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Im Gaza-Tunnel

Eyal Weizman erzählt in seinem neuen Buch die Geschichte der Tunnelanlagen in Gaza und stützt unfreiwillig Israels Argumentation

Von Stephan Trüby

Die vom britisch-­israelischen ­Architekten Eyal Weizman im Jahre 2010 gegründete Forschungsagentur Forensic Architecture hat es zum Liebling einer dem Rätselcharakter der Kunst überdrüssigen Art World gebracht, gilt einer globalen Linken als wissenschaftliches Gewissen. Doch es mehren sich kritische Stimmen auch von linker Seite. Das hat zum einen mit dem von ­Forensic Architecture in ­Anschlag gebrachten Wahrheitsanspruch und zum anderen mit der antiisraelischen Haltung des Recherchekollektivs zu tun.

Mit dem Buch „Ungrounding. The Architecture of Genocide“ liegt die israel- und palästinabezogene Arbeit Weizmans seit dem 7. Oktober 2023 nun erstmals gesammelt vor. Sie ist auch deswegen von breiterem Interesse, weil Forensic Architecture Südafrikas Völkermordklage gegen Israel vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag durch Recherchen unterstützt.

In „Ungrounding“ wird die Weizman’sche Kombination aus Objektivitätsanspruch und Parteilichkeit fortgesetzt. Konkret bedeutet dies ein Engagement für „Befreiung, Rückkehr und Gleichheit für alle in Palästina“. Wer sich fragt, wo da das Existenzrecht Israels bleibt, hat das Skandalon des Buches erfasst. Es gibt es nicht; jedenfalls nicht in den Grenzen der Waffenstillstandslinie von 1949, also der „Grünen Linie“. Immer wieder werden in „Ungrounding“ israelische Territorialansprüche, die seit dem Unabhängigkeitskrieg von 1948 bestehen, infrage gestellt; mithilfe der Nachfahren enteigneter Familien auch an Ortschaften wie dem von So­zia­lis­t*in­nen gegründeten Kibbuz Nir Oz, der auf erobertem Grund der Abu-Sitta-Familie errichtet worden und durch die Attacken des 7. Oktober heimgesucht wurde.

Die „Nakba“ (Katastrophe), also die Vertreibung und Flucht von rund 750.000 Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen durch die Staatsgründung und Arrondierung Israels, erscheint in dem Buch als langer Schatten, der sich seit dem jüngsten Krieg Israels gegen die Hamas zu einem angeblichen Völkermord an den Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen vollende. Die parallel sich vollziehende „jüdische Nakba“, also die Flucht und Vertreibung von rund 850.000 Jüdinnen und Juden mizrachischer und sephardischer Herkunft aus arabischen und islamisch geprägten Ländern ab 1947 erwähnt Weizman nicht.

Das heißt nicht, dass das Buch keine gewinnbringende Lektüre wäre. Vor allem der Mittelteil, der dem Tunnelbau im Gaza­streifen gewidmet ist, wartet mit einer Reihe neuer und packend dargestellter Analysen auf. Weizman lässt die Geschichte der Gaza-Tunnel nach dem Sechstagekrieg 1967 beginnen, als Israel den zuvor von Ägypten besetzten Küstenstreifen eroberte. In China hatten palästinensische Widerstandskämpfer wie Mohammad al-Aswad die Guerilla-Lektionen vietnamesischer Untergrundwelten erlernt und brachten sie als oppositionelle Raumstrategie in Flüchtlingslager wie Dschabaliya.

Nach dem Camp-David-Abkommen von 1979 und der Errichtung einer massiven Grenze zwischen Ägypten und Gaza wurde das Tunnelprinzip ab 1982 auf die nunmehr geteilte Stadt Rafah übertragen. Im Zuge des Oslo-Prozesses ab 1993, der den Gazastreifen weiter isolierte, ließen vor allem die Familienclans der Abu Riash und Abu Samhadana viele Kilometer Tunnelstrecke bauen und wurden reich damit.

An den unterirdischen Strukturen schufteten Kolonnen junger palästinensischer Männer, die – oft mithilfe des Schmerzmittels Tramadol, einem süchtig machenden Opiat – wochenlang auf Knien schaufelten. Durch ihre Arbeit entstand über fast vier Jahrzehnte ein rhizomartiges Tunnelnetzwerk von rund 700 Kilometer Länge.

Für den 40 Kilometer langen und 6 bis 14 Kilometer breiten Gazastreifen bedeutet dies, dass dort nicht allzu viele Häuser standen, die sich nicht in allernächster Nähe von Tunneln befanden. Durch sie kamen zeitweilig rund 80 Prozent aller Importe ins Land: Computer, Waschmaschinen, Diesel, SUVs für die Tunnelbauer-Millionäre, Hyänen, Krokodile und Wölfe für den Gaza-Zoo – und Tausende Raketen aus vor allem iranischer Produktion für regelmäßige, in westlichen Medien eher selten gemeldete Angriffe auf Israel.

Die mithilfe dieser Tunnel verfolgte Eliminierungsabsicht der nach wie vor einzigen liberalen, wenn auch in vieler Hinsicht fehlerhaften Demokratie der Region, wird bei Weizman nicht angesprochen. Auch wenn er dem Thema das Herzstück von „Ungrounding“ widmet, lässt er dem Terrortunnelnetzwerk keinerlei forschende Aufmerksamkeit im Sinne einer Sammlung von Beweismitteln zukommen.

Im Gegenteil: In seinem 2017 erschienenen Buch „Forensic Architecture“ machte Weizman öffentlich, dass seine Londoner Forschungsagentur offenbar eine Zeit lang über genauere Verlaufspläne von Teilen der Tunnelanlage verfügte, sie aber mit Rücksicht auf In­for­man­t*in­nen nicht veröffentlichen wollte. In „Ungrounding“ wird derlei Fachwissen verschwiegen, vielleicht aus Angst vor verfahrensrechtlichen Konsequenzen für Südafrikas Genozidklage, vielleicht aber auch einfach aus mangelnder Dringlichkeit, weil das ganze Buch zwischen den Zeilen ohnehin eine Art Quasi-Verteidigung der Angriffe darstellt: „Zu Fuß, auf dem Fahrrad oder dem Pferd betraten sie das Land, aus dem ihre Eltern und Großeltern vertrieben worden waren.“

Vor diesem Hintergrund entfaltet Weizmans Tunnelkapitel freilich eine besondere Dynamik: Je mehr es in die Tiefe geht, desto stärker entkräftet es den von ihm vorgebrachten Genozidvorwurf. Wer das flächendeckende Gaza-Tunnelsystem quasi als Public-private-Partnership einer hybriden kommerziellen Infrastruktur beschreibt, dabei Geiselnahmen und Raketenabschussrampen zwar kurz antippt, aber dann halt doch auch erwähnt, bestätigt die von Israel vor dem IGH vorgebrachte Argumentation, dass die Hamas in einer noch nie dagewesenen Perfidie die Bevölkerung Gazas als menschliche Schutzschilde ihrer tunnelbasierten Kriegsführung missbrauchte.

Die Palästina-solidarische Szene kann daher nur hoffen, dass das Buch von den Den Haager Rich­te­r*in­nen im laufenden Genozidverfahren nicht gelesen wird. Alles in allem stellt es ein Status-Update einer Spielart der globalen Linken dar, die sich für die Restitutionsansprüche palästinensischer Großgrundbesitzer wie dem Abu-Sitta-Clan einsetzt, welcher Eigentum nachtrauert, das in einem Krieg verloren ging, den 1948 nicht ­Israel begonnen hat.

Eyal Weizman: „Ungrounding. The Architecture of Genocide“. Fern Press, London 2026, 416 Seiten, ca. 31 Euro

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