Jazzlegende Gunter Hampel ist tot: Frei, verspult und transatlantisch
Gunter Hampel begründete Freejazz in Europa mit und verbündete sich mit gleichgesinnten Freigeistern in den USA. Nachruf auf einen spirituellen Künstler.
Freiheit, erklärte John Litweiler, entsteht, sobald ein:e Künstler:in unbefangen mit Klangmaterial und dem Vokabular seines/ihres Mediums umgehen kann. Dann wird eine Wucht auf spezifische Weise frei. Was der New Yorker Autor Litweiler in seinem Grundlagenwerk „The Freedom Principle“ über die musikalische Stoßgeburt von Freejazz in den USA etwas umständlich beschrieb, gilt ohne Weiteres für den Multiinstrumentalisten Gunter Hampel.
Geboren 1937 in Göttingen in eine Familie von Amateurmusiker:Innen, begann Gunter Hampel schon als Kind Akkordeon, Klavier, Klarinette und Saxofon zu spielen. Eine Begegnung mit einem schwarzen GI, 1945, der anhielt, eine Trompete vom Rücksitz seines Jeeps holte, um mit dem Steppke zu jammen, der am Straßenrand mit der Quetsche die US-Army begrüßte, war lebensverändernd.
Außerdem: Die Naturerfahrung, das Rauschen der Bäume und Singen der Vögel, das den wissbegierigen Zuhörer in den Bann gezogen hatte. Hampel sagte im Gespräch mit dem Autor, wie er stundenlang dem Wind zuhören konnte.
Filigrane Behandlung
Die bürgerliche Karriere als Architekt führte er nicht zu Ende. Stattdessen erlernte Gunter Hampel weitere Instrumente, Schlagzeug und Vibrafon, das im US-Jazz der 1950er Jahre mit Protagonisten wie Milt Jackson de rigeur war. Hampels filigrane Vibrafon-Behandlung leitete sich vom Cooljazz ab, aber er flog damit bald in die Außenbezirke des Möglichen: So relaxt, so tiefsinnig, so abgefahren tanzte niemand sonst hierzulande.
Das miefige Westdeutschland im Wirtschaftswunder wurde dem aufstrebenden Musiker schnell zu eng. Anfang der 1960 wanderte er nach Amsterdam, rauchte lustige Zigaretten und befreundete sich mit den wildwüchsigen holländischen Jazzern. 1964 ging es weiter nach Paris, Schnittstelle zwischen USA und Europa, wo eine schicksalsträchtige Begegnung abermals Impulse gab: Eric Dolphy brachte Hampel bei einem Konzert kurz vor seinem Tod die Bassklarinette näher.
Im Jahr darauf veröffentlichte Hampel „Heartplants“ (zusammen mit Buschi Niebergall, Alex von Schlippenbach, Manfred Schoof und Pierre Courbois), das als erstes europäisches Freejazzalbum gilt. Anders als die bilderstürmende Energy-Playing-Werke der späten 1960er klingt „Free“ bei Hampel impressionistisch, zurückgelehnt, friedfertig. „Kaputtspielen“ war seine Sache nicht, in Hampels Musikverständnis manifestiert sich im Jazz etwas Höheres, das eher spirituell denn rein virtuos klingt. Lautstärke war nie oberstes Gebot, Druck kam aus tieferen Regionen.
Der radikale Flügel des Loftjazz
In Amsterdam lernte Gunter Hampel Mitte der 1960er die afroamerikanische Sängerin Jeanne Lee kennen und lieben. Lees Symbiose aus Gesang und Tanz setzte in ihm unglaubliche kreative Energie frei. Diese alternative transatlantische Freundschaft ist zu hören auf den wunderbaren Duo-Alben „Scheiße ’71“ und „Oasis“. Lee nahm Hampel bald mit nach New York, wo er mit dem radikalen Flügel der Loftjazzfraktion agierte: Marion Brown, Don Cherry und Cecil Taylor, um nur drei Künstler zu nennen.
Zurück in Göttingen gründete Hampel das eigene Label Birth Records, das US- mit europäischen Künstler:Innen näher zusammenbrachte. Ab 1972 lebte er abwechselnd in Göttingen und New York. Mitte der 1970er gründete Hampel die Galaxy Dream Band, deren lockeres Bigband-Verständnis entfernt verwandt mit dem Sun Ra Arkestra und dessen antirassistischer Erkundung des Weltraums klingt. Es dürften an die 100 Alben sein, auf denen Hampel zu hören ist, ob als Solist, Leader oder Sideman.
Auch jenseits von Jazz hat Gunter Hampel Wunder bewirkt, so nahm er in den frühen 1990ern zwei Alben mit der Band The Coocoon auf, in der Musiker der deutschen Postpunkbands 39 Clocks und Kastrierte Philosophen dabei waren. Bis vor wenigen Wochen stand Gunter Hampel noch auf der Bühne, begleitet von seiner Tochter Cavana Lee Hampel und seinem Sohn Ruomi, spielte er Klavier und Vibrafon, beflügelnd in jeder Hinsicht. Am Dienstag ist er im Alter von 88 Jahren in Berlin gestorben.
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