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„Il buco“ beim Filmfestival VenedigKlaffende Löcher, schwebende Felsen

Lidokino 5: Michelangelo Frammartino erzählt von stummen Höhlengängen in Italien.

S eit einigen Tagen gibt es unter den Festivalbesuchern auf dem Lido eine wiederkehrende Dauerklage: die Tücken des Buchungssystems, mit dem man seine Kinoplätze vorab reservieren muss. Funktionierte dieser Service im vergangenen Jahr noch ziemlich reibungslos, gibt es diesmal diverse Ausfälle. Was an den gut doppelt so vielen Akkreditierten liegt, für deren Zahl das System nicht konzipiert ist.

So beschweren sich Besucher über Online-Warteschlangen beim Buchen, die schon mal zur Folge haben können, dass man überhaupt kein Ticket für den gewünschten Film bekommt. Oder man steht plötzlich vor einem Platz, auf dem man laut System sitzen soll, der aber klar erkennbar des Sicherheitsabstands wegen gesperrt ist.

Für solche Fälle hält das Festival erfreulicherweise Reserveplätze bereit. Und wenn man interessehalber schaut, ob eventuell noch ein Film der Nebenreihen zu buchen ist, heißt es in der Regel „nicht verfügbar“. Denn die Zahl der verfügbaren Sitze hat, anders als die der Akkreditierten, nicht zugenommen. Was zu einer Konzentration auf den Wettbewerb beiträgt, der sich zunehmend mutiger gestaltet.

Mit „Il buco“, dem Beitrag des italienischen Filmemachers Michelangelo Frammartino, geht es nach ganz tief unten. Genauer gut 680 Meter in den kalabrischen Fels hinein, in die Höhle Abisso des Bifurto, die 1961 zum ersten Mal von einer Gruppe junger Höhlenforscher erkundet wurde. Frammartino hatte schon in seinem Film „Vier Leben“ von 2010 einen ungewöhnlichen Blick auf Tiere, Landschaft und Leute in Kalabrien geworfen, unter anderem gab es bei ihm keine Dialoge.

Italienische Höhlen

„Il buco“ gestaltet er jetzt als ein freies Reenactment und zeigt auch diesen Abstieg als nahezu stummes Unterfangen. Man sieht die Kletterer mit ihrer altmodischen Ausrüstung in einer noch unberührt wirkenden Höhle, fragt sich mitunter, von welchen Punkten aus die Kamera in diesem Abgrund festen Halt finden konnte.

Dazwischen gibt es Bauern aus der Umgebung zu sehen, Kühe, die sich dem Zeltlager der Forscher nähern, und Esel, die schon mal das Innere eines Zelts erkunden. Ein geradliniger Film, der still verzaubert und, mit etwas Höh(l)enangst, über die Welt staunen lässt.

Ein weiterer Höhepunkt im Wettbewerb ist der argentinische Beitrag „Competencia oficial“ des Regieduos Gastón Duprat und Mariano Cohn. Mit viel Freude am Spiel mit den Eitelkeiten des Filmgeschäfts schicken sie Penélope Cruz als exzentrische Regisseurin in den Ring, die zwei antagonistische Schauspieler gegeneinander antreten lässt, gespielt von Antonio Banderas und Oscar Martínez.

Als Mimen, die sie im Film spielen, können sie sich gegenseitig nicht ausstehen, was zu einer Folge von haarsträubenden Hahnenkämpfen führt. Der Film, an dem sie arbeiten, heißt passend „Rivalität“ und erzählt von zwei ungleichen Brüdern.

Authentische Angst

Neben der Komik, die das Demontieren von Schau­spie­leregos birgt, weben Duprat und Cohn als weitere Ebene ein stetes Spiel der Verstellung in Form von Schauspielerei innerhalb der Schauspielerei in den Zweikampf. Selbst Textproben unter einem tonnenschweren, von einem Kran baumelnden Steinbrocken gehören dazu, um „authentische“ Angst zu erzeugen.

Beim Zuschauen muss man so ständig auf der Hut sein, was gerade „echt“ und was „fake“ ist. Das Lachen im Publikum der Pressevorführung war zumindest sehr echt.

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Tim Caspar Boehme Kulturredakteur

Jahrgang 1971, arbeitet in der Kulturredaktion der taz. Boehme studierte Philosophie in Hamburg, New York, Frankfurt und Düsseldorf. Sein Buch „Ethik und Genießen. Kant und Lacan“ erschien 2005.
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