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Hype um „Heated Rivalry“Powerplay auf dünnem Eis

Die queere Eishockey-Serie Heated Rivalry ist ein großes Thema auf Social Media – und trifft besonders Frauen zwischen Lust, Sehnsucht und Repräsentation.

Harte Schale, …: Hudson Williams (links) und Connor Storrie in einer Szene aus „Heated Rivalry“ Foto: Sabrina Lantos/ap

Wer in den vergangenen Wochen auf Tiktok unterwegs war, kam an der Eishockey-Serie Heated Rivalry kaum vorbei. Clips von verschwitzten Körpern, langen Blicken und expliziten Sexszenen kursieren millionenfach. Diese werden von Kommentaren wie „they healed and ruined my life at the same time“ – „Sie haben mein Leben geheilt und gleichzeitig ruiniert“ begleitet.

Die beiden Hauptdarsteller Connor Storrie und Hudson Williams waren bisher weitgehend unbekannt. Doch spätestens seit ihrem gemeinsamen Auftritt bei den Golden Globe Awards, bei dem sie zusammen einen Preis präsentierten, stehen sie im internationalen Rampenlicht – oder zumindest weiterhin im Fokus von Gays, Girls und Non-Binarys.

Heated Rivalry startete Anfang November 2025 beim Streamingdienst HBO Max, ab dem 6. Februar wird die Serie dort auch in Deutschland verfügbar sein. Erzählt wird die Geschichte der beiden Eishockeyspieler Shane Hollander (Hudson Williams) und Ilya Rozanov (Connor Storrie), die sich auf dem Eis als erbitterte Rivalen gegenüberstehen, abseits der Arena jedoch jahrelang eine heimliche Liebes- und Sexbeziehung führen. Zu sehen gibt es viel Haut und explizite Szenen. Doch ihre Provokation liegt nicht allein im Körperlichen.

Denn die Beziehung der beiden ist auf mehreren Ebenen tabuisiert. Profisport, insbesondere Eishockey ist bis heute ein weitgehend heteronormatives Umfeld, in dem sich keine aktiven Spieler geoutet haben. Vor zwei Jahren etwa hat die NHL alle Pride-Symbole von Trikots verbannt. Hinzu kommt Rozanovs thematisierte russische Herkunft. Die Repressionen gegen queere Menschen in Russland haben in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Durch ein Outing könnte er sich in seinem Heimatland in Gefahr begeben. Heated Rivalry inszeniert damit eine Liebesgeschichte, die sportlich, politisch und gesellschaftlich als „verboten“ markiert ist – und schafft zugleich eine Form queerer Repräsentation, die sich im Mainstream-Fernsehen bisher nur langsam durchsetzt.

Leidenschaftliche Zuschauerinnen

Dass die Serie dabei vor allem innerhalb queerer Communities Resonanz findet, überrascht wenig. Auffällig ist jedoch, wie stark der Hype darüber hinausgeht. Besonders heterosexuelle Frauen zählen zu den leidenschaftlichsten Zuschauerinnen.

Dieses Phänomen ist nicht ganz neu. Bereits Serien wie Heartstopper oder Young Royals erreichten ein breites weibliches Publikum. Heated Rivalry reiht sich in diese Entwicklung ein – allerdings in deutlich expliziterer Form. Während frühere Erfolgsserien vor allem auf zarte Blicke und vorsichtige Annäherungen setzen, kombiniert Heated Rivalry emotionale Nähe mit offen dargestellter Sexualität.

Ein möglicher Erklärungsansatz findet sich auch jenseits der Serienwelt. Seit einigen Jahren mehren sich Berichte darüber, dass Frauen beim Konsum pornografischer Inhalte gezielt schwulen Sex auswählen. Die Plattform PinkNews veröffentlichte im Juni 2025 Zahlen von Pornhub, denen zufolge 47 Prozent der Nut­ze­r:in­nen von Gay-Pornografie Frauen sind.

Die Sexualwissenschaftlerin Lucy Neville komme in einer Befragung von über 500 Frauen zu dem Ergebnis, dass viele von ihnen die visuelle Fokussierung auf männliche Körper als zentralen Reiz empfinden – ein Bedürfnis, das heterosexuelle Pornografie häufig ausblende. Gay-Pornografie durchbreche damit den klassischen „Male Gaze“, schreibt die Journalistin Sophie Perry.

…, weicher Kern: Eine intime Szene der beiden Hauptdarsteller Hudson Williams und Connor Storrie Foto: Sabrina Lantos/ap

Macht und Projektionsfläche

Male Gaze beschreibt eine visuelle Logik, in der etwa Kamera und Erzählweise auf den Blick heterosexueller Männer ausgerichtet sind. Frauen erscheinen darin meist als passive Objekte des Begehrens. Heated Rivalry kehrt diese Blickrichtung um: Die Serie zeigt männliche Körper nicht als Macht-, sondern als Projektionsflächen von Verletzlichkeit, Begehren und emotionaler Abhängigkeit: In der zweiten Folge treffen sich beide Hauptdarsteller nach einer Preisverleihung, auf der Toilette. Shane ist sichtlich mitgenommen von Ilyas gleichgültiger Art ihm gegenüber und wirft ihm vor, dass Ilya ihn seit Monaten ghostet. Mit solchen Szenen trifft die Serie den Nerv eines Publikums, das sich von klassischen Liebes- und Sexdarstellungen zunehmend entfremdet fühlt.

Den Erfolg allein mit dem Prinzip „Sex sells“ zu erklären, greift jedoch zu kurz – auch wenn ausgerechnet diese beiden Worte als Freundschafts-Tattoo auf den Körpern der Hauptdarsteller verewigt sind.

Auf die Frage, warum Heated Rivalry besonders bei Frauen so gut ankommt, liefern die Schauspieler selbst Erklärungsansätze. In einem Interview mit dem Medienportal them erzählt Connor Storrie von einem Gespräch mit der Kostümbildnerin der Serie. Sie habe ihm erklärt, dass es bei dieser Art von Geschichte, dieser Form von Liebe und auch beim inszenierten Sex weniger um den Akt selbst gehe als um ein „verlängertes Vorspiel“ und „Sehnsucht“. „Deshalb mögen wir Romance. Es geht um die Momente dazwischen, das Begehren, dieses Streben nach Verletzlichkeit und Verbundenheit“, sagt Storrie.

Storrie ergänzt, dass viele Frauen möglicherweise gerade deshalb von schwulen Liebesgeschichten angezogen seien, weil sie von den immer gleichen Darstellungen heterosexueller Männlichkeit in klassischen Romanzen ermüdet sind. Geschichten über schwule Männer würden eine Form von Männlichkeit zeigen, die zugänglich und verletzlich wirke.

Heterofatalismus

Diese Lesart lässt sich mit einem Diskurs verbinden, der derzeit unter dem Begriff Heterofatalismus verhandelt wird. In sozialen Medien sprechen Frauen davon, dass es „peinlich“ sei, einen Freund zu haben, oder erklären halb scherzhaft, sie wünschten, sie seien nicht heterosexuell.

Auch der Umgang mit Sexualität in Heated Rivalry könnte zur Identifikation beitragen. In der Serie hat Shane Hollander, gespielt von Hudson Williams, zunächst keine sexuelle Erfahrung mit einem anderen Mann. Regisseur Jacob Tierney bestand deshalb darauf, dass die Figuren in den ersten Folgen vor dem Sex explizit Zustimmung einholen. „Konsens war mir extrem wichtig – und darüber hinaus Fürsorge“, sagte Tierney in einem Interview mit der Teen Vogue. Damit setzt die Serie einen Kontrapunkt zu vielen gängigen Darstellungen von Sexualität, in denen Kommunikation eher ausgespart bleibt.

Doch der Erfolg von Heated Rivalry stößt nicht nur auf Zustimmung. Die Serie basiert auf den gleichnamigen Romanen der kanadischen Autorin Rachel Reid. Die Journalistin Esther Schelander verweist im Gespräch mit dem Deutschlandfunk auf die sogenannte Own-Voices-Diskussion. Die betone, dass queere Liebesgeschichten auch von queeren Au­to­r:in­nen erzählt werden sollten, da sonst queere Perspektiven ausgelassen werden könnten.

Schelander verweist etwa auf einen Beitrag des Autors Nathan Burgoine, der den fehlenden „Schulterblick“ in queeren Romanzen kritisiert. Kurz vor einem Kuss würden queere Menschen noch einmal über die Schulter blicken, um zu prüfen, ob sie beobachtet werden. Lasse man den Schulterblick in Serien oder Filmen weg, blende man zugleich die reale Lebensrealität aus – die Angst, gesehen zu werden.

Trotz berechtigter Kritik steht fest: Heated Rivalry hat eine Dynamik ausgelöst, der viele weitere Produktionen folgen dürften. Zum Erfolg beigetragen haben dürfte auch das Auftreten der Hauptdarsteller selbst. Mit einer auffallend offenen, humorvollen und teilweise ungefilterten Pressetour erreichten Storrie und Williams eine enorme Reichweite. Besonders Williams Auftritte sorgten für Aufmerksamkeit. Die Fans spekulierten wiederholt, ob er überhaupt klassisches Medientraining erhalten habe. Ein später veröffentlichter Clip stellte klar: Doch, hat er.

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