Hohe Spritpreise: Lkw-Streiks in Italien sorgen für leere Supermarktregale
Leere Fleisch- und Fischregale, überteuerte Tomaten und Millionenverluste bei Mozzarella-Produzenten: In Italien blockieren Trucker Straßen, Häfen und Raffinerien.
Foto: Igor Pety/reuters
Supermärkte in Neapel sehen aus, als seien sie geplündert worden: Vor allem Obst- und Gemüseregale sind leer. Auch Fleisch, Fisch und Milchprodukte fehlen völlig. Und in jenen kleinen Obstläden, die noch Ware haben, schießen die Preise in die Höhe. Ein Kilo Tomaten kostet zum Beispiel 10 Euro.
Tatsächlich geplündert – wie am vergangenen Wochenende in Frankreich – wurden die Supermärkte allerdings nicht. Zwar hatte es auch in Italien teils gewalttätige Proteste von Jugendlichen gegeben. Doch die leeren Supermarktregale haben einen anderen Grund: Bereits seit knapp zwei Wochen streiken in Italien Lkw-Fahrer. Begonnen hatte der Protest auf Sizilien. Zunächst behinderten Konvois den Verkehr, dann beteiligten sich auch Fahrer anderer Südregionen: in Apulien, Kalabrien, dann auch Kampanien mit der wichtigsten Südmetropole Neapel.
Warum? Die Trucker sind erbittert über die kräftig gestiegenen Dieselpreise und fordern Unterstützung von der Regierung unter Giorgia Meloni, die an diesem Donnerstag ihr vierjähriges Dienstjubiläum feiert. Die hatte bisher nur warme Worte für sie: Meloni bezeichnete den Ausstand als positives Gegenbeispiel zu den gewalttätigen Ausschreitungen von Mailand und nannte ihn einen „friedlichen Protest“. Die positiven Worte dürften sich auch der Tatsache verdanken, dass die streikenden Trucker politisch mehrheitlich rechts orientiert sind.
Am Dienstag zeigte die Regierung Meloni dann auch Gesprächsbereitschaft: Verkehrsminister Matteo Salvini, Chef der Lega und Stellvertretender Ministerpräsident, traf sich mit Vertreter*innen diverser Branchenorganisationen aus dem Speditionsgewerbe und sagte letztlich zu, 490 Millionen Euro freizugeben, die die Regierung bereits im Mai an Steuererleichterungen zugesagt hatte.
Die größeren Branchenverbände erklärten sich damit zufrieden, doch die Basiskomitees, die den Ausstand im Süden anführen, streiken weiter. Sie verlangen vor allem den Wegfall der Treibstoffabgabe, die bei Diesel 25 Cent pro Liter beträgt.
Also blockierten Trucker in Palermo zeitweise den Hafen. Auch Autobahnabschnitte und Raffinerien wurden blockiert.
Die Folgen können die Italiener*innen seit Beginn der Woche jeden Abend in den TV-Nachrichten sehen, wenn sie sie nicht als Bürger*innen der Südregionen live erleben. Neben den leeren Supermarktregalen ist an zahlreichen Tankstellen Benzin und Diesel ausgegangen. Die städtischen Verkehrsbetriebe ebenso wie die Müllabfuhr von Neapel kündigten an, den Betrieb einstellen zu müssen. Auch diversen Flughäfen Süditaliens, von Palermo über Catania bis zu Reggio Calabria, sind die Kerosinvorräte ausgegangen.
Einschneidende Konsequenzen bekommt auch die Landwirtschaft zu spüren. Die Großmärkte für Obst und Gemüse in Süditalien werden seit Tagen nicht mehr beliefert, den Landwirten entstehen so Millionenschäden. Auch die Produktion von Büffelmozzarella in Kampanien musste eingestellt werden: Weder konnte der fertige Mozzarella abtransportiert werden, noch erreichte Büffelmilch die Hersteller. Die Mozzarella-Hersteller beziffern ihre Verluste auf 3 Millionen Euro pro Tag. Doch auch Industriebetriebe klagen mittlerweile über Produktionsausfälle, da die Zulieferung von Teilen ausbleibt.
Ganz gewaltfrei blieben die Proteste auch nicht: Nicht streikbereite Lkw-Fahrer berichten, ihnen seien von Kollegen die Reifen zerstochen worden. Ein Trucker sagte der italienischen Nachrichtenagentur Ansa, er sei gezwungen worden, eine Autobahnraststätte anzufahren. Die Weiterfahrt von dort sei ihm dann verweigert worden, und er fühle sich „als Geisel genommen“.
Die Regierung reagiert auf die anhaltenden Proteste auf dreierlei Weise: Erstens wurden bis Donnerstagnachmittag 71 Anzeigen gegen streikende Trucker ausgesprochen. Zweitens eskortiert die Polizei seit Mittwoch Transporte von Medikamenten sowie Lebensmitteln. Drittens verabschiedete die Regierung am Donnerstag ein Gesetzesdekret, das die Hilfszahlungen für das Speditionsgewerbe ebenso wie für Landwirte auf etwa 1 Milliarde Euro erhöht. Und letztlich hat Verkehrsminister Salvini den Trucker-Basiskomitees Süditaliens zugesagt, er werde sie am 27. Oktober zu weiteren Verhandlungen treffen.
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