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Heidegger, Beuys und die ÖkologieDer Imperialismus des technisch organisierten Menschen

Die Klimakatastrophe ist Ergebnis der Ausplünderung der Lebensgrundlagen. Dem ökologischen Problem widmeten sich bereits Heidegger und Beuys.

Als der Philosoph Martin Heidegger am 26. Mai 1976 verstarb, kamen aus der Anti-Atomkraft-Bewegung erste Bestrebungen, die Kräfte in einer neuen, ökologischen Partei zu bündeln. Der Philosoph aus dem schwäbischen Todtnauberg hätte diese Regungen mit großem Interesse verfolgt, hat er doch die Risiken der technologischen Entwicklung, die mit dem Wettrüsten, der Nutzung von Nuklearenergie und der Beherrschung des Weltraums verbunden sind, äußerst skeptisch verfolgt.

Der niederrheinisch-kosmopolitische Künstler Joseph Beuys, der nur zehn Jahre nach Heidegger verstarb, hatte zwar mit dem Philosophen nur wenige Berührungspunkte, doch in seiner ökologischen Ausrichtung gab es frappierende Gemeinsamkeiten. Martin Heidegger zog es vor, sich den Ritualen internationaler Konferenzen zu entziehen und lieber den Austausch mit Künstlern wie dem Basken Eduardo Chillida zu pflegen, der während der Franco-Diktatur an der Felsenküste von San Sebastián seine stählernen „Windkämme“ errichtete. Die Stahlskulpturen wurden 1977, kurz nach Heideggers Tod, vollendet.

Wiederum ein Jahr später veröffentlichte Joseph Beuys, der bereits durch seine Natur-Environments weltberühmt war, in der Weihnachtsausgabe der Frankfurter Rundschau seinen „Aufruf zur Alternative“, der die frühen Wahlprogramme der Grünen beeinflusste. Das ganzseitige Manifest kritisierte „die Gefahr der atomaren Weltvernichtung“ durch die „aggressiven Absichten der Supermächte“. Heidegger wäre mit Beuys’ Beschreibung der „ökologischen Krise“ völlig einverstanden gewesen: „Wir praktizieren ein Wirtschaftssystem, das auf hemmungsloser Ausplünderung der Naturgrundlage beruht. Die Vernichtung wird weltweit betrieben. Zwischen Bergwerk und Müllkippe erstreckt sich die Einbahnstraße der modernen Industriezivilisation, deren expansivem Wachstum immer mehr Lebenslinien und -kreisläufe des ökologischen Systems zum Opfer fallen.“

Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung

Diese Rhetorik entsprach ganz der Linie der 1972 publizierten „Grenzen des Wachstums“, einer Studie von Forschern des Massachusets Institute of Technology (MIT) im Auftrag des Club of Rome. Im folgenden Jahr erhielt die Forschergruppe um Jørgen Randers und Dennis Meadows in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Und wenig später trat Beuys demonstrativ in Frankfurt dem bürgerlich-ökologischen Listenbündnis „Sonstige Politische Vereinigung/Die Grünen“ bei, um für die Europaratswahl zu kandidieren. Vor der Parteigründung der Grünen und ihrem Einzug in den Bundestag galt Beuys als zentrale Figur. Im Grunde interessierten den Düsseldorfer Künstler die Grünen nur so lange sie noch Bewegung, aber keine Partei waren.

Für die außerparlamentarische Bewegung dürfte auch Martin Heidegger große Sympathien aufgebracht haben, mehr noch aber für eine Aktion, mit der Joseph Beuys 1982 auf der Documenta 7 in eine monatelange Debatte provozierte: „7000 Eichen: Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“. Diese Aktion bediente eine nicht von der Hand zu weisende deutschtümelnde Naturromantik. Ungewöhnlich für Beuys’ Kunstaktion war die enge Zusammenarbeit von Behörden, Bürgervereinen, Landschaftsarchitekten und Kuratoren. Am Ende war es ein organisatorischer Kraftakt von erstaunlicher Breitenwirkung.

Heideggers Gedanken zu einer ökologischen Philosophie, die sich mit denen von Beuys treffen sollten, entstanden in einer Zeit, als die Vorbereitungen zu Massenvernichtung und Krieg im vollen Gange waren. Um 1938 gehörte er zu den ersten Kritikern einer der kapitalistischen Wirtschaftsweise inhärenten Verschwendungssucht, einer Mentalität, die nicht aufbauend, sondern primär nihilistisch und destruktiv ist. Zum Stichwortgeber für eine Ökophilosophie wird Heidegger durch die „Kehre“, die maßgeblich beeinflusst wurde durch seine Lektüre der griechischen Naturphilosophen und ihr Verständnis von technè. Dieses sprachliche Verständnis wähnte er noch frei von jeglichem instrumentellen Verhältnis zur Welt.

Im Zeitalter der Vernutzung

Erst viel später, in der Folge von Neuzeit und Industrialisierung, als die Technik unser Verständnis von Welt grundlegend veränderte, als die Welt zum Weltbild und das Ding zum Gegenstand wurde, haben diese Dinge ihre Kleist'sche Unschuld verloren. Das utilitaristische Denken des 19. Jahrhunderts führte dazu, dem Gegenstand einen Nutzen, einen Zweck zu unterstellen und das Zweck-Nutzen-Denken zum Prinzip menschlicher Tätigkeit zu machen. Dieses Denken führe zwangsläufig, so Heidegger, zum „Zeitalter der Vernutzung“, die Beuys als „hemmungslose Ausplünderung der Naturgrundlage“ beschreiben sollte.

Unter diesem Blickwinkel betrachtete Heidegger die Entwicklung der nationalsozialistischen Herrschaft nach seinem gescheiterten Freiburger Rektorat von 1933/4: Zunehmend machte er sich Gedanken über die Vernutzung unserer natürlichen Grundlagen, über die industrielle Massenproduktion, die sich bereitwillig in den Dienst der expansiven Kriegstechnologie stellte. Im Zuge der technischen Herrschaft über die Erde erkennt Heidegger bei den globalen Mächten den Hang zur restlosen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, während er in der militärischen Vernutzung eine logische Fortsetzung und Steigerung wirtschaftlicher Vernutzung sieht: „Der Krieg ist zu einer Abart der Vernutzung des Seienden geworden, die im Frieden fortgesetzt wird.“

In den folgenden Kriegsjahren, in denen die Zerstörung globale Ausmaße annahm, fokussierte sich Heidegger – zurückgezogen in seiner Todtnauberger Hütte – zusehends auf die vermeintlich bewahrenden Kräfte. Darauf kommt er in seinen Notizen, die er 1936 begann, immer wieder zurück. In den posthum veröffentlichten Beiträgen zur Philosophie spricht er von der „Erneuerung der Welt aus der Rettung der Erde“, einer Erde, die auf allen – geistigen, materiellen und wirtschaftlichen – Ebenen bedroht ist: „Die Erde retten ist mehr als sie ausnützen. Das Retten der Erde meistert die Erde nicht und macht sich die Erde nicht untertan, von wo nur ein Schritt ist zur schrankenlosen Ausbeutung.“

Gegen die „Cowboy Economy“

Die vor etlichen Dekaden geschriebene Diagnose mutet heutzutage wie eine Prophetie an, weil sich die kriegerischen Exzesse und die Völkerrechtsbrüche der militärischen Mächte von Mal zu Mal verschärfen. Dass sich die Raubzüge gegenüber der Natur ebenso planmäßig abspielen wie die militärischen Exzesse, lässt sich bereits 1966 beim amerikanischen Ökonomen Kenneth Boulding in „The Economics of The Coming Spaceship Earth“ nachlesen, einer fundamentalen Kritik am neoliberalistischen Wachstumsfetisch.

Wahrscheinlich hat Heidegger den Ökonomen, der großen Einfluss auf die Politik, aber nur marginalen auf die Wirtschaftseliten hatte, allenfalls am Rande wahrgenommen. Aber die Mentalitäten dieser grundverschiedenen Persönlichkeiten sind frappierend ähnlich. Boulding prägte damals das für jeden Amerikaner verständliche Bild der „Cowboy Economy“, das in John-Wayne-Manier assoziiert ist „mit endlosen Weiten, rücksichtslosem, ausbeuterischem, romantischem und gewalttätigem Verhalten“.

US-Präsident Donald Trump gilt heute als gnadenloser Verfechter der „Cowboy Economy“. Seitdem sich Trump zum Vorkämpfer für mehr Ölbohrungen machte, wittern die Big-Oil-Unternehmen wie Shell und Exxon, die zuvor noch die Werbetrommel für die „grüne Wende“ schlugen, das große Geschäft. So plant Exxon einen Ausbau der Öl- und Gasproduktion bis 2030 um 18 Prozent auf 5,4 Millionen Barrel pro Tag. Big Oil erwartet mittelfristig einen stark wachsenden Öl- und Gasverbrauch, allen Bemühungen um die Energiewende zum Trotz.

Die graue Energie wird nicht genutzt

Die von Heidegger auch nach dem Krieg gebrandmarkte Vernutzung der natürlichen Ressourcen setzt sich in der Gegenwart der kapitalistischen Produktionsweise fort, in einem völlig unhinterfragten Wachstumsfuror, der im Bausektor als Wohnungsbau- und Neubauturbo daherkommt. Statt die graue Energie von Bestandsbauten zum Um- und Weiterbau zu nutzen, werden in Deutschland 90 Prozent der mineralischen und nachwachsenden Rohstoffe für Neubauten verbraucht.

Deswegen kritisiert Elisabeth Broermann, Gastprofessorin an der TU Berlin im Fachbereich „Architecture for Future“, eine Bodenpolitik, die die Vernutzung im großen Maßstab fortsetzt: „Wir bauen als gäbe es kein Morgen und wirtschaften über unsere Kapazitäten hinaus. In Deutschland werden im Schnitt täglich 52 Hektar, das sind 72 Fußballfelder, neue Siedlungs- und Verkehrsflächen ausgewiesen, wovon grob die Hälfte komplett versiegelt werden.“

Daran wird sich, so Olaf Grawert von der europäischen Bürgerinitiative House Europe!, absehbar wohl nichts ändern. Denn die gängige Praxis von Abriss und Neubau ist nun einmal höchst profitabel: „Eine materialintensive Wirtschaft verspricht mehr Gewinn als eine arbeitsintensive, weil Abriss und der anschließende Neubau einen höheren Materialverbrauch und damit verbundene Wirtschaftsaktivitäten nach sich ziehen.“ Der Berliner Architekt spricht aus, wie im Bausektor eine auf hemmungsloses Wachstum ausgerichtete Wirtschaftsweise zu einer endlosen Materialverschwendung führt, die immer nur eines hervorbringt: die kapitalistischen Mechanismen der Wegwerfgesellschaft.

Martin Heidegger hat für den Verschwendungswahn die Formel vom „planetarischen Imperialismus des technisch organisierten Menschen“ geprägt. Wer bei ihm nach Auswegen aus dem Dilemma sucht, wird sich allerdings schwertun. Wie er sich konkret die Rettung der Erde vorstellt, präzisiert er nicht, auch geht er nur vage auf die unmittelbaren Bedürfnisse der Menschen in den Nachkriegsjahren ein.

Anders Joseph Beuys, der mit seinen „7000 Eichen“ ein starkes Zeichen für einen klimasensiblen Weltbezug setzte. Noch Jahrzehnte später, in Zeiten zunehmend heißer werdender Sommer und verschärfter Klimakrise, wirbt „7000 Eichen“ für Heideggers weiterhin gültige Einsicht: Die „Erneuerung der Welt (kommt) aus der Rettung der Erde“.

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