Houellebecqs „Serotonin“ im Theater: „Es ist Kunst– da ist es in Ordnung, sich so preiszugeben“
Regisseur Sebastian Hartmann und Schauspieler Guido Lambrecht über die Energie ihrer "Serotonin"-Inszenierung und Entspannung durch Verkehrslärm.
Michel Houellebecqs Roman „Serotonin“ von 2019 kreist um die Beschaffung eines Antidepressivums, in dem das gleichnamige stimmungsaufhellende Hormon enthalten ist. Florent-Claude Labrouste, der Icherzähler, ist in seiner Lebensmitte. Er kündigt seine Stelle im Landwirtschaftsministerium und verabschiedet sich aus seinem Alltag. Auf Frankreichs Autobahnen unterwegs, ist er dabei, mit seinem Leben abzuschließen. Er trifft einen Weggefährten wieder, nimmt die Spur seiner großen Liebe auf und geht mit sich ins Gericht. Sein einziger wirklicher Gesprächspartner ist der Pariser Arzt, von dem er sich die Rezepte ausstellen lässt. Am Ende sitzt der Icherzähler in einem Hotelzimmer im 20. Stock und rechnet aus, wie viele Sekunden sein Körper im freien Fall sein würde, stürzte er sich aus dem Fenster.
Sebastian Hartmann hat den Roman im Dezember 2025 am Hans Otto Theater in Potsdam mit dem Schauspieler Guido Lambrecht auf die Bühne gebracht. Die Inszenierung wurde als eine von zehn zum Theatertreffen eingeladen. Lambrecht hält sich gute fünf Stunden in einer zehn Quadratmeter großen weißen Box auf. Er ist das direkte Medium für den Icherzähler und fügt dem Romantext Teile seiner eigenen Familiengeschichte hinzu. Hartmann und Lambrecht treffen sich zum Gespräch.
taz: Herr Lambrecht, Sie kommen den ganzen Abend ohne einen einzigen Schluck Wasser aus. Ich hatte am Ende der Vorstellung den Eindruck, nicht nur die Figur, sondern auch Sie sind körperlich am Verschwinden.
Guido Lambrecht: Es ist tatsächlich ein anstrengender Abend. Man isst nicht, man trinkt nicht, bewegt sich wenig. Man kann wahrnehmen, wenn der Körper leer ist und wie neue Energie aus den Zellen geschöpft wird.
Sebastian Hartmann: Nach zwei Stunden kann Guido nicht mehr, das ist zu beobachten. Dann hört der Transport des Spielers auf. Dann beginnt der Spieler einsam zu sein, kommt in den Gedankenfluss. Für mich hat der Abend einen meditativen Charakter. Wenn man begreift, dass nichts anderes passiert, beginnt etwas Merkwürdiges. Man löst sich von seiner Erwartungshaltung. Halte ich das fünf Stunden aus? Das ist irgendwann egal. Es beginnt so etwas wie eine gedankliche Autolyse. Man fängt an, in sich selber zurückzufallen.
taz: Irgendwann wird ein Klangteppich mit Geräuschen fahrender Autos eingespielt. Herr Lambrecht, ist das für Sie ein Moment der Rekreation?
Lambrecht: Das ist einerseits eine kurze Erlösung vom dauerhaften Sprechen, ist aber auf eine andere Art fast der anstrengendste Teil. Ich sehe die Zuschauer, wie sie unsicher werden oder wie sie sich entspannen. Das ist ein starkes Miteinander und fordert fast noch mehr Kraft als das Sprechen. Andererseits ist es ein gutes Bild dafür, was die ganze Zeit beim Sprechen passiert: Ein Mensch ist allein in Räumen, umgeben vom Umgebungsgeräusch. Er blickt auf sich und die Gesellschaft.
Hartmann: Nach ungefähr vier Stunden wird Pariser Straßenlärm eingespielt. Dann weiß Guido, jetzt sind vier Stunden rum, und er hat eine Viertelstunde, um sich zu verorten: Was habe ich schon gesagt, was mache ich noch? Guido verliert in der Box das Zeitgefühl, manchmal irrlichtert er, verschlingt sich in der Geschichte. Guido kennt den Anfang und das Ende des Romans minutiös. Dazwischen hat er eine komplette Übersicht. Es passiert durchaus an den Abenden, dass er im inneren Teil switcht. Es hat auch keine Logik, wie er in die Privatfigur reinkommt, denn der Houellebecq braucht keine Chronologie. Guido sagt, in der ersten Hälfte gibt es 36 Gedankenwechsel, aber in der zweiten Hälfte sitzt du da wie eine Kuh.
Lambrecht: Das ist tatsächlich, wie jemandem zuzuhören, der dir seine Lebensgeschichte erzählt. Der springt automatisch. So ist der Roman auch gearbeitet. So hat man tatsächlich die Möglichkeit zu springen, wenn etwas anderes relevanter erscheint. Wenn man was verpasst hat, kann man es anfügen. Je mehr es im Roman dem Ende entgegengeht, desto stringenter wird es. Der Icherzähler gerät immer mehr in seine eigene Geschichte. Das ist für mich als Spieler wichtig zu wissen. Damit ich orientiert bin, weiß, wo ich mich befinde.
taz: Der autobiografische Teil besteht aus der Erzählung „des Jungen“, das sind Sie. „Der Junge“ besucht seinen todkranken Freund in Österreich. Houellebecqs Icherzähler besucht seinen alten Studienkollegen, einen Landwirt, der sich als Protest gegen die Agrarpolitik der EU mit Benzin übergießt. Wie geht es Ihnen damit, Persönliches auf der Bühne mit Fremden zu teilen?
Lambrecht: Oft kann man Fremden gegenüber Dinge offener beschreiben als jemand sehr Vertrautem. Es gibt tatsächlich viele Parallelen, aber das bedeutet erst mal nichts. Es sind Dinge, die in mir durch den Text zum Klingen gebracht werden und die ich versuche zu entäußern. Es ist Kunst – da ist es auch in Ordnung, sich so preiszugeben.
Guido Lambrecht, Schauspieler
Hartmann: Die Idee war, die Biografie von Florent mit der von Guido Lambrecht zu flankieren, um es unmittelbar zu machen. Es geht am Ziel vorbei, wenn Leute darüber nachdenken, ob Guido das erlebt hat oder nicht.
Lambrecht: Für mich ist es eine sprachliche Herausforderung, Dinge, die ich vom Kind erzähle, so zu gestalten, dass sie mit dem Romankontext korrespondieren.
taz: Die Inszenierung lebt von den Pausen, einer sprechenden Stille. Im weißen Kasten auf der Bühne konzentriert sich die Energie und kommt von dort gebündelt zum Publikum. Wie kamen Sie auf dieses Setting, Herr Hartmann?
Hartmann: Ich wollte eine bestimmte Konzentration. Der Rest war Zufall, wie so oft im Leben. Bei einem Freund stand auf dem Bauernhof ein riesiger Bottich, etwas gekippt. Ich habe mich reingestellt und gedacht: Das ist es, da steck ich Guido rein. Das Weiß entstand in der Diskussion mit unserem Lichtdesigner Lothar Baumgartner. Es gibt nur einen einzigen Scheinwerfer und vier Neonröhren im Saal. Bis wir in diese starke Reduktion gekommen sind, hat es eine Weile gedauert.
Lambrecht: Wir haben improvisiert. Sebastian hat mehrere Stunden Musik gespielt, und ich habe mich einfach nur in der Box aufgehalten, um den Raum kennenzulernen. Dessen Qualität ist, dass er für mich nicht genau definiert ist. Dass er ein starkes Zentrum hat, aber irgendwie im Raum schwebt. Dadurch, dass ich auch noch weiß gekleidet bin, ist es nur das Gesicht, das mich farblich unterscheidet und darum eine große Wirkkraft entfaltet.
taz: Vier Neonröhren im Saal erleuchten auch das Publikum. Mir war, als hätten wir Blickkontakt gehabt, Herr Lambrecht – ein Moment von großer Unmittelbarkeit, weil man sich sonst als Publikum gut verstecken kann.
Lambrecht: Als Spieler kann man sich vor dem Publikum auch verstecken. Meistens erscheinen die Zuschauer durch das Gegenlicht milchig, als eine Masse. Es gibt eigentlich nie diesen Blickkontakt über so eine Länge. Davor hatte ich Respekt. Das ist immer wieder eine Herausforderung, dieses Wahrnehmen, der direkte Kontakt zum Publikum: Er löst Gedanken aus, die einen ablenken können.
Hartmann: Marina Abramović hat sich 2010 in ihrer MoMA-Performance in New York mit einer unfassbaren Neutralität zur Verfügung gestellt. An ihr haben wir uns orientiert. Guidos Leistung ist, dass er uns eine derartige Neutralität anbietet, dabei auch noch spricht und versucht, im Gedankenfluss zu bleiben.
taz: Der Abend baut ein ganz besonderes Energiefeld auf. Wie nehmen Sie das war, Herr Lambrecht? Variiert es von Publikum zu Publikum?
Lambrecht: Man muss sich jedes Mal neu kennenlernen. Es ist für mich jedes Mal ein großer Moment, in die Box zu gehen und mich hinzusetzen, weil ich weiß, dass das jetzt für eine lange Zeit die Situation sein wird. Man weiß aber nicht, wie sie sein wird. Gibt es heute Zuschauer, die das nicht aushalten wollen? Merkwürdigerweise ähneln sich die Vorstellungen energetisch. Es bildet sich ein ähnlicher Organismus.
Hartmann: Die Frage des Energiefeldes treibt mich um als Regisseur. Ich suche immer mehr danach, mit einer Inszenierung eine bestimmte Energie in einem Saal zu erzeugen. Mir ist wichtig, dass man aus einem Theaterabend rausgeht, in dem man zehn Minuten lang an nichts denkt und tatsächlich in einer Geschichte verschwindet. Das ist mir heilig, da glaube ich ans Theater.
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