piwik no script img

Hitzeschutz-Tour in CharlottenburgMit Creme und Capri-Sonne

Der Sommer mit viel Sonne und großer Hitze ist für Menschen ohne Obdach gefährlich. Das Team des WILMA Shoppingcenters hilft mit dem Hitzefahrrad.

Aus Berlin

Luisa Ederle

Dass winterliche Temperaturen für Wohnungslose lebensgefährlich sind, ist den meisten bewusst. Aber dass auch die Sommerhitze für Menschen ohne Obdach eine große Gefahr darstellen kann, haben viele noch nicht auf dem Schirm.

Am Mittwoch macht sich das Team des Shoppingcenters WILMA aus Charlottenburg erstmals auf den Weg, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Mithilfe eines E-Lastenbikes soll Sonnenschutz, Wasser und Capri-Sonne an wohnungslose Menschen verteilt werden. „Das ist nicht für unser Image. Wir sind unterwegs nach dem Motto „Tu Gutes und sprich darüber“, sagt Center-Manager Steffen Mezler der taz. „Die Aktion soll auch eine Anregung für andere sein, ebenfalls zu helfen.“

Auf Berlins ältester Einkaufsstraße muss man nur wenige Meter laufen, um Menschen zu treffen, die Hitzeschutz bitter nötig haben. Aran Svenson aus Island sitzt vor einem schattigen, halbwegs kühlen Hauseingang. Er nimmt das Care-Paket gerne an. Der 40-Jährige ist seit 3 Jahren obdachlos. Mit der Hitze komme er schon zurecht, es sei aber wichtig, einen geeigneten Platz finden.

Das Lastenrad rollt weiter Richtung Stuttgarter Platz, einem Hotspot für obdachlose Menschen. Unter der S-Bahn-Brücke an der Lewishamstraße steht Zelt an Zelt, ist Matratze an Matratze gereiht, es ist laut und der Gestank der Autoabgase vermischt sich mit der Hitze – wenigstens ist man hier vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt.

„Obdachlosigkeit ist 365 Tage im Jahr prekär“

Agnes Lešziková aus Lettland freut sich über Capri-Sonne und den kurzen Austausch mit dem WILMA-Team. Die 43-Jährige verlor vor einem Jahr ihre Arbeit in einem Hotel, seitdem lebt sie auf der Straße. „Der Winter ist zwar schlimmer“, sagt sie, „aber im Sommer sind leider viele Unterkünfte geschlossen und nachts auf der Straße ist es sehr gefährlich für Frauen.“

Die Teamleiterin für Versorgung der Berliner Stadtmission Sünje Hansen betont: „Obdachlosigkeit ist 365 Tage im Jahr prekär. Die Gefahr der Dehydrierung ist in den Sommermonaten sehr hoch. Auch Möglichkeiten, sich in kühlen Räumen aufzuhalten, sind wichtig.“

Auch dafür ist WILMA eine Anlaufstelle: Obdachlose dürfen sich im klimatisierten Center aufhalten, die Toilettenräume und das kostenlose WLAN nutzen. „Jeder kann zumindest einen kleinen Beitrag im Kiez leisten“, findet Steffen Mezler. Irgendwann sind alle Sonnencremes verteilt, das Lastenrad rollt zurück Richtung WILMA. Donnerstag soll die Aktion wiederholt werden.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare