Gewohnheiten auf dem Land: Der vor jedem Auto den Hut zieht
Auf dem Land gibt es zwei Regeln, die unseren Autor regelmäßig in ein Dilemma stürzen. Denn er ist aus der Stadt und liebt das Gassi gehen.
Foto: Gottfried Czepluch/imago
M ehr als vier Jahre ist es nun her, dass ich die Stadt verlassen habe. Aber angekommen bin ich auf dem Land noch längst nicht. Es gibt Regeln und Gewohnheiten, die einen Posturbanen weiterhin vor große Herausforderungen stellen, vor allem in Kombination.
Die erste – meiner Meinung nach sehr angenehme – Regel geht so: Auf dem Land grüßt man sich. Immer. Das ist anders als etwa in Berlin. Begegnen sich dort zwei Personen am Stadtrand in einem Waldstück, werden sie eher vermeiden, sich gegenseitig anzusehen, geschweige denn anzusprechen. Trifft man bei uns im Steigerwald auf einen anderen Menschen, sagt man nicht nur Hallo, oft unterhält man sich noch etwas. Solche Begegnungen passieren selten genug, da fühlt es sich gut an, für Verbindlichkeit zu sorgen.
Die zweite Regel besagt: Auf dem Land bewegt man sich auf vier Rädern. Auch immer. Hier ist es wie in der Stadt, manchmal vielleicht nur extremer. Eltern bringen Kinder mit dem Auto zum Schulbus, obwohl der Weg zu Fuß nur ein paar Minuten länger dauert und zudem autofrei wäre, würden die Erwachsenen einfach alle den Pkw in der Garage lassen. Zu Fuß geht man nur ausnahmsweise. Oder man ist zu jung für ein Auto. Oder zu alt. Oder man ist Tourist oder muss ein Baby im Kinderwagen in den Schlaf wiegen. Oder man führt den Hund aus.
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Ich habe einen Hund und stehe durch die Kombination von Regel Nr. 1 und 2 täglich vor einem Dilemma, das mir wie der Beweis meines städterischen Ungenügens vorkommt.
Denn was soll man tun, wenn Autos vorbeibrausen und sich zum Gruß hinter den Windschutzscheiben Hände bewegen oder die Scheinwerfer aufgeblendet werden, man aber kaum ein Gesicht erkennt. Ich möchte nichts lieber, als Regel Nr. 1 zu entsprechen. Gleichzeitig merke ich, dass ein Leben nach Regel Nr. 2 hier auf dem Land tiefgreifend andere Skills befördert: Man merkt sich Gesicht, Kfz-Kennzeichen und Namen, in dieser Reihenfolge.
Das Kennzeichen, habe ich gelernt, kann man heutzutage bei jedem Fahrzeugwechsel mitnehmen. Man hat es ein Leben lang. Und die allermeisten binden ihre Initialen ins Kennzeichen ein – eine großartige Eselsbrücke. Ich lerne also und merke, die Einheimischen wissen besser, über wen man spricht, wenn man auch noch das Kennzeichen mitliefert, etwa der mit dem „SC 150“ oder die mit dem „LG 17“, die dazugehörige Tochter fährt die „LG 155“. Aber ich bin über 50, ob ich da noch aufholen werde? Wir haben immerhin über 800 Einwohner.
Da gehe ich lieber auf Nummer sicher. Und grüße mehr als weniger der Autos, die im Ort an mir vorbeifahren – einfach alles mit KT im Kennzeichen – KT wie Kitzingen. Das ist der Landkreis, etwas über 90.000 Einwohner hat er. Und ich finde das nett. Es gibt Menschen, die ich noch nie außerhalb ihres Fahrzeugs gesehen habe, die winken inzwischen wie alte Bekannte überschwänglich zurück.
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