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John-Lennon-Doku in CannesWo Rosen sich symmetrisch teilen

Bei den Filmfestspielen bebildert Steven Soderbergh das letzte Interview John Lennons mit KI. Im Wettbewerb triumphieren Altenpflege und Familiensorgen.

Tochter und Vater: Emilia (Victoria Luengo) und Esteban (Javier Bardem) in „El ser querido“ Foto: Festival de Cannes

Die Beatles hatten stets viel für Cannes übrig. Zwar reisten sie nie vollzählig als Band zum Filmfestival, doch tauchte jeder von ihnen dort zumindest einzeln auf. Einen postumen Soloauftritt hat jetzt John Lennon, den der amerikanische Regisseur Steven Soderbergh im Dokumentarfilm „John Lennon: The Last Interview“ ausführlich zu Wort kommen lässt.

Am Tag seines Todes, dem 8. Dezember 1980, führten er und seine Frau Yoko Ono wenige Stunden vor seiner Ermordung ein Interview mit Journalisten des Radiosenders KFRC-AM San Francisco. Die rund drei Stunden Material, die nach seinem Tod in Teilen gesendet wurden und inzwischen online verfügbar sind, präsentiert Soderbergh in Auszügen. John und Yoko sprechen über die gemeinsame Arbeit am kurz zuvor erschienenen Lennon-Album „Double Fantasy“, über Friedenspolitik und Feminismus und sein Selbstverständnis als Vater. Soderbergh ergänzt zudem Musik, die im Gespräch erwähnt wird.

Die nerdigen Ausführungen Lennons etwa zum gerade aufgekommenen New Wave, den er als Wiederbelebung des Rock’n’Roll der Fünfziger mit anderen Mitteln sah, gehören zu den schönsten Momenten. Weniger Erkenntnisgewinn bieten die Einsprengsel mit den beteiligten Journalisten, die sich aus der Rückschau noch einmal gegenseitig bestätigen, wie toll alles damals war und wie aufgeregt sie waren. Über den Tod selbst sprechen sie eher knapp.

Als Bilder nutzt Soderbergh vor allem Archivfotos aus der Geschichte Lennons, Onos und der Beatles. Allerdings macht sich auch die Partnerschaft mit dem Technologiekonzern Meta im Film ästhetisch bemerkbar. Zwischen dem Archivmaterial gibt es teils bewegte Bilder von Menschen zu sehen, die in Massenszenen als Demonstranten oder als römische Legionäre versammelt sind. Oder man kann selig lächelnden Personen zusehen, wie sie durch die Wolken schweben, auch eine Rose, die sich fraktalartig symmetrisch zu teilen scheint, mutet Soderbergh einem zu.

Die KI-Bilder im Film rechtfertigte Soderbergh gegenüber dem Branchenmagazin Deadline damit, dass sie Passagen des Gesprächs illustrieren, die theoretischerer Art sind. Ein überzeugendes Plädoyer für den kreativen Einsatz von KI liefert er mit den beliebig-kitschigen Resultaten allerdings nicht.

Altenpflege und Menschenwürde

Im Wettbewerb gab es inzwischen weitere Höhepunkte. Über Ryūsuke Hamaguchis mehr als drei Stunden dauernden Film „Soudain“ wird noch ausführlich zu reden sein. Hier nur so viel: Hamaguchi schafft es, in seiner Geschichte den Zusammenhang von Altenpflege, Kapitalismus, Demokratie, Umweltbedrohung und Demografie zu erörtern, ohne zu ermüden. Und er greift Ansätze des italienischen Psychiaters Franco Basaglia auf, der ähnlich wie die Antipsychiatrie das Wegsperren von Patienten als therapeutischen Ansatz ablehnte.

In alldem tritt die belgische Schauspielerin Virginie Efira als Leiterin eines Altenheims mit idealistischem Pflegekonzept so einnehmend in Erscheinung, dass man ihr stundenlang zuhören möchte, wenn sie über die Würde des Menschen spricht. Ein aktivistischer Film. Aber ein guter.

Wer andererseits überlegen sollte, zum Film zu gehen, könnte in Rodrigo Sorogoyens Beitrag „El ser querido“ (The Beloved) eines Besseren belehrt werden. Javier Bardem spielt darin den alternden Regisseur Esteban, der als Enfant terrible bekannt wurde. Jetzt will er einen Film mit seiner von ihm nie richtig anerkannten Tochter Emilia (Victoria Luengo) drehen, als eine Art Wiedergutmachung. Die persönliche Ebene kriecht von Beginn an zwischen alles, was Esteban und Emilia an der Oberfläche sagen. Und in einer gnadenlos präzisen Drehszene, in der so ziemlich alles schiefgeht, was schiefgehen kann, legt sich diese Ebene mit bösem Witz über das Bemühen um „professionelles Arbeiten“. Chapeau.

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