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„Haus zur Sonne“ am Theater HannoverAmbitioniert herumliegende Teile

Thomas Melles „Haus zur Sonne“ handelt von perfider Erfüllung letzter Wünsche. Adrian Figueroas Inszenierung lebt von Hauptdarsteller Jan Meeno Jürgens.

Das „Haus zur Sonne“ klingt wie ein Sehnsuchtsort, dieses Sterbehilfe-Institut für Suizidale. Vor dem Tod werden dort noch mal alle erdenklichen Lebensträume erfüllt, genauer: simuliert. Es ist halb Klinik, halb Wellness, aber vor allem Science-Fiction. Thomas Melle hat es sich erdacht, in seinem gleichnamigen Roman. Der stand 2025 stand er auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, so wie neun Jahre zuvor der Vorgänger „Die Welt im Rücken“.

„Haus zur Sonne“ ist ein Buch über letzte Wünsche und Depressionen, schonungslos erzählt aus der Ich-Perspektive eines manisch-depressiven Mannes Anfang 50. Dessen letzte manische Phase hatte ihm den Rest gegeben: „Die Vernichtung hatte gewütet im Kostüm eines bösen Clowns.“ Natürlich steckt jede Menge Melle in diesem Ich-Erzähler, der aus einem (Schriftsteller)-Leben mit bipolarer Erkrankung berichtet.

Am Schauspielhaus Hannover, wo Regisseur Adrian Figueroa den Stoff zur Uraufführung bringt, verkörpert Jan Meeno Jürgens dieses namenlose „Ich“. Im Prolog wird sein Gesicht großflächig auf eine Bühnenwand projiziert. Ganz genau kann man ihn betrachten, seinen nachdenklichen Blick, der auch dann noch ruhig bleibt, wenn er von den unaushaltbaren Zuständen seiner Figur spricht.

Gehen und verschwinden

Konzentriert beginnt Figueroa so den Theaterabend; die Videos von Guillaume Caillou werden bleiben, werden mehr werden, die Konzentration wird nachlassen. Im ersten streift Jürgens durch einen dunklen Raum – und Bücher aus Regalen. Später zündet er sich eine Zigarette an und blättert durch eine Broschüre vom „Haus zur Sonne“. Dorthin wird der Erzähler gehen „und verschwinden. Und das wäre allein meine Entscheidung.“

Danach öffnet sich der Raum. Das dubiose Pilotprojekt, entstanden „in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit“, zeigt sich als lang gestreckter gläserner Bungalow mit wohlig dampfendem Pool (Bühne: Irina Schicketanz). An der Rückwand spannt sich ein blauer Himmel mit freundlichen Wolken. Die glatte, aseptische Spielfläche wird bevölkert von Ärzt*innen, natürlich in Weiß – Anja Herdes als Institutsleiterin ist herrlich perfide therapeutisch – und weiteren Kli­en­t*in­nen in sonnenwarm-gemütlichen Outfits (Kostüm: Malena Modéer).

Die Ärz­t:in­nen fragen sanft letzte Wünsche ab, die Kli­en­t*in­nen räkeln sich im Dampf oder auf Liegestühlen. Regelmäßig versammeln sich alle zu einem „Mantra-Ritual der Wünsche“, das von einer Kamera aufgezeichnet wird, bevor ausgewählte Fantasien illusioniert werden: als großflächige Projektion und mit viel Musik (Ketan Bhatti). Angel (Johanna Wieking) etwa wünscht sich ein letztes Geigenspiel, während Laurenz (Kilian Ponert) seinen Körper optimiert, bevor er in einen Fahrstuhl ein- und final abtritt.

Spiel mit Wunsch und Wirklichkeit

Dass es hier nur dieses eine und kein anderes Entkommen gibt, weiß man bald. Ein wirkliches Unbehagen aber stellt sich nicht ein. Zu kleinteilig wird die Inszenierung, trotz oder gerade wegen ihres enormen multimedialen Aufwands, zu deutlich werden – allein schon durch das Sprechen mit Mikroports – die Spuren gelegt, dass hier recht hinterhältig mit Wirklichkeit, Wunsch und Traum gespielt wird. Und spätestens wenn gegen Ende das hintere Wolkenprospekt herunterfällt, winkt aufgeregt Peter Weirs Film „The Truman-Show“.

Das Stück

Haus zur Sonne, Schauspiel Hannover. Weitere Vorstellungen: Do, 22. 10.; Sa, 31. 10.; Di, 3. 11.; So, 15. 11.; Do, 26. 11.

Allein der Ich-Erzähler überragt all diese recht ambitioniert und verstreut herum liegenden Teile. Jürgens, seit der Spielzeit 2025/26 gehört er in Hannover zum Ensemble, trägt den Abend. Man folgt ihm durch dieses „Haus zur Sonne“, angefangen bei seiner Entschlossenheit, dort sterben zu wollen, bis hin zu seiner Skepsis gegenüber der Institution. Man folgt ihm und seinem unaufgeregten Ton, der zugleich etwas Zerbrechliches hat, seinen Bewegungen, die entschlossen sind und dennoch fragend. Seinem Ernst und seiner Lakonie und seiner Lust zu rauchen. Und stellt beglückt fest: Jürgens konkurriert nicht mit diesem ehrlichen, schmerzhaften, heiteren Text. Er gibt ihm einfach Raum.

Am nächsten Tag am Bahnhof begegnet man dem Autor wieder, der zur Uraufführung nach Hannover gereist war. Man hebt die Hand zum Gruß, merkwürdig berührt von dieser kurzen Begegnung und immer noch aufgewühlt von dessen Text. Auch Melle grüßt. Rauchend.

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