Invasive Arten im Klimawandel: Ein Pilz soll's richten
Der invasive Götterbaum breitet sich rasant in Berlin aus, schadet anderen Arten und der Infrastruktur. Jetzt gibt es ein Mittel, um ihm zuleibe zu rücken.
Er wächst einfach überall: an Hauswänden, zwischen Fahrbahnen, auf Bahndämmen, in Hinterhöfen. Aus den Pflasterritzen neben Plakatwänden und hinter U-Bahn-Eingängen quellen seine Triebe mit ihren gefiederten Blättern, auf Brachen, Friedhöfen und in Grünanlagen bilden seine Schößlinge gebüschartige Strukturen.
Wer einmal weiß, wie der Götterbaum – wissenschaftlicher Name: Ailanthus altissima – aussieht, der sieht ihn plötzlich auf Schritt und Tritt in der Stadt. Und ständig kommen neue Exemplare hinzu, die innerhalb weniger Jahre rasant in die Höhe streben. Die Ausbreitung der erst vor wenigen hundert Jahren in Mitteleuropa eingeführten Art hat explosive Ausmaße angenommen.
Von der EU wird der aus China stammende Baum seit einem guten Jahrzehnt zu den „invasiven gebietsfremden Arten“ gezählt, deren weitere Einbringung verhindert und deren Ausbreitung kontrolliert werden muss. Nur: So einfach ist das nicht. Ailanthus altissima, einst gezielt als Schmuck- und Straßenbaum gepflanzt, hat irgendwann in den vergangenen Jahrzehnten beschlossen, dass er gekommen ist, um zu bleiben.
Rund 3.000 Exemplare stehen laut der offiziellen Statistik an den Straßen und in den Grünanlagen der Stadt, einige wenige davon schon seit dem 19. Jahrhundert. Warum der Götterbaum sich plötzlich so rapide ausbreitet? Biologen gehen davon aus, dass die Art ein Klimawandelgewinnler ist. Mehr warme und trockene Tage im Jahr begünstigen seine Vermehrung.
Das Problem: Wo seine Sämlinge austreiben, machen sie heimischen Arten und Biotopen zu schaffen. So überwuchert er gerne den Trockenrasen, eine vielfältige Pflanzengesellschaft, die auf sandigen, mageren Böden gedeiht, wie Christian Scheer, der Leiter des Berliner Pflanzenschutzamts, erklärt. Gleichzeitig diene die Baumart nur sehr wenigen Insekten als ökologische Nische: „Die Eiche etwa hat im Vergleich dazu ein sehr breites Wirtsspektrum“, so Scheer. „Da stellt sich die Frage: Muss sich ausgerechnet diese Art so stark ausbreiten?“
Auf einmal an jeder Ecke
Scheer hat die Amtsleitung 2024 übernommen, zuvor lebte und arbeitete der Berliner rund 20 Jahre im Bodenseeraum. „Als ich zurückkam und wieder mehr Zeit in der Stadt verbrachte, musste ich feststellen, dass ich offenbar etwas verpasst hatte – der Götterbaum wuchs auf einmal an jeder Ecke.“
Foto: Claudius Prößer
Aber nicht nur unter ökologischen Gesichtspunkten ist der Baum problematisch, er sorgt auch immer häufiger für Schäden an der städtischen Infrastruktur, weil seine Samen buchstäblich in jeder Spalte anfangen zu keimen. „Wir bekommen immer wieder Bilder von Schäden zugeschickt“, sagt Scheer. Die jungen Bäumchen abzusägen oder auszureißen, bringe aber wenig Erfolg: „Es ist wie mit der Hydra in der griechischen Mythologie: Wenn man ihr einen Kopf abschlägt, wachsen zwei neue nach.“
Dabei will Berlins oberster Pflanzenschützer sich keinesfalls falsch verstanden wissen: „Es ist ein wunderbarer Baum, ich finde ihn sehr schön.“ Deshalb gehe es auch keinesfalls darum, ihn „auszurotten“, nur müsse eben ein Management betrieben werden, das seine ungebremste Vermehrung stoppt.
Bis vor Kurzem stand das noch gar nicht zur Debatte, denn kein Mittel schien diesem Kraut gewachsen zu sein – zumindest kein akzeptables, denn das Pflanzenschutzamt setzt aus guten Gründen nicht auf chemische Keulen. Jetzt gibt es aber ein Produkt, das unter anderem in Österreich schon seit einiger Zeit erfolgreich eingesetzt wird und äußerst vielversprechend ist.
„Ailantex“ heißt die Suspension, für die aktuell eine zeitlich begrenzte Notfallzulassung des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) gilt. Sie enthält den Pilzstamm Verticillium nonalfalfae, dessen Myzele die wasserleitenden Gefäße der Pflanze quasi verstopft, den Baum welken lässt und schließlich zum Absterben bringt.
Einsatz mit der Impfpistole
An einer stillgelegten Bahnstrecke in der Berliner Innenstadt lässt das Pflanzenschutzamt aktuell einen Versuch mit dem Mittel durchführen. An etlichen Götterbaumstämmchen hängen hier farbige Schlaufen, die markieren, welches Exemplar mit welcher Menge der Substanz „geimpft“ wurde.
Wie Christoph Scheer erklärt, ist die Anwendung denkbar einfach: Entweder wird die Borke mit einem Stechbeitel leicht verletzt, anschließend träufelt man die Suspension mit einer Pipette auf das Werkzeug, und der Baum saugt sie auf. Alternativ lässt sich die Flüssigkeit mit einer Art Impfpistole einbringen.
Das war es dann auch schon: Der Pilz erledigt den Rest. Auf der Versuchsfläche ist gut zu sehen, wie die drei bis vier Meter hohen Bäumchen verkahlen. Die Fiederblätter hängen gelb und schlaff herunter oder sind schon abgefallen. Über das Wurzelgeflecht werden die Sporen auch in die Ausläufer übertragen, die links und rechts aus dem Boden ragen.
Scheer betont die Vorteile des Präparats: Es werde so gezielt verabreicht, dass eine Ausbreitung auf benachbarte Pflanzen praktisch ausgeschlossen sei. Zudem bilde der Welkepilz keine Dauersporen und wirke sehr spezifisch beim Götterbaum.
Laut BVL gibt es nur sehr wenige Arten, die durch Verticillium nonalfalfae in Mitleidenschaft gezogen werden könnten. In der Notfallzulassung wird die Anwendung „im Umkreis von 30 Metern“ zu Spinat, Gurken, Tomaten und Petunien untersagt. Für Scheer ist das eher theoretisch, aber die gebotene Vorsicht sei völlig in Ordnung: „Unsere Aufgabe ist ja, den Pflanzenschutz zu kontrollieren und negative Szenarien auszuschließen.“
Letztendlich hängt es am Geld
Auch wenn der Versuch erfolgreich verläuft und in naher Zukunft eine reguläre Ausnahmegenehmigung für den Einsatz des Mittels erteilt werden könne, geht es laut Scheer nicht um eine großflächige Anwendung, sondern um den Einsatz „in sensiblen Bereichen“. Das Pflanzenschutzamt werde dann Schulungen durchführen, unter anderem für MitarbeiterInnen der bezirklichen Grünflächenämtern oder andere Grundstückseigentümer, die den Götterbaum bekämpfen wollen oder müssen.
Bislang stehen die Bezirke dem Problem recht hilflos gegenüber. Götterbäume, die sich in Baumscheiben von Straßenbäumen breitmachten, würden regelmäßig entfernt, teilt etwa das Bezirksamt Mitte auf Anfrage mit. Die Ausbreitung lasse sich aber „ohne eine stadtweite Strategie nicht wirksam eindämmen“. Ähnlich äußert sich das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, aus Friedrichshain-Kreuzberg heißt es, für gezielte Bekämpfungsmaßnahmen seien „leider keine Ressourcen vorhanden“.
Für Pflanzenschutzamtsleiter Scheer ist klar: Fehlendes Personal darf künftig kein Grund zu sein, auf das Götterbaum-Management zu verzichten: „Da muss der Gesetzgeber ausreichende Mittel zur Verfügung stellen.“ Ob das geschieht, steht in Berlin natürlich auf einem anderen Blatt.
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