Hamburger Synagogendebatte: Feigenblätter im Grindelviertel

In der Diskussion um den Hamburger Synagogen-Wiederaufbau herrscht kein Mangel an Hintergedanken und Böswilligem.

Daniel Scheffer, Initiator der Kampagne "Ja zur Bornplatzsynagoge" (.) und Hamburgs Wissenschaftsssenatorin Katharina Fegebank

Themen zusammengerührt? Initiator Daniel Scheffer und Katharina Fegebank (Grüne), am 9.11.2020 Foto: Christian Charisius/dpa

HAMBURG taz | Warum, könnte man fragen: Warum, eigentlich, ist es von Bedeutung, was der Rechtsanwalt Gerhard Strate denkt zur kommende Woche endenden Kampagne für die Bornplatzsynagoge – und gegen Antisemitismus gleich mit?

Nun ist Strate nicht irgendwer. Der 70-Jährige „gehört zu Deutschlands prominentesten Strafverteidigern“, schrieb dieser Tage das Abendblatt, und zwar anlässlich eines Gastbeitrags, überschrieben mit: „Neubau der Bornplatzsynagoge: Ja, aber ohne Hintergedanken!“ Die Politik dürfe „den Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge nicht als Feigenblatt missbrauchen“, so die prominent gesetzte These, und man wäre geneigt, zuzustimmen.

Denn es ist ja, vorsichtig gesprochen, dubios, wie manche – nicht jüdische – Unterstützer des Projekts da erkennbar hinaus wollen auf die Wiederherstellung einer alten, nämlich nicht von den Nazi-Verbrechen belasteten Größe.

Das finden Sie übertrieben? Mal ehrlich: Wer, wie neulich ein Abendblatt-Gastautor mit Bundestagsmandat, allen Ernstes im Grindelviertel „so etwas wie eine moralische Elbphilharmonie des 2020er-Jahrzehnts für Hamburg“ entstehen sieht: Will der wirklich etwas anderes als endlich diese verdammte deutsche Schuld los sein dürfen?

Ist, wer gegen den Wiederaufbau ist, automatisch Antisemit?

Muss sich aber, wer noch den vorsichtigsten Einwand äußert gegen solches Wiederherstellenwollen; muss sich so jemand des Antisemitismus bezichtigen lassen? Denn so lässt sich, ohne bösen Willen, die nun endende Kampagne ja auch lesen: Wer nicht für uns ist, der ist vom Allerschlimmsten. „Danke“, also möchte man rufen, „Herr Star-Anwalt!“

Strate geht es aber um ein anderes „Feigenblatt“: Er stößt sich daran, dass unter den 100.000 Unterstützer:innen, die die Kampagne bis Mittwoch zusammenhaben will, auch solche sind, deren Verhalten an anderer Stelle das Bekenntnis widerlege: „Wer als Antisemit mit der Zeit gehen möchte, nennt sich heute Antizionist“, schreibt Strate durchaus auf Höhe der Forschung.

Mehr noch: Lange schon sähen „deutsche Politiker dem Überlebenskampf des jüdischen Staats nicht nur seelenruhig zu“, so Strate unter Hinweis auch auf das „fragwürdige deutsche Abstimmungsverhalten bei den Vereinten Nationen“. Wer aber könnte daran etwas ändern, wenn nicht Heiko Maas, Bundesaußenminister und Bornplatzunterstützer?

Dass der Jurist auch noch andere verborgene Talente offenbart, indem er etwa dem Hamburger Bundestagsabgeordneten Niels Annen, „seines Zeichens als parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Auswärtigen tätig“ aus der Ferne „einen obsessiven Drang zur ‚Israelkritik‘“ zu diagnostizieren weiß: geschenkt. Sowas ist normal, streiten Deutsche untereinander über Israel, das dann freilich kaum mehr ist als ein Bettuch, auf das die hiesigen Bedürfnisse sich projizieren lassen.

Die gezielte Verquickung dieser verwandten, aber eben nicht identischen Themen wiederum, das Haftbarmachen hiesiger jüdischer Menschen für die Lage im Nahen Osten nämlich: Das liegt traditionell ganz oben auf – allerdings gerade auch im antisemitischen Werkzeugkasten.

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Wollte irgendwann mal Geisteswissenschaftler werden, ließ mich aber vom Journalismus ablenken. Volontär bei der taz hamburg, später stv. Redaktionsleiter der taz nord. Seit Anfang 2017 Redakteur gerne -- aber nicht nur -- für Kulturelles i.w.S.

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