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In der Berliner ArminiusmarkthalleRuhig, fast ausgestorben

Kurz Teil eines Stücks sein: Wie auf einer Theaterbühne von Christoph Marthaler fühlt es sich beim zünftigen Mittagessen in der Markthalle in Moabit an.

E ier in Senfsoße und Fassbrause bestelle ich beim Mittagessen mit L. in der Markthalle, deren hohe Glasfenster das Licht nur gedämpft hereinlassen. Es ist ruhig hier, fast schon ausgestorben. Zwischen den Ständen stehen mehr leere Stühle als besetzte, ein paar Neonröhren flackern über unbesetzten Theken. So sei es seit einigen Monaten sagt der Mann, der uns nach der zünftigen Mahlzeit bei Manfred den Kaffee serviert. Cannoli gibt es dazu und wir schwelgen ein bisschen im Italoflair zwischen Backstein und gusseiserner Architektonik. Untermalt wird die Szenerie von lautem Schlagen, als würde auf Fleisch geklopft. Es ist aber der Teig von nebenan, wo es Flammkuchen gibt. Das starke Parfum der Bedienung zieht zu uns herüber, mischt sich mit dem Geruch nach ranzigem Fett.

Wie auf einer Bühne von Christoph Marthaler ist es hier, stellt L., der selbst mal auf Bühnen stand, fest, als er den kleinen Norma zwischen all den Ständen entdeckt. Wie wahr; ein bisschen hat das hier was von einem Theaterstück, selbst die Menschen sprechen hier wie aufgesagt. Ihr Aufzug – viele in Pensionistenbeige und mit Brillengestellen aus dem letzten Jahrhundert – passt ebenso wie die Aneinanderreihung von Läden: drei Damen vom Grill, daneben die in dunklem Rot gefassten Tischdecken des etwas zu deutschtümeligen Vietnamesen, viel dunkles Holz und eben der „Saftladen“, an dem wir Kaffee schlürfen, dazwischen ein Rollladen, der gefühlt immer unten ist.

Kurz sind wir ein Teil dieses Stücks; essen brav das etwas zu deutsche Kantinenessen auf Barhockern, greifen die Sätze auf, die man neben uns fallenlässt. „Komm Paul, wir trinken noch ein Bier“, brüllt es neben uns, während Fleisch- und Käsegeruch von den Theken wehen. Hier steht sie still, die Zeit, nur die Uhr über der Kaffeetheke hinkt eine Viertelstunde hinterher, keiner stellt sie richtig. Genau hier in der Arminiusmarkthalle.

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Sophia Zessnik

Sophia Zessnik Redakteurin

Sophia Zessnik ist seit 2019 bei der taz und arbeitet in der Kulturredaktion. Sie schreibt am liebsten über Alltägliches, feministische Themen und Menschen im Allgemeinen. In ihrer Kolumne „Great Depression“ beschäftigte sie sich außerdem mit dem Thema psychische Gesundheit.
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