das Buch: „Medien zwischen Macht und Ohnmacht. Wie Journalismus Vertrauen zurückgewinnen kann“ (mit Daniel Rölle und Rainer Nübel)

All diese Grundbedingungen machen journalistische Medien relevanter denn je, stellen sie aber auch vor umfassende Herausforderungen. Herausforderungen, die nicht im Alleingang, sondern ausschließlich durch gemeinsame Handarbeit und systemische Zusammenschlüsse vieler Schlüsselakteure bewältigbar sind, trotz hohem Konkurrenzdruck und überschaubarer Branchengröße.

Die Rolle der Medien

In dieser Szenerie hat sich die Frage „Wie noch wirksam sein?“ als Dauergast in Redaktionen etabliert. Die einen haben umwälzende Ideen, kommen aber kaum damit durch. Andere verfallen in Aktionismus. Und dann wäre da noch die große Fraktion des ewigen Weiter-so mit derselben dysfunktionalen Programmatik, die sich bereits seit Jahren kontraproduktiv erweist: der zum Scheitern verurteilte Versuch, Diskurszerstörer inhaltlich zu stellen. Die Arbeit mit Algorithmen und KI, die nicht immer demokratiefest sind. Oder auch die zunehmende Einbettung von als „konservativ“ gelabelten populistischen und reaktionären Akteuren ins Programm.

Was jedoch verhältnismäßig selten in den Mittelpunkt gerückt wird, ist die Rolle deutscher Medien beim Erstarken des Faschismus. Bereits 2017 konstatierte Kommunikationswissenschaftler Kai Hafez: „Die Resonanz des Rechtspopulismus (ist) auch eine journalistische Konstruktion.“ Doch die Mitverantwortung dieser Entwicklungen wird in Chefetagen selten die gebotene Dringlichkeit zugewiesen. Da geht der Fingerzeig schnell in Richtung Politik, richtet sich auf eine bestimmte Selektion von Unzufriedenen oder verweist auf vermeintlich normale Pendelschläge historischer Entwicklungen.

Zur Bestandsaufnahme gehört, dass das Narrativ der Neutralität und Objektivität in deutschen Medien weiterhin mit einem Grad an Beharrlichkeit umklammert wird, der in internationalen Fachdiskursen mit Befremden und auch Belustigung wahrgenommen wird. Bereits 2014 forderte der Journalist Jay Rosen, das Phantasma eines vermeintlich neutralen oder objektiven Journalismus ad acta zu legen und stattdessen maximale Transparenz über die eigene Position herzustellen.

Mehr als „he said, she said“

Auch die zunehmende Verweigerung journalistischer Bewertung, insbesondere in Teilen deutscher Nachrichtenmedien, belegt die Suchbewegung eines Journalismus, der sich nicht mehr als machtkritische Infrastruktur versteht, sondern als Wiedergabefenster politischer, wirtschaftlicher und militärischer Aussendungen. Diese Praxis mag als temporärer Schutzschild vor Angriffen oder zur Stabilisierung eigener Positionen dienen, schadet aber dem Journalismus. Sie führt geradewegs in die Selbstabschaffung, kann diese Form der Nacherzählung nach dem „He said, she said“-Skript doch ebenso von einer KI umgesetzt werden.

Und über den aktiven Ausschluss bestimmter Themen, Personen und Inhalte wurde zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gesprochen. Eine Praxis, die Medienjournalist René Martens am vergangenen Montag in der MDR-Kolumne „Altpapier“ am konkreten Beispiel sichtbar macht: „Manchmal werden Fakten der UN nicht einmal als ‚Meinungen‘ präsentiert, sondern gar nicht. Zum aktuellen UN-Bericht zu gezielten Tötungen von Kindern in Gaza (…) findet man zum Beispiel keine eigenständigen Meldungen bei tagesschau.de und zdfheute.de.“ In internationalen Medien wird hingegen wall-to-wall berichtet, Experten werden interviewt und die Rolle eigener Regierungen debattiert.

Hinter diesen Praktiken leuchten in großen Lettern die zentralen Fragen über das Selbstverständnis des Journalismus auf: Was bedeutet die aktuelle mediale Topografie für eine Demokratie im Zielkreuz?

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Die taz, "widersetzen" und der AfD-Parteitag

An diesem Wochenende mobilisiert das antifaschistische Bündnis „widersetzen“ zu Blockaden gegen den Bundesparteitag der extrem rechten AfD in Erfurt. Zehntausende Menschen werden erwartet. Diesem Anlass widmet die wochentaz einen 17-seitigen Schwerpunkt, fragt unter anderem: Macht „widersetzen“ Sinn? Oder nicht? Warum konnten die antifaschistischen Kräfte der Gesellschaft zuletzt realpolitisch so wenig bewirken – aller Mobilisierungspower zum Trotz? Und wie ließe sich das wieder ändern?

Alle Texte des Schwerpunkts lesen Sie ganz ohne Paywall hier: taz.de/antifa. Am Samstag werden wir mit einem Live-Ticker auf taz.de über die „widersetzen“-Proteste und dem AfD-Parteitag berichten.

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Schluss mit „Weiter so“

Auf der diesjährigen re:­pu­bli­ca hielt ich gemeinsam mit dem Professor für Betriebswirtschaft Leonhard Dobusch einen Vortrag über „Ganz normale Medien und ihr Beitrag zum Comeback des Faschismus“. In Abgrenzung zu medialen Versagensmustern forderten wir einen Journalismus, der sich in Gänze Menschenrechten und Machtkritik verschreibt und sich damit selbst schützt in einer Zeit, in der er mehr denn je unter konzertierter Attacke von außen und Unterminierung von innen steht. Von der Dauerproduktion von Feindmarkierungen, Diffamierungen und Hasskampagnen gegen Jour­na­lis­t*in­nen bis zum Einweben obrigkeitsstaatlicher Prinzipien wie der Staatsräson in per se staatsferne Medien, wie jüngst öffentlich geschildert durch den Informationsdirektor des BR im Rahmen einer Podiumsdiskussion.

Die Zukunft gehört vor diesem Hintergrund jenen Medienschaffenden, die sich journalism-as-usual verweigern. Die sich vorauseilendem Einknicken verweigern und die Doppelstandards als berufstandsschädigend zurückweisen. Die Medien stattdessen als wertschätzenden Austausch zwischen vielen definieren. Und die auf dem festen Boden journalistischer Professionalität, Integrität und Ethik der laufenden Faschisierung die Stirn bieten. Einige nennen das „Aktivismus“, andere hingegen schlicht „Journalismus“.

Die Zukunft diskursiver Debatten gehört dabei aber auch jenen nichtjournalistischen Akteuren, die ein humanistisch integeres Selbstverständnis zur DNA ihrer täglichen Arbeit erheben. Die als Einzelperson oder Kollektiv verengte Themenkorridore in legacy media sichtbar machen. Die sich einer forscherisch belegten Orientierung an politischen Elitendiskursen verweigern, den brain drain der Besten aus Traditionsmedien auffangen und die verstehen, dass ein nach Orientierung suchendes Publikum nicht mit Einbahnstraßenkommunikation zu gewinnen, geschweige denn zu halten ist. Bereits jetzt zeichnet sich im internationalen Raum ab, dass trennscharfe Grenzen in der Professionalität beider Gruppen nicht mehr eindeutig greifen.

Einheitliche leitmediale Blickrichtung

Die größte Herausforderung für machtkritische Jour­na­lis­t*in­nen und Pu­bli­zis­t*in­nen bleibt derweil, dass deutsche Leitmedien sich vor allem gegenseitig referenzieren – in einem enggezirkelten Kreis, der nur eine kleine Auswahl etablierter Medienmarken mit Vertrauenskapital umschließt. Investigativleistungen neuer Publizisten oder kleinerer Medien, wie jüngst über KI-generierte Reden in der Politik, werden nicht registriert, nicht berücksichtigt oder falls doch, immer wieder auch von ihrer medialen Herkunft entkoppelt. Die leitmediale Blickrichtung folgt so eingespielten Bahnen und schließt jene aus, die weniger Reichweite und Renommee aufweisen. Der Effekt: Bestehendes wird stabilisiert. Wahre Pluralität würde indes beinhalten, die eigens geschaffene Komfortzone nicht nur auszuweiten, sondern von Zeit zu Zeit ganz zu hinterfragen.

Machtkritischen Medien bieten sich derweil abseits dieser Dynamiken verschiedene Möglichkeiten, Qualitätsinhalte zu produzieren und an das Publikum zu bringen. Angefangen von Finanzierungsmodellen durch Community über die gegenseitige Sichtbarmachung im fairen Kampf um das bessere Argument bis hin zur Etablierung medienübergreifender Debatten. Die spannendsten Formate entstammen zunehmend Räumen, in denen ein Gleichklang medialer Konsonanz durchbrochen wird, sich stattdessen neue Ex­per­t*in­nen und Blickweisen entfalten können. Und in denen das wichtigste Kulturinstrument des Homo sapiens zum Einsatz kommt: die Frage. Das fragende Ringen um Fakten, um Erkenntnis – gemeinsam statt gegeneinander, selbst wenn am Ende Dissens steht.

Denn nichts steht Populismus, Autoritarismus und Faschismus mehr entgegen als ein humanistisches Nachfragen. Ein Nachfassen, das sich nicht zufriedengibt mit völkischem Gedankengut und einfachen Feindbildern.

Der letzte Satz meiner pro-journalistischen Intervention schließt an diese fragende Grundhaltung an und ist spiegelgleich zum letzten Satz des re:publica-Vortrags. Er zelebriert ein universelles journalistisches Prinzip und mahnt damit jene, die dagegen verstoßen, während es jene validiert, die es einlösen. Der Satz ankert im Pressekodex, wurzelt im Medienstaatsvertrag und bekennt sich damit unumstößlich zu Grundgesetz, Völkerrecht und Menschenwürde. „Und das bringt uns zum journalistischen Imperativ unserer Zeit: Journalismus ist antifaschistisch – oder er ist kein Journalismus.“

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