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Historikerin über Westfälischen Frieden„Wir wissen, dass ein Diktatfrieden nicht funktioniert“

Der Osnabrücker Handschlag erinnert an den Westfälischen Frieden von 1648. Siegrid Westphal über die Macht von Kommunikation und Kompromiss.

taz: Frau Westphal, als der Dreißigjährige Krieg mit dem Westfälischen Frieden endete, verhandelt auch in Osnabrück, bekräftigt mit einem Handschlag am 6. August 1648, hat Europa aufgeatmet. Aber viel gelernt hat die Menschheit daraus nicht, oder?

Siegrid Westphal: Ich glaube, die Menschheit ist mit Blick auf die Fähigkeit, den Frieden zu erhalten, grundsätzlich kaum lernfähig!

taz: Eine deprimierende Aussage.

Westphal: Man hat sicher etwas aus dem Westfälischen Frieden mitgenommen, vor allem mit Blick auf den Religionsfrieden. Das Zusammenleben der drei großen christlichen Konfessionen Katholizismus, Luthertum und Calvinismus ist damals wirklich gut gelöst worden. Das hat zu Stabilität geführt. Was man nicht gelernt hat, ist, machtpolitische Fragen auf europäischer Ebene friedlich auszutragen, kommunikativ. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hat es gleich wieder große Kriege auf europäischer Ebene gegeben.

Im Interview: Siegrid Westphal

63, Historikerin, ist seit 2004 Professorin für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Osnabrück. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehört die kulturhistorische Friedensforschung.

taz: Kriege gehören zur Menschheitsgeschichte dazu?

Westphal: Weil das Machtstreben etwas vielleicht typisch Menschliches ist. Wenn man sagt, man lernt aus Friedensschlüssen, wäre ich sehr vorsichtig. Man kann versuchen, das Miteinander so zu gestalten, dass möglichst keine weiteren Konflikte ausbrechen. Aber dass das dennoch geschieht, kann kein Friedensschluss verhindern.

taz: Jedes Jahr nimmt Osnabrück den Handschlag von damals zum Anlass eines Kulturfestes, und Osnabrück bezeichnet sich als „Friedensstadt“. Aber die Stadt ist dadurch keine Insel der Glückseligen in einem Meer von Gewalt.

Westphal: Nein, sicher nicht.

taz: Ein Programmpunkt der Handschlagsfeier ist ein Outdoor-Escape-Room zum Sommer 1648. Woraus entkommen wir da?

Westphal: Da geht es um Gefährdungen, die den Friedensabschluss verhindern könnten. Das ist ein Suchspiel im öffentlichen Raum, das einem breiteren Publikum spielerisch Forschungsergebnisse vermittelt.

Der Handschlag

Osnabrücker Handschlag, Kulturprogramm in Erinnerung an den symbolischen Akt, mit dem am 6. 8. 1648 vor dem Rathaus Osnabrück der Dreißigjährige Krieg beendet wurde, mit Gottesdienst ab 12 Uhr, Laienspiel ab 13 Uhr, Lesung mit Rufus Beck im Rathaus ab 17 Uhr und Themenführungen durch Stadt und das Diözesanmuseum um 13.45 und 15.30 Uhr sowie einem Outdoor Escape Room

taz: Als Ausweis moderner Erinnerungskultur?

Westphal: Genau. Für mich ist Osnabrück eine Friedensstadt, weil es die Stadt des Westfälischen Friedens ist. Und dann muss man sich überlegen, welche Konsequenzen man daraus bis in die Gegenwart zieht. Will man nur historisch erinnern? Oder will man den Friedensstadtbegriff ausweiten, im Sinne konkreter Friedensarbeit der Stadtgesellschaft?

taz: Wie hat sich der Begriff Frieden im Laufe der Jahrhunderte verändert?

Westphal: Wir betrachten Frieden heute stärker als Prozess, als etwas, das mit einem Vertrag nicht abgeschlossen ist, das nicht nur die Abwesenheit von Gewalt bedeutet, sondern an dem man kontinuierlich arbeiten muss.

taz: Gibt es Kernfaktoren, die vorhanden sein müssen, damit ein Friede langfristig hält?

Westphal: Wir wissen, dass ein Diktatfrieden nicht funktioniert, wenn sich also eine Partei militärisch durchgesetzt hat und die Bedingungen vorschreibt. Alle Seiten müssen friedenswillig und kompromissbereit sein, von ihren ursprünglichen Kriegszielen abweichen können. Wichtig ist auch, alle Konfliktparteien an einen Tisch zu bringen, nicht über die Köpfe hinweg zu verhandeln.

taz: Wenn wir an Geschichte denken, denken wir meistens an Kriege, Schlachten. Oder täuscht das?

Westphal: Das täuscht nicht. Mit Blick auf den Dreißigjährigen Krieg und den Westfälischen Frieden ist es tatsächlich so, dass wir immer noch die großen Schlachten und Feldherren benennen können, wenn man dann aber fragt, wer am Friedenskongress beteiligt war, wird man keine Antwort bekommen. Das Interesse an Krieg, an Gewalt, an Konflikten ist deutlich ausgeprägter als das Interesse an Friedensprozessen, an Friedensschlüssen.

taz: Warum?

Westphal: Da herrscht, auch in den Medien, Sensationslust, Sensationsgier. Frieden dagegen ist nicht besonders „sexy“, ist etwas Mühsames, das sich schlecht verkaufen lässt. Jeder will Frieden, aber niemand interessiert sich dafür, wie er hergestellt werden kann.

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