Hitze in Deutschland: Gute Wirtschaftspolitik geht nur mit guter Klimapolitik
Der Wirtschaftsflügel der Union will weniger Klimaschutz. Das zeigt, wie wenig Ahnung die Union von der Wirtschaft der Zukunft hat.
W er hätte das gedacht: Der Wirtschaftsflügel der Union will weniger Klimaschutz. Die Klimapolitik habe sich in Zukunft stärker der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie unterzuordnen, erklärten Vertreter wie Tilman Kuban oder Gitta Connemann am Mittwochabend beim Werkstattgespräch der Union. Ihr Hauptargument: Die aktuellen Klimaziele riskierten eine Deindustrialisierung Deutschlands.
Das zeigt, dass ausgerechnet der Wirtschaftsflügel der Union keine Ahnung von Wirtschaftspolitik der Zukunft hat. Hitze ist ein Wachstumsproblem, ab 30 Grad Außentemperatur im Schatten sinkt die Produktivität drastisch. In der Wirtschaftswissenschaft wird von 3 Prozent Einbußen je zusätzlichem Grad ausgegangen. Das bedeutet, dass an Tagen mit 40 Grad fast ein Drittel weniger erwirtschaftet werden kann.
Längst fordern Gewerkschafter, das Schlechtwettergeld, das ursprünglich für frostige Winter ausgedacht wurde, auf den Sommer auszudehnen: Bestimmte Jobs, etwa auf dem Bau, können bei 40 Grad nicht mehr ausgeführt werden. Besonders dramatisch leiden die Landwirte: Sie können schlecht darauf verzichten, jetzt ihre Tiere zu kühlen oder aufs Feld zu fahren, trotz Temperaturen von mehr als 40 Grad im Stall oder auf dem Traktor.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.
Hamburg so heiß wie Köln vor über 30 Jahren
Dass eine wärmere Atmosphäre heißere Sommer mit sich bringt, ist eine Binse – und mittlerweile wissenschaftlich lückenlos belegt. Es ist heute im Schnitt 2 Grad wärmer in Deutschland als vor dem Klimawandel: Nach Untersuchungen des Umweltbundesamtes hat Hamburg bereits heute ein Klima, wie es früher in Köln herrschte – in den Jahren 1961 bis 1990.
Köln wiederum hat heute ein Klima wie die französische Stadt Tours, die circa 250 Kilometer südwestlich von Paris liegt. Ohne wirksamen Klimaschutz wird Berlin in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ein Klima bekommen, wie wir es heute im südfranzösischen Toulouse kennen, Köln dann wie heute in San Marino. Anders als dort wird hierzulande aber nicht mit Hitzeerfahrungen gebaut.
Eine Studie im Auftrag der EU-Kommission kam 2018 zu dem Ergebnis, dass bei ungebremsten Emissionen die wirtschaftlichen Einbußen für die EU bis Ende des Jahrhunderts auf 240 Milliarden Euro jährlich steigen könnten, rund 2 Prozent der Wirtschaftsleistung. Klimaschutz ist deshalb Wachstumspolitik. Und konsequenter Klimaschutz würde dafür sorgen, dass Deutschland auf den Zukunftsmärkten wieder mitspielen könnte. Solange die Union mit ihrer Wirtschaftspolitik nur das fossile Gestern verlängern will, so lange betreibt sie Klientelpolitik für eine untergehende Branche, die das Klimaproblem erst verursacht hat.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert