Israelischer Soldat vor Gericht

Zweimal geschossen?

Zwei verletzte Palästinenser sind in Hebron getötet worden. Deswegen steht ein israelischer Soldat derzeit unter Anklage.

Ein abgesperrter Tatort

Zwei Palästinenser wurden getötet, eine Videokamera zeichnete das auf Foto: dpa

JERUSALEM taz | Der Prozess gegen den israelischen Soldaten, der gefilmt wurde, als er einen bewusstlos am Boden liegenden Palästinenser per Kopfschuss tötete, nimmt größere Ausmaße an als vermutet. Laut Zeugenaussagen, die die israelische Menschenrechtsorganisation Betselem aufnahm, war unmittelbar vor dem Todesschuss in Hebron ein zweiter Palästinenser unter gleichen Umständen in unmittelbarer Nähe ums Leben gekommen.

Videoaufnahmen von Anwohnern zeigen den Mann mit schwer blutendem Kopf, als ihn ein Soldat mit dem Fuß vom Bauch auf den Rücken dreht. Betselem fordert die Freigabe des Filmmaterials, das Armeeangehörige in Hebron aufgenommen haben. Beide Zeugen seien bereit zur Aussage vor dem Militärgericht, hieß es. Der Zwischenfall begann mit dem Versuch der beiden Palästinenser, die Soldaten mit Messern anzugreifen.

Unklar ist, ob der angeklagte Soldat Elor Asaria, der sich derzeit wegen Totschlags verantworten muss, beide Palästinenser erschoss oder ob es noch einen weiteren Schützen gab. Asarias Anwalt hatte signalisiert, dass sein Mandant keine Ausnahme sei. „Derartige Fälle“ würden „üblicherweise im Rahmen eines Disziplinarverfahrens“ gehandhabt, meinte er. Die Anklage wirft Asaria vor, geschossen zu haben, als der „Terrorist verwundet am Boden lag und keine unmittelbare Gefahr mehr darstellte“.

Für die Verteidigung erschwerend sind neuerdings veröffentlichte Videoaufnahmen, die beweisen, dass das Messer von Abdul Fatah al-Scharif, dem Opfer Asarias, mehrere Meter von ihm entfernt liegt. Erst nach dem Todesschuss kickt ein Mann, der neben einer Ambulanz steht, das Messer mit dem Fuß in Richtung al-Scharif.

Solidarität mit israelischem Soldaten

Der Angeklagte hatte anfangs ausgesagt, er habe aus Angst gehandelt, al-Scharif könne die Soldaten erneut mit dem Messer angreifen. Asaria ist der erste Soldat seit zwölf Jahren, der sich wegen Totschlags während seiner Dienstzeit vor Gericht verantworten muss.

Die Tötung vor laufender Kamera löste in der israelischen Öffentlichkeit eine heftige Debatte über die Methode der Sicherheitsdienste aus. Tatsache ist, dass fast alle Messerattentate der aktuellen Terrorwelle seit letztem Herbst mit der sofortigen Erschießung der Angreifer enden, was von der Bevölkerung mehrheitlich gebilligt wird. Selbst Asaria, der seine Waffe auf einen erkennbar bewusstlosen Mann richtete, genießt in weiten Kreisen Israels große Sympathie.

Erziehungsminister Naftali Bennett, Chef der Siedlerpartei Das jüdische Haus, solidarisierte sich mit der Familie, und auch Avigdor Lieberman, frisch vereidigter Verteidigungsminister, forderte seine Freilassung. Ihre Differenzen über den Fall ließen Regierungschef Benjamin Netanjahu und Exverteidigungsminister Mosche Jaalon, der sich von Asarias „schrecklicher Tat“ distanzierte, in einen Streit geraten, der ein Grund für Jaalons Rücktritt war.

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