Hanau-Mahnwache in Berlin: Erst Stille, dann Wut

Nach dem rassistischen Anschlag in Hanau gedenken Tausende am Berliner Hermannplatz den Opfern. Alle gegen den Faschismus, ist der Slogan.

Demonstranten auf dem Hermannplatz

„Zeichen unserer Wut“: Demonstrant*innen am Donnerstagabend auf dem Hermannplatz in Berlin Foto: Paul Zinken/dpa

Es ist eigenartig still am Hermannplatz – trotz Hunderten von Menschen, die an diesem Donnerstagabend gekommen sind, um der Opfer des rechten Terroranschlags in Hanau am Tag zuvor zu gedenken. Vielen Menschen ist die Erschütterung anzusehen. Sie umarmen einander, fragen, wie es geht. Es steckt viel Wärme und Sorge in diesen Umarmungen. Manche tragen Fahnen in der kurdischen Tricolore oder Schilder mit der Aufschrift „Stoppt die Brandstifter“.

Langsam füllt sich der Platz. Es sind türkische, kurdische und englische Sprachfetzen zu hören. Zu der Demo am Hermannplatz, zu der die Neuköllner Initiative „Kein Generalverdacht“ aufgerufen hat, sind viele Menschen gekommen, die migrantisch gelesen werden könnten. Und viele, die sich solidarisch zeigen wollen und ein Zeichen setzen gegen rechte Gewalt.

Die staatstragende Mahnwache findet derweil am Brandenburger Tor statt. Der Bundespräsident spricht in Hanau. Bundesweit kommen insgesamt mehrere zehntausend Menschen zu den zahlreichen Mahnwachen.

Nach einer Schweigeminute ist auf dem Herrmanplatz Raum für die Wut. Aus den Redebeiträgen verschiedener antirassistischer Initiativen und Bündnisse spricht Empörung über eine Regierung, die von Einzeltätern spricht, Wut über die Kontinuität rassistischer Gewalt in diesem Land, und Wut darüber, dass die Regierung den Schmerz und die Forderungen der Betroffenen seit Jahrzehnten nicht ernst nimmt.

„Ich finde keine Worte für meine Trauer, meine Angst und meine Wut“, beginnt der Linke-Politiker Ferat Koçak, der selbst Opfer eines rechten Anschlags geworden ist, seine Rede. „Deutschland, du hast ein Rassismus-Problem“, ruft er. Die Menschenmenge, inzwischen sind es Tausende, skandiert laut „Alle zusammen gegen den Faschismus“, ein Slogan, der den ganzen Abend immer wieder zu hören sein wird.

Eine zärtliche Geste

In der ersten Reihe am Lautsprecherwagen stehen ältere Männer mit ernsten Gesichtern und Schnauzbärten. Als ein Paar mit einem Kleinkind dazukommt, erhellt sich die Miene einer der Männer kurz. Er streicht dem Kind mit der Hand übers Gesicht, es ist eine zärtliche Geste.

Dann zieht die Demo Richtung Sonnenallee los. „Im Moment sind zehntausende Menschen auf den Straßen. Dieser Zusammenhalt ist sehr wichtig“, sagt eine kurdischstämmige Demonstrantin.

Ein anderer wollte am Abend eigentlich arbeiten, aber dann entschloss er sich stattdessen, zum Hermannplatz zu kommen. „Ich brauche in diesem Moment die Unterstützung und wollte sie auch selbst anbieten“, sagt er. Er habe keine Hoffnung, dass der Staat den Anschlag in Hanau mit rechtsextremen Gruppierungen in Verbindung bringt. „Ich mache mir Gedanken, wie wir uns als migrantische und demokratische Kräfte wehren können, das wird nicht weniger werden, sondern mehr“, sagt er stattdessen.

Zusammenstehen gegen die Faschisten

Wie wichtig Zusammenhalt und Solidarität an diesem Tag sind, sagen an diesem Abend viele. „Wenn die Menschen nicht mehr zusammenstehen, fangen sie an Angst zu haben und dann haben die Faschisten gewonnen“, sagt ein weiterer Demonstrant auf türkisch.

Als die Demospitze fast einen Kilometer weiter an der Ecke Weichselstraße angekommen ist, stehen immer noch Demonstrant*innen auf dem Hermannplatz. Auf der Sonnenallee sind die Menschen aus den Cafés und Supermärkten auf die Straße gekommen, sie stehen gemeinsam draußen, rauchen und filmen. In den Fenstern der Häuser stehen Anwohner*innen und hören den Redebeiträgen zu.

„Ich bin traurig und wütend“, sagt eine junge Demonstrantin, die vor fünf Jahren aus der Türkei nach Berlin gezogen ist. Sie erzählt, dass sie nicht überrascht gewesen sei, als sie die Nachricht über den rechtsextremen Anschlag in Hanau am Morgen gelesen habe. „Gleich danach war mir meine Reaktion zuwider. Mir wurde klar, wie sehr wir uns hier an das Trauma und den Schmerz gewöhnt haben“, sagt sie.

Am meisten ekele sie sich vor der Berichterstattung, vor den Medien, die bei einem Täter ohne Migrationsgeschichte sofort von einer Einzeltat sprechen. „Gleichzeitig geben mir all diese Menschen, die heute hier sind, Mut. Ich habe Kinder gesehen, die Plakate gegen Rechts tragen, das ist die größte Hoffnung. Die Hoffnung zu verlieren, ist keine Option.“

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