Historiker über den Braunschweiger Löwen: „Sie waren davon ausgegangen, im Löwen Schätze zu finden“
Schatzsucher*innen, Nazis, Busfahrten – der Braunschweiger Löwe hat viel erlebt. Alfred Walz erklärt, was das Denkmal einzigartig macht.
taz: Herr Walz, was ist am Braunschweiger Burglöwen so besonders?
Alfred Walz: Besonders ist zunächst seine Einzigartigkeit. Der Braunschweiger Burglöwe ist ein Bronze-Bildwerk aus der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts. Es hat sich erhalten und ist seit 1985 im Museum ausgestellt. Auf dem ursprünglichen Sockel auf dem Burgplatz steht mittlerweile eine Kopie. Eine großformatige freistehende plastische Bronzearbeit und zudem eine Tierbronze aus dieser Zeit ist sehr selten. Einzigartig für die hochmittelalterliche Zeit ist der Burglöwe als stellvertretendes Sinnbild eines Herrschers – in diesem Falle Herzog Heinrichs des Löwen.
taz: Der war ein Welfe, gehörte also einem der mächtigsten Adelsgeschlechter Europas an, Stichwort „Welfenschatz“. Es gab Gerüchte, im Inneren des Löwen könnte sich ein Schatz verbergen, oder?
Walz: Es gab mal eine Geschichte, der zufolge die höfische Gesellschaft Geld in den Rachen des Löwen geworfen haben soll. Durch eine auf der Brust des Löwen angebrachte Tür sei das Geld wieder herausgeholt worden. Im 19. Jahrhundert wurde dann aber festgestellt, dass hinter der angeblichen Tür keine Öffnung war.
geboren 1949, ist Historiker und war bis 2015 Leiter der Abteilung für Angewandte Kunst am Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig. Über den Braunschweiger Burglöwen hat er ein Buch geschrieben: „Der Braunschweiger Burglöwe“, erschienen im Michael Imhof Verlag, 208 S., 19,95 Euro
taz: Im Zweiten Weltkrieg soll trotzdem im Löwen nach einem Schatz gesucht worden sein. Was hat es damit auf sich?
Walz: Der Löwe wurde 1941 vom Sockel genommen, um ihn vor Beschädigungen durch Kriegseinflüsse zu schützen. Er kam zunächst ins Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig. Das werden Sie in der Literatur nirgends lesen, aber es gibt dazu eine sehr verlässliche Quelle und sogar Fotos. 1943 war das Museum nicht mehr sicher genug und der Löwe wurde in den Rammelsberg, einen Bergwerkstollen südlich von Goslar, gebracht. Als der Krieg vorbei war, stellte man fest, dass Unbekannte hinten in den Löwen ein handgroßes Loch eingeschlagen hatten. Sie waren offensichtlich davon ausgegangen, im Löwen Schätze finden zu können.
taz: In diesen Kriegsjahren stand eine Kopie auf dem Burgplatz. Das war aber nicht die einzige Kopie, auch NS-Reichsluftfahrtminister Herrmann Göring soll eine bekommen haben.
Walz: Das stimmt, Anfang 1937 übergab der braunschweigische Ministerpräsident Dietrich Klagges eine Bronzekopie des Löwen an Hermann Göring. Göring ließ die Kopie dann auf seinem Landgut, in Carinhall, aufstellen, wo sie nach dem Krieg noch erhalten war, bald danach wurde sie aber eingeschmolzen.
taz: Die Kriege hat der Löwe also überstanden, mittlerweile steht das Original aber nicht mehr unter freiem Himmel. Wieso?
Walz: Die Haut des Löwen war im Laufe der Jahrhunderte zerfressen worden, nicht zuletzt aufgrund der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Die Umwelteinflüsse hatten dem Löwen so sehr zugesetzt, dass klar war, dass unter diesen Umständen seine Zerstörung riskiert würde. In der Restaurierungswerkstatt wurde zudem festgestellt, dass die Bronzehaut undicht ist. Folglich blieb keine andere Wahl als die, für den Burglöwen einen Standort in einem klimatisierten Raum zu finden.
taz: Nachbildungen haben es hingegen in die große weite Welt geschafft, eine Kopie steht in Harvard. Was begeistert die Menschen so sehr an dieser Löwen-Abbildung?
Walz: Die Nachbildung in Harvard steht vor dem Germanischen Museum. Damals war ein Deutscher, Kuno Francke, Direktor des Museums. Und der hatte die Vision, so Francke, „dass das Löwenstandbild als weithin wirkender Vertreter deutscher Tüchtigkeit und Mannhaftigkeit auf dem Boden der Neuen Welt dastehen wird“. Die anderen Kopien wurden teils aus dynastischen Gründen angefertigt, andere haben mit der Geschichte der Welfen oder speziell mit Heinrich dem Löwen zu tun. In Lübeck und Schwerin stehen Abgüsse – Heinrich der Löwe war maßgeblich an der Gründung dieser beiden Städte beteiligt.
In einer Ausstellung des Herzog Anton Ulrich-Museums sind derzeit Sammelstücke rund um Heinrich den Löwen zu sehen. Über die Mythen und Geschichten rund um den Braunschweiger Burglöwen klärt Alfred Walz auf: „Der Burglöwe – Geschichte und Geschichten“, Do 19. März, 18:30-20:00 Uhr, Museumstr. 1, 38100 Braunschweig. Der Eintritt ist frei.
taz: Aber auch abseits der Skulpturen ist der Braunschweiger Löwe zu finden.
Walz: Das stimmt. Für mich ist dies eine besonders schöne Vorstellung: Seine Seitenansicht ist hauptsächlich durch das Logo des Fahrzeugherstellers MAN bekannt. Das heißt, überall in der weiten Welt, wo MAN-Busse fahren, fährt auch der Burglöwe mit. Ist schon was Tolles, dieser Gedanke.
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