Israels Krieg im Libanon: Im Süden die Angriffe, in Beirut das kalte Zelt
Mehr als eine Million Menschen im Libanon sind schon vertrieben worden. Doch der Krieg hat erst angefangen: Israel rückt nun mit Bodentruppen ein.
Auf einer Wiesenfläche neben der Strandpromenade in Beirut hält Yasmin Ali Bakur zwei schräg aneinander gelegte Stöcke zusammen, die ein Mann zusammenbindet. „Wir bauen ein Zelt“, erzählt die 28-jährige Syrerin. Sie ist Mutter von vier kleinen Kindern. „Wir haben nicht mal Decken, um uns zuzudecken. Wir sind mit nichts rausgegangen, nur mit unseren Klamotten. Wir können auch nicht zurück, um Sachen zu holen.“
Die Syrerin wohnt in dem Viertel Burj al-Barajneh in Südbeirut. Wegen des Krieges schläft sie mit ihren Kindern seit zwei Wochen unter freiem Himmel. Am Wochenende gab es heftige Regenstürme in Beirut. Sie treffen Tausende der mittlerweile mehr als eine Million Binnenvertriebenen, die vor israelischen Angriffen fliehen mussten. Die Notunterkünfte sind voll.
Fast ein Drittel der Fläche des Libanon sei von Massenvertreibungen betroffen, sagt Zeina Mohanna, Programmdirektorin der Amel Association, die Verletzten und Vertriebenen mit mobilen Kliniken hilft. „Die vertriebenen Familien fürchten, nicht mehr zurückkehren zu können.“
Die gegenseitigen Angriffe halten an
In der Nacht auf Dienstag trafen zwei große Bombardierungen innerhalb von zehn Minuten Südbeirut. Ein Luftangriff traf zudem ein Wohngebäude im sunnitisch-geprägten Ort Aramoun. Die Hisbollah hat am Dienstagmorgen Raketen auf Israel geschossen. In der Nacht auf Montag gab es in rund 50 Dörfern im Südlibanon israelische Luftangriffe und Artilleriebeschuss, die Angriffe im Südlibanon gehen weiter.
Durch israelische Bombardierungen wurden 886 Menschen im Libanon getötet, darunter 111 Kinder, und 2.141 verletzt, zählt das libanesische Gesundheitsministerium.
Nach dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 startete das israelische Militär eine Offensive in Gaza, 2024 folgte der Vorstoß gegen die Hisbollah im Libanon. Der Konflikt um die Region Palästina begann Anfang des 20. Jahrhunderts.
Der Einmarsch mit Bodentruppen in den Libanon hat am Wochenende begonnen. Libanesische Medien melden heftige Kämpfe zwischen israelischer Armee und Hisbollah-Kämpfern um die Stadt Khiam. Khiam liegt auf einem strategisch wichtigen Höhenzug, einen Kilometer von der israelischen Stadt Metula entfernt. Die Hisbollah meldete am Sonntag, in Khiam einen Merkava-Panzer und israelische Soldaten beschossen zu haben.Am Montag gab die israelische Armee den Einmarsch weiterer Divisionen bekannt.
„Wir werden tun, was wir in Gaza getan haben“, sagte ein hochrangiger israelischer Beamter gegenüber dem Medienportal „Axios“. Der Krieg im Libanon könne „viele Monate dauern“, schätzten hochrangige israelische Sicherheitsbeamte gegenüber Israels „Kanal 13“.
Über 7.500 israelische Luftangriffe während der Waffenruhe
Das israelische Militär war zuletzt 2024 im Südlibanon einmarschiert. Human Rights Watch dokumentierte damals zerstörte Schulen und Krankenhäuser. Ganze Straßenzüge und Dörfer liegen bis heute in Schutt. Im Grenzdorf Kfar Kila sind 95 Prozent der Infrastruktur zerstört.
Trotz Waffenstillstand hatte die israelische Armee noch fünf Gebiete auf Bergen im Südlibanon besetzt gehalten, mit Überwachungstechnik und Soldaten. Lokale Medien berichteten immer wieder von einrollenden Panzern. Die Mission der Vereinten Nationen, UNIFIL, hatte während des Waffenstillstands über 2.500 israelische Bodeneinsätze und über 7.500 Luftangriffe gezählt.
„Ein Großteil dieser Zerstörung ereignete sich nach dem Waffenstillstand, als ein Großteil der Zivilbevölkerung bereits evakuiert und die Angriffe der Hisbollah auf Israel eingestellt waren“, schreibt der ehemalige UNIFIL-Sprecher Andrea Tenenti. Das Angriffsmuster deute darauf hin, eine „Sicherheitspufferzone“ zu errichten – frei von der libanesischen Bevölkerung. Südlich des Litani-Flusses leben zwischen 300.000 und 400.000 Menschen.
Libanons Regierung hatte Israel laut Berichten jüngst direkte Gespräche über einen neuen Waffenstillstand angeboten. Zwei israelische Beamte sagten zur Nachrichtenagentur Reuters, es solle direkte Gespräche „in den kommenden Tagen“ geben. Der israelische Außenminister Gideon Sa’ar dementierte das.
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