piwik no script img

Historiker über NS-Todesmärsche„Eins der größten Verbrechen der NS-Endphase“

Anfang 1945 wurden KZ-Häftlinge auf „Todesmärsche“ gezwungen. In Schleswig-Holstein führten sie zur „Cap Arcona“, die durch britische Bomber sank.

Einstiges Flaggschiff, dem Untergang geweiht: die Cap Arcona Foto: dpa

Interview von

Petra Schellen

taz: Herr Möller, welches war das größte Verbrechen in der Endphase des NS-Regimes in Schleswig-Holstein?

Reimer Möller: Die Erschießung von 200 KZ-Häftlingen am 3.5.1945 am Strand von Pelzerhaken in der Lübecker Bucht durch SS und andere bewaffnete Gruppen. Aus dem KZ Stutthof kommend, waren sie nach einem „Todesmarsch“ bei Neustadt gestrandet. Sie hatten auf die Cap Arcona umsteigen sollen – ein Ziel etlicher Häftlings-Todesmärsche durch Schleswig-Holstein. Aber dazu kam es nicht.

taz: Warum hat das NS-Regime die KZ in der Endphase des Zweiten Weltkriegs überhaupt geräumt?

Bild: Privat
Im Interview: Reimer Möller

69, ist Historiker und war bis zur Pensionierung Archivar in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Zudem ist er wissenschaftlicher Berater der Stadt Neustadt für einen Gedenk- und Lernort über die Opfer der Cap Arcona.

Möller: Weil die Alliierten vorrückten und die NS-Ideologie besagte, dass die sämtlich „schwerstkriminellen“ Häftlinge im Fall der Befreiung zur Gefahr für die Bevölkerung würden. Schon 1942, intensiver ab 1944 wurden für die Bevölkerung und die KZ Evakuierungspläne für eventuelle Kampfgebiete erstellt.

taz: Aber in den KZ wurden auch Verbrechensspuren beseitigt. Und die Häftlinge sollten als Zeugen nicht den Alliierten in die Hände fallen.

Möller: Ja, die „Inspektion der Konzentrationslager“ in Oranienburg, die den KZ-Kommandanten die Vernichtung der Lagerregistratur und der Karteien befahl, hegte durchaus Vertuschungsabsichten.

taz: Und wer hat die „Todesmärsche“ zur Cap Arcona geplant?

Möller: Verantwortlich waren die Gauleiter. Für Hamburg war das Karl Kaufmann, zugleich Reichsverteidigungskommissar. Er hatte viel Macht, weil ihm – als die Alliierten vorrückten – die höheren SS- und Polizeiführer unterstellt wurden, um die Evakuierung der KZ einzuleiten und den KZ-Kommandanten entsprechende Befehle zu geben.

Bekleidung und Verpflegung der ohnehin geschwächten Menschen waren katastrophal, die Sterberate sehr hoch. Aber das interessierte nicht

taz: Wie lief das konkret ab?

Möller: Von Stutthof bei Danzig fuhren die KZ-Häftlinge zum Beispiel per Schmalspurbahn zu einem Dorf an der Weichselmündung, von da mit Marine-Landungsbooten auf die Halbinsel Hela, dann auf Binnenschiffen gen Schleswig-Holstein. Zwei dieser Gruppen strandeten bei Neustadt und wurden, wie erwähnt, bei Pelzerhaken großteils ermordet. Weitere Wanderungsbewegungen gab es in der Kieler Förde und bei Eckernförde. Eine weitere Gruppe Richtung Cap Arcona kam aus dem KZ Fürstengrube bei Auschwitz, andere aus Wilhelmshaven. Dazu ein Zug mit 100 Güterwagen aus Neuengamme.

taz: Wie wurden die Häftlinge unterwegs versorgt?

Der Vortrag

„Gewaltverbrechen in der Endphase des NS-Regimes in Schleswig-Holstein – neue Forschungsergebnisse zu Todesmärschen und zur Cap-Arcona-'Katastrophe'“: 16.4., 18.30 Uhr, KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen, Nützen. Anmeldung erforderlich bis 14.4.2026 an ts@kz-gedenkstaette-kaltenkirchen.de

Möller: Bekleidung und Verpflegung der ohnehin geschwächten Menschen waren katastrophal, die Sterberate sehr hoch. Aber das interessierte nicht. Gauleiter Kaufmann etwa hatte nur ein Ziel: Die Neuengamme-Häftlinge sollten raus aus Hamburg.

taz: Wurden die Täter dieser Endphase nach 1945 belangt?

Möller: Nein. Zu den Morden von Pelzerhaken zum Beispiel gab es keinen Prozess. Was passiert ist und welche Tätergruppen infrage kommen, weiß man genau. Aber die sehr gründlichen Ermittlerteams der britischen Armee haben es nicht geschafft, einzelnen Leuten ihre Taten zuzuordnen.

taz: Aber es gab doch überlebende Zeugen.

Möller: Ja, aber es waren etliche Gruppen beteiligt – Polizei, SS, Marineangehörige. Um Individuen zu identifizieren, hätten die Zeugen Uniformen, Abzeichen, Gewehrtypen genau beschreiben müssen. Das konnten sie begreiflicherweise nicht.

taz: Am 3.5.1945 versenkten britische Bomber die Cap Arcona und den Frachter Thielbek mit 7.000 Menschen. Dabei sollen die Häftlinge in ihrer auffälligen Kleidung um Hilfe gewinkt haben. Ist das in Großbritannien aufgearbeitet?

Möller: Soweit ich weiß, gilt das als Kollateralschaden. Man bekämpfte eben den Feind.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare