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„Ich rieche Blut“

Mehr als 300 Stunden sind seit Beginn der Internetsperre im Iran vergangen. An Tagen, an denen die Menschen nicht mal über das Festnetztelefon kommunizieren können, gelingt es Raha*, das Haus eines Verwandten zu erreichen, der über ein Starlink-­Modem verfügt. In aller Eile schickt sie mehrere Sprachnachrichten über Telegram, um zu berichten, was in den vergangenen 13 Tagen geschehen ist. Es ist erschütternd: Einer ihrer nahen Verwandten ist getötet worden. Unter Tränen rezitiert sie ein Gedicht und erzählt von ihren Erlebnissen.

„Wie kann ich begreifen, dass eine einzige Kugel dich mir entrissen hat? Der Fluss wollte nur das Band um deine Taille sein, und der Regen fiel so, als wäre er eigens für deine rechte Hand bestimmt. […] Der Frühling kam, um die Namen der Dörfer aus deiner rechten Hand zu pflücken. Du wurdest getötet und musstest deinen Traum aufgeben. […] Sie brachten die Nachricht von deinem Tod wie einen Kirschzweig in voller Blüte und legten sie mitten in den Hof. […]

Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal das Blut eines anderen Menschen berühren würde. Der Gedanke, dass ich es stundenlang nicht von meinen Händen waschen konnte, dass es nicht mehr aus meiner Kleidung herausgeht, treibt mich in den Wahnsinn. Ich kann nicht schlafen. Ich kann nicht essen. Ich kann nicht leben. Immer wenn ich auch nur für einen Moment wegdrifte, kommen diese Bilder zurück.

Damit wurde auf Protestierende geschossen: Patronenhülse einer Schrotflinte, fotografiert in Teheran am 13. Januar Foto: Bahram/imago

Mohammad* wurde direkt neben mir erschossen. Die erste Kugel traf ihn in den Oberschenkel. Und in dem Moment, als er sich umdrehen wollte, wurde er erneut angeschossen, dieses Mal direkt in den Bauch. Blut lief ihm aus dem Mund. Jemand, den ich nicht kannte, öffnete seinen Gürtel und überreichte ihn mir schnell. Er sagte zu mir, ich solle ihn über Mohammads Oberschenkel binden, und verschwand. Ich hielt Mohammads Kopf mit meinen Händen. Ich erinnere mich nicht mehr genau. Ich erinnere mich nur noch an sein Gesicht und seine Augen und an das Blut, das wie eine nicht versiegende Quelle aus seinem Mund quoll. Mohammad hustete ein wenig, dann hörte er auf, sich zu bewegen. […] Die Leute halfen mir dabei, ihn mehrere Straßen weiterzuschleppen. Danach verstand ich nichts mehr. Meine Nase ist immer noch voller Blutgeruch. […]

Unsere Wut hatte am Tag vor dem ersten Demonstrationsaufruf ihren Höhepunkt erreicht. Die Menschen warteten auf eine Gelegenheit, diese Wut zu zeigen. Wir alle gingen zum nächstgelegenen Ort unserer Nachbarschaft. Wir alle waren uns sicher, dass wir im Begriff waren, etwas zu verändern. Aber unsere Zuversicht hielt nicht einmal drei Stunden an. […] Die Menschen waren überall auf den Straßen, obwohl von Anfang an auf sie geschossen wurde. Wir wollten auf der Straße bleiben, aber wir konnten nicht. […] Sie hatten Scharfschützen mitgebracht und richteten Laser auf die Köpfe der Menschen. Eine Person richtete den Laser aus, und jemand weiter oben schoss.

Wir wissen gar nichts mehr. Die Satelliten sind blockiert. Das Internet ist unterbrochen. Wir sind alle deprimiert und machtlos. Wir können nicht mehr zu unserem normalen Leben zurückkehren. […] Ich muss gehen. […] Mir geht es nicht gut. […] Ich rieche Blut. Den Geruch von Leichen.“

Protokoll: Mahtab Qolizadeh* Die Namen wurden aus Sicherheitsgründen geändert.

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