Herbstanfang im Kinosessel: Lance Oppenheim ist übrigens aus Florida
Halloween nicht in Flipflops und Hawaiihemd? Klingt furchtbar, aber immerhin gibt es das Kino, das über kalte Tage hinwegtröstet.
Der Sprung in den deutschen Herbst war jetzt doch etwas sehr abrupt gekommen. Vor wenigen Tagen hatte ich noch unter den Palmen von Florida für eine Geschichte recherchiert. Bei tropischen 30 Grad Celsius kühles Modelo-Bier getrunken und gekonnt ignoriert, dass in Berlin schon lange die schlimmen, dunklen Monate angebrochen sind. Dass man da Halloween nicht in Flipflops, kurzer Hose und Hawaiihemd feiert, sondern in Winterjacke.
„Lass uns doch noch ein bisschen vor die Tür gehen“, versuchst du mich aus meinem Selbstmitleid zu reißen, und ich schaue in den trüben, grauen Himmel draußen. Der Baum vor dem Fenster hat schon fast keine Blätter mehr und auch sonst sieht es sehr kalt und dunkel aus. Zwischen Jetlag, neuer Klimazone und Zeitumstellung habe ich in den letzten Tagen das Gefühl, komplett den Überblick über Raum und Zeit verloren zu haben. Es könnte gerade irgendetwas zwischen 14 und 20 Uhr sein, ich würde alles hinnehmen. „Meinetwegen“, sage ich und hole schon mal meine Jacke.
Um uns so richtig auf die nächsten Monate einzustellen, und um wieder richtig in Berlin anzukommen, hast du einen „Vintage and Heritage Market“ rausgesucht. Dieser findet tatsächlich im Ballhaus in der Chausseestraße statt, einem Tanzlokal, in dem durchaus Berliner Geschichte steckt. Schließlich wurde hier schon in den 20ern des letzten Jahrhunderts das Tanzbein geschwungen, als die Weltlage ähnlich fragil wirkte wie heute. Ich stelle mir das Ganze ein wenig wie auf einer Zille-Zeichnung vor, von denen hängen hier tatsächlich auch welche an der Wand.
Es riecht nach Waffeln und Zimt und, ja, Weihnachten. Und es läuft tatsächlich Swing im Hintergrund. Der Verkäufer, dem ich eine Platte von den Ol’ Rockin’ Bordsteinkloppers abkaufe, redet auch schon über Weihnachtsgeschenke. Und verkauft werden hier auch vor allem dicke Pelzmäntel und Kleider im dunkelgrün-rot-karierten Herbstlook. Immerhin ist es warm, die Musik gut, und die Leute sind freundlich. Und: Nebenan in der Bierstube Alt-Berlin gibt es Bier und es ist genauso Zille-mäßig wie der Name es verspricht. Ich hätte ja eigentlich gerne einen heißen Kaffee gehabt, aber Bier wärmt auch. Zwar nicht so sehr wie die Sonne über Miami Beach, aber immerhin.
Lockvögel im Kino
„Wie wäre es mit Kino?“, sage ich. „Das wäre doch genau das Richtige für so einen kalten Sonntagabend.“ „Kalt?“, lachst du und versuchst mir zu erklären, dass es noch deutlich kälter werden wird. „Jetzt ist die Temperatur noch zweistellig“, sagst du dann, aber ich höre erst gar nicht hin. Wir entscheiden uns dafür, in „Primetime“ zu gehen, das Spielfilmdebüt von Lance Oppenheim, ja, demselben, der auch „You can see everything“ gedreht hat. Der aber noch nicht in den deutschen Kinos läuft, leider. „Lance Oppenheim ist übrigens aus Florida“, lese ich laut, du schaust mich nur irritiert an.
Der Film gefällt uns beiden; Robert Pattinson spielt den Journalisten Chris Hansen, der in der Realityserie „To Catch a Predator“ in den nuller Jahren Männer auffliegen ließ, die im Internet Kontakt zu vermeintlich Minderjährigen aufnahmen, und stellt sie öffentlich an den Pranger. Im Film – der wohl nur lose auf wahren Begebenheiten beruht – entwickelt er geradezu eine Obsession darin, solche Männer mithilfe von Lockvögeln zu erwischen, um mit seiner Show einen Slot zur Primetime zu bekommen. Und lässt den Zuschauer nachdenklich zurück: Wie weit darf man gehen für die gute Story, für den Erfolg, für die Karriere? Was darf Fernsehen? Und hat sich diesbezüglich in den USA in den letzten Jahrzehnten was geändert. Ich fürchte, nein.
„Vielleicht ist es doch ganz gut, wieder in Europa zu sein“, sage ich zu dir, während ich meine Jacke zuknöpfe und wir durch die kalte Luft zur U-Bahn laufen.
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