Hitze im Norden: Sorge um die Obdachlosen
In Hamburg fehlen kühle Räumen und Trinkwasserbrunnen für Menschen, die auf der Straße leben. Die Sozialbehörde verspricht, dass sich das ändert.
Die Organisatoren des diesjährigen Hamburger Halbmarathons zeigten Respekt vor der bevorstehenden Hitzewelle und sagten das für Samstag geplante Event kurzerhand ab. Die rund 3.800 Obdachlosen der Stadt sind da weniger handlungsfähig. „Es gibt zu wenig Schutzplätze in der Stadt“, sagt Ronald Kelm vom ehrenamtlichen Gesundheitsmobil. „Die Obdachlosen liegen in den Parks und auf den Straßen. Und wenn die Sonne sich dreht, kommt es immer wieder zu schlimmen Verbrennungen.“
Der ehrenamtliche Helfer sagt, dass es analog zum Winternotprogramm auch ein Hitzeschutzprogramm im Sommer geben müsse. „Vor Kälte kann man sich noch mit Kleidung schützen. Vor Hitze geht das nicht.“ Die Öffnungszeiten der Tagesaufenthaltsstätten müssten verlängert und mehr Trinkwasserbrunnen aufgestellt werden. „Hamburg hat nur 55, Wien dagegen über 1.600“, sagt Kelm. Dabei hatte der Hamburger Senat im vergangenen Jahr versprochen, mehr Trinkbrunnen aufzustellen.
Ronald Kelm, Ehrenamtlicher beim Gesundheitsmobil
Auch die Diakonie Hamburg zeigt sich besorgt. „Obdachlose Menschen sind den Witterungsbedingungen schutzlos ausgeliefert“, sagt deren Wohnungslosenexpertin Stefanie Koch. „Sie tragen ein hohes Risiko, zum medizinischen Notfall zu werden.“ Deshalb müsse der Zugang zu Trinkwasser und Hitzeschutzräumen verbessert werden.
In der Stadt sei die Belastung besonders hoch, weil versiegelte Flächen sich kaum abkühlen, ergänzt die Krankenschwester Petra Carstensen. Sie engagiert sich ehrenamtlich in der ärztlichen Sprechstunde im Diakonie-Zentrum für Wohnungslose. „Symptome wie Schwindel, Verwirrtheit und Muskelkrämpfe erfordern sofortige Hilfe, um lebensgefährliche Folgen zu verhindern“, sagt sie. Zudem verschlimmere die Hitze chronische Leiden und erschwere die Wundheilung.
Linke fordert Hitzeschutzkonzept
Auch die Linksfraktion ist in Sorge. „Wenn am Wochenende Temperaturen von über 30 Grad erreicht werden, wird Hitze für obdachlose Menschen leicht zur Lebensgefahr“, sagt die Sozialpolitikerin Olga Fritzsche. „Während sich alle anderen in ihre Wohnungen zurückziehen können, sind die Menschen auf der Straße den hohen Temperaturen schutzlos ausgeliefert.“
Fritzsches Eindruck zufolge hängt es vom ehrenamtlichen Engagement ab, ob jemand ausreichend Wasser und einen schattigen Platz findet. „Der Schutz besonders gefährdeter Menschen ist aber eine staatliche Aufgabe“, sagt sie. Darum reicht die Linke für die kommende Bürgerschaftssitzung einen Antrag zum Thema „Hitzeschutz“ ein.
Denn andere Städte wie Wien hätten längst besser vorgesorgt. Die Linke fordert, dass der Senat zeitnah ein Schutzkonzept aufstellt. Nötig seien zusätzliche Unterbringungs- und Aufenthaltskapazitäten, etwa durch verlängerte Öffnungszeiten oder die Nutzung klimatisierter öffentlicher Häuser wie Bibliotheken und Museen. Zudem solle die Stadt den Zugang zu kostenfreiem Trinkwasser „deutlich ausbauen“. Und es solle eine Hitze-Hotline geben.
Wasserausgabe aus mobilen Tanks
Der Sprecher der Sozialbehörde erklärt, Hamburg setze bereits auf gezielte Hitzeschutzmaßnahmen für obdachlose Menschen. Dazu gehörten aufsuchende Sozialarbeit, etwa durch das Team „Visite Social“. Dieses verteile auch Wasser, sensibilisiere Träger für die Risiken hoher Temperaturen und gebe gezielte Hitzewarnungen. Zudem seien die Tagesaufenthaltsstätten der Stadt an der Spaldingstraße und der Stresemannstraße auch am Wochenende zwischen 9.30 Uhr und 16.30 Uhr geöffnet. Diese stellten Duschen, Trinkwasser, Sonnencreme, frische Kleidung und kühle Aufenthaltsmöglichkeiten zur Verfügung.
Ronald Kelm vom Gesundheitsmobil regt auf, dass die Stadt schon vor einem Jahr versprach, zusätzlich weitere Trinkwasserstellen zu schaffen. Seitdem sei nichts passiert ist. „Von den 16 Millionen Euro, die für die Olympia-Werbung draufgingen, hätten sie viele schöne Wasserspender bauen können“, sagt er. Nun solle die Stadt, wie schon früher mal geschehen, am Hauptbahnhof und weiteren Brennpunkten wie der Reeperbahn zusätzlich eine Wasserausgabe durch Tanks organisieren.
Die zuständige Umweltbehörde erklärt, solche mobilen Wasserboxen seien zuletzt 2022 als Reaktion auf eine Hitzewelle eingesetzt worden. Bis solche Geräte eingesetzt werden könnten, dauere es aber mehrere Tage.
Hilfehotline nur zu Behördenzeiten
Besserung gelobt die Stadt, was die Aufstellung von Trinkwasserspendern betrifft. Dies geschehe bisher nach einem „baulich aufwendigen Verfahren“, räumt die Umweltbehörde ein. Durch ein neues Konzept solle das einfacher werden, um die Zahl der Wasserspender in Hamburg „wahrnehmbar“ zu erhöhen.
Die Diakonie weist darauf hin, dass alle Hamburger mithelfen können. So solle man Menschen, die möglicherweise obdachlos sind, fragen, ob sie Hilfe benötigen und ihnen bei Bedarf eine Flasche Wasser kaufen. „Bei Symptomen eines Hitzschlags (rotes Gesicht, Zittern, kalter Schweiß) rufen Sie den Rettungsdienst“, schreibt die Diakonie. Bis der eintrifft, solle man der Person Luft zufächeln.
Die Sozialbehörde verweist auf die Hilfehotline unter der Rufnummer 040/42828-5000. Wer sich Sorgen um eine obdachlose Person mache, könne sich an die Hotline wenden. In akuten Notfällen müsse die Feuerwehr oder der Rettungsdienst gerufen werden.
Dass die Hotline nur zu Behördenzeiten zu erreichen ist, ärgert Ronald Kelm vom Gesundheitsmobil. „Das reicht nicht. Das, was wir Ehrenamtlichen in der Stadt sehen, ist Elendsverwaltung.“
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