Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge: Moralischer Leuchtturm

Was die Diskussion um den Neubau der großen Hamburger Synagoge mit der Abwehr von Antisemitismus zu tun hat.

Menschen stehen auf einem Platz

Wo einst die Synagoge stand: Gedenken zur Pogromnacht am Joseph-Carlebach-Platz in Hamburg Foto: Christian Charisius /dpa

Seit einiger Zeit wird nicht nur in Hamburg, sondern landesweit über das Vorhaben gestritten, in Hamburg die von den Nazis zerstörte Synagoge am früheren Bornplatz zu rekonstruieren. Eine große Koalition von SPD, Grünen und CDU hat dafür überraschend kurzfristig 65 Millionen Euro beschafft. Unterstützt durch eine PR-Offensive „Nein zu Antisemitismus – JA zur Bornplatzsynagoge“, eine Abstimmung, eine Plakataktion und die Bild soll der Wiederaufbau durchgesetzt werden.

Doch inzwischen haben sich Holocaust-Überlebende wie Esther Bejarano und Peggy Parnass, jüdische Wis­sen­schaft­le­r*in­nen wie Moshe Zimmerman und Miriam Rürup und zahlreiche nichtjüdische Stimmen kritisch und ablehnend gegen die Pläne geäußert und fordern einen offenen und öffentlichen Dialog. Der aber wird zunehmend aggressiv verweigert. So lässt Bild den konservativen Rabbi der Gemeinde schimpfen: „Wir lassen uns den Wiederaufbau nicht verbieten!“ Und für den Hamburger CDU-Politiker Carsten Ovens sind die Kri­ti­ke­r*in­nen nichts als eine Gruppe von „Intellektuellen“, die „nicht ganz koscher sind“.

Gegen diese Klima-Vergiftung und eine fast schon populistische Kampagne sollen im Folgenden sechs Gründe für einen kritischen Blick auf die Initiative zur Diskussion gestellt werden.

1. Ja zum Neubau einer Synagoge und eines ­jüdischen Kulturzentrums und dessen Mit­finanzierung durch den Staat

Dass die jüdische Einheitsgemeinde in Hamburg eine neue Synagoge (auch die geplante Rekonstruktion wäre ein Neubau) bauen will, ist nicht nur einsichtig, sondern erfreulich, zeigt es doch die Hoffnung auf eine unangefochtene Zukunft in dieser Stadt. Dass dieses Vorhaben von staatlicher Seite zu großen Teilen mitfinanziert wird, sollte aus zwei Gründen selbstverständlich sein. Zum einen schulden die Hamburger ihren jüdischen Bür­ge­r*in­nen nach den Zerstörungen in der Nazizeit den Neu- oder Wiederaufbau ihrer religiösen und kulturellen Zentren.

Zum anderen ist die finanzielle Beteiligung am Erhalt kulturell und architektonisch bedeutsamer Gebäude eine öffentliche Aufgabe und muss staatlich abgesichert werden. So wurde und wird auch der Erhalt christlicher Kirchengebäude mit erheblichen staatlichen Zuwendungen unterstützt, allein für die Renovierung der Hauptkirche St. ­Jakobi in der Hamburger Innenstadt stehen 40,8 Millionen Euro bereit. Und es stehen auch Entscheidungen darüber an, wie islamische Glaubensgemeinschaften, die sich von finanzieller und damit auch ideologischer Abhängigkeit vom Iran und von der Türkei freihalten und darum in Garagen oder Lagerhallen, also weitgehender Unsichtbarkeit beheimatet sind, darin unterstützt werden können, würdige Orte ihrer Religionsausübung zu erhalten.

Aus diesen beiden Gründen steht die Stadt Hamburg in der Mitverantwortung für den Bau oder den Erhalt von jüdischen Zentren in Hamburg, und es ist zu begrüßen, dass sie diese Verantwortung wahrnehmen möchte.

2. Ja zum Fortbestand und zur Weiterentwicklung des Erinnerungsortes am Joseph-Carlebach-Platz

Die Argumente für den Neubau der Synagoge am Platz der alten, von den Hamburger Nazis zerstörten Synagoge sind bekannt und nicht von der Hand zu weisen. Es soll demonstrativ gezeigt werden, dass es wieder jüdische Traditionen und jüdisches Leben in Hamburg gibt. Doch genau da wird es problematisch: Die Bedeutung und Wirksamkeit des religiösen Lebens in einer Synagoge (einer Kirche, einer Moschee) hängt nicht von deren Lage ab. Es geht bei der Entscheidung für den Joseph-Carlebach-Platz also vor allem um eine symbolische Demonstration. Doch dieses Symbol hätte einen hohen erinnerungskulturellen Preis.

1988, zum 50. Jahrestag der Zerstörung der Bornplatzsynagoge, wurde deren ehemalige Fläche mit einem Kunstwerk von Margrit Kahl als Erinnerungsort gestaltet und wird seitdem auf unterschiedliche Weise auch von der Jüdischen Gemeinde und anderen Initiativen dafür genutzt. Ein Jahr später wurde die Fläche in Erinnerung an den letzten Rabbiner der Synagoge in Joseph-Carlebach-Platz umbenannt. Zum Erinnerungsort gehört auch der von den Nazis erbaute Bunker, der aber noch von der Universität genutzt wird.

Der Carlebach-Platz ist der einzige Ort in Hamburg, der auf sichtbare Weise an die Pogromnacht und den mit ihr vorbereiteten Zivilisationsbruch des Holocaust erinnert. Seine Herstellung verdankt sich – typisch für Hamburgs Erinnerungskultur – nicht den oder einigen Parteien der Bürgerschaft, also staatlicher Initiative, sondern dem Engagement vor allem studentischer Gruppen.

Die Gestaltung und Bedeutung dieses Erinnerungsortes am Joseph-Carlebach-Platz ist ausführlich und sorgfältig dargestellt in einem Votum mehrerer Hamburger Bürger*innen, darunter Ursula Büttner, Gert Kähler und Moshe Zimmermann. Die Tatsache, dass das Mahnmal im Alltag oft übersehen wird, spricht nicht für dessen Verschwinden, sondern ganz im Gegenteil für seine seit Langem versäumte Weiterentwicklung.

Zu diskutieren wäre in diesem Zusammenhang, ob nicht der Bunker zu einem Dokumentationsort für die Pogromnacht 1938 gestaltet werden könnte, wobei auch die verantwortlichen und beteiligten Hamburger Tä­te­r*in­nen nam- und sichtbar gemacht werden müssten. Noch immer erscheinen die Verantwortlichen für Pogrom und Holocaust als eine fremde böse Macht, die über das gute Hamburg hergefallen wäre.

Dass dem nicht so war, sondern dass und wie sich die „gutbürgerlichen“ Nachbarn am Pogrom und den späteren Deportationen im Grindelviertel und in der Universität bereicherten und beteiligten, könnte eindrucksvoll im Bunker dokumentiert werden. Ebenso die wenigen, aber darum wichtigen Beispiele gelebter Solidarität mit den verfolgten jüdischen Nach­ba­r*in­nen und Kolleg*innen. Die Frage, warum sich die gute Nachbarschaft mit den Menschen anderer Religionen und Kulturen als brüchig erwiesen hat, verstört und ist gerade darum aktuell.

Die mögliche Zerstörung des Gedenkortes am Joseph-Carlebach-Platz – und nichts anderes würde seine Überbauung bedeuten – wäre ein alarmierender Rückschritt. Denn dann bliebe im Zentrum der Stadt als sichtbarer Dokumentationsort für Judenverfolgung, Schoah und Krieg nur noch das Mahnmal St. Nikolai. Das allerdings erinnert monumental und eindrücklich vor allem an die im Feuersturm getöteten Hamburger und Hamburgerinnen und die Zerstörungen großer Teile der Stadt.

Hier hat man sinnvollerweise nach dem Krieg auf eine Rekonstruktion der durch die britischen Bombenangriffe fast völlig zerstörten Kirche verzichtet und stattdessen die Reste und vor allem den weithin sichtbaren Turm als Mahnmal gestaltet mit einer inzwischen historisch aufgeklärten Dokumentation. Das Mahnmal wurde übrigens auch mit Millionensummen restauriert. Soll es zukünftig für die deportierten und ermordeten Hamburger Juden und Jüdinnen, Sinti und Roma und anderer von den Nazis verfolgter Gruppen nur noch die kleinen Stolpersteine geben?

3. Eine Rekonstruktion der Synagoge am alten Platz macht Eindruck – und täuscht doch

Der Neuaufbau der großen Synagoge von 1906 am alten Platz würde das Grindelviertel wieder im alten Glanz erstrahlen lassen, also so, als ob es die Zerstörung jüdischen Lebens nicht gegeben hätte. Alles soll so schön sein wie früher. Darum wird auch in den jüdischen Gemeinschaften und unter den nicht religiös verorteten jüdischen Bürgerinnen und Bürgern in Hamburg über die Absichten und die Wirkung einer Rekonstruktion gestritten. Auf denkwürdige Weise einhellig haben sich dagegen die Regierungsparteien SPD und Grüne festgelegt.

Unabhängig von der Debatte um die Bornplatzsynagoge gibt es schon seit Längerem deutschlandweit heftige Kontroversen um die Rekonstruktionen bedeutender historischer Gebäude wie des Stadtschlosses in Berlin und der Garnisonskirche in Potsdam. Auch wenn sie im Hintergrund eine Rolle spielen, sollten sie die Hamburger Debatte nicht belasten. Doch Daniel Sheffer, Initiator und Sprecher der Hamburger Initiative für die Bornplatzsynagoge, hat sich hier festgelegt: „Was die Dresdner Frauenkirche für Deutschland wurde, dass kann auch die Bornplatzsynagoge für dieses Land sein. Ein Ort, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vereint.“

Diese Referenz ist bedenklich. Denn die Dresdener Frauenkirche war in der Nazizeit nach Vertreibung des Nazi-kritischen Pastors und Superintendenten Hugo Hahn seit 1937 Ort faschistischer und antisemitischer „Verkündigung“, während in der Pogromnacht 1939 die nahe gelegene Synagoge zerstört wurde. Die Erinnerung an diese antijüdische Bedeutung der Kirche im Zentrum Dresdens wurde mit der 2005 abgeschlossenen Rekonstruktion einfach überbaut und findet sich rudimentär nur im Kellergewölbe.

Diese Täuschung, als habe es die Nazi-Herrschaft nicht gegeben und als könne man wieder an die Zeiten davor anknüpfen, macht verständlich, dass die neue alte Frauenkirche nicht nur als Ort für Friedensgebete dient, sondern auch den Pegidas und anderen Nazi-affinen Gruppen als Hintergrund für ihre Aufmärsche. Was also macht die Dresdner Rekonstruktion zum Vorbild für die Hamburger Synagogen-Rekonstruktion? Warum orientiert sich die Bornplatz-Initiative nicht eher an der Entscheidung der jüdischen Gemeinde in Dresden, statt einer Rekonstruktion ihrer zerstörten Synagoge eine neue zu errichten, so wie es unter anderem auch in Mainz und Konstanz entschieden wurde?

In diesem Zusammenhang könnte auch die evangelische Kirche in Hamburg sehr praktisch unterstützend tätig werden, indem sie in ihre Überlegungen über die Zukunft ihres eigenen Immobilienbestands die Suche nach einem repräsentativen Standort für eine Synagoge verbindlich einbezieht. Eine solche Umwandlung wäre zwar außergewöhnlich, aber nicht ungewöhnlich. Es gibt schon beachtliche Beispiele in Speyer, Köln, Bielefeld und Cottbus.

4. „Wir brauchen euch“– die Motive der Unterstützer für die Bornplatzsynagoge sind fragwürdig

Selten war es so einfach, seine Unterstützung für jüdische Gemeinschaften und jüdisches Leben zum Ausdruck zu bringen. Auf der Website der Kampagne genügt ein Klick bei „Drück hier für die Bornplatzsynagoge“. Einige Dutzend Politiker*innen, vor allem der Grünen und der SPD, Unternehmer*innen, Re­prä­sen­tan­t*in­nen von Sport, Kirchen und öffentlichen Einrichtungen werben für diesen Klick. Die Begründungen sind kurz und allgemein und könnten für jedes Projekt stehen, dass irgendwie mit jüdischem Leben zu tun hat.

Zu den prominenten Unterzeichnern gehört auch der Musiker Campino, Frontmann der „Toten Hosen“: „Jüdisches Leben ist ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft. Ohne die jüdischen Gemeinden wäre Deutschland nicht komplett. Wir brauchen euch!“ Dieses Argument offenbart ein wesentliches Motiv der gut gemeinten Unterstützung der Kampagne. Wir (?) brauchen euch, damit Deutschland wieder „komplett“ ist. Die jüdischen Gemeinschaften, die Jüdinnen und Juden werden gebraucht und benutzt für das deutsche Integrations- und Gedächtnistheater, wie es unter anderem von dem jüdischen Dichter und Autor Max Czollek analysiert und attackiert wird.

Noch direkter als Campino begründet die grüne Bürgerschaftsabgeordnete Filiz Demirel – ausgerechnet am 9. November 2020 – ihr Eintreten für die Bornplatzsynagoge: „Seit Jahrhunderten gehört das jüdische Leben untrennbar zu unserer Gesellschaft. Es ist wichtig, dass wir darüber nicht nur im Kontext von antisemitischen Anschlägen oder Vorfällen sprechen, sondern auch endlich in einem ausschließlich positiven Kontext.“

Untrennbar seit Jahrhunderten? Die grüne Abgeordnete weiß natürlich um Auschwitz und den Versuch, das jüdische Leben vollkommen aus der deutschen Gesellschaft herauszutrennen und in ganz Europa zu vernichten. Muss sie das verdrängen, um über jüdisches Leben „endlich (!) in einem ausschließlich(!) positiven Kontext“ sprechen zu können? Schluss mit dem Schuldkomplex, dazu soll der Wiederaufbau der alten Synagoge am alten Platz den versöhnungsbedürftigen Hamburgern helfen.

Ganz in diesem Sinn äußerte sich auch der Hamburger CDU-Bundestagsabgeordnete Christoph de Vries mit einer Attacke gegen die Kritikerinnen und Kritiker der Bornplatzsynagogen-Planung. Er unterstellt diesen, „der Jüdischen Gemeinde öffentlich Vorgaben zu machen … und die Deutungshoheit über die Wirkung eines historisierenden Bauwerks für sich in Anspruch zu nehmen“, und rät laut Hamburger Abendblatt „dringend zu etwas mehr Sensibilität und Zurückhaltung“.

De Vries, der auch als „Berichterstatter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für jüdisches Leben“ fungiert, offenbart damit nicht nur seine Verachtung für und kontroverse öffentliche Debatten, sondern auch für die jüdischen Kritikerinnen des Bornplatz-Vorhabens wie Esther Bejarano, Miriam Rürup, Peggy Parnass und Moshe Zimmermann. Auf deren Argumente geht der CDU-Repräsentant nicht ein, denn ihm geht es um Größeres: Er sieht in der neuen alten Synagoge „so etwas wie eine moralische Elbphilharmonie … für Hamburg“, also so etwas wie einen weithin sichtbaren Leuchtturm für Hamburgs großartige moralische Leistung. Die sichtbare Erinnerung an Pogromnacht und Hamburgs moralisches Versagen würde bei dieser Selbstinszenierung nur stören.

Ob die Jüdische Einheitsgemeinde sich von einem solchen Politiker gut unterstützt sieht, wird sie selbst entscheiden. Aber die jüdischen Bürgerinnen und Bürger, und ebenso die nichtjüdischen, werden sich noch daran erinnern, dass sich gegen ihren Widerspruch die CDU wortstark daran beteiligte, dem Judenhasser Martin Luther und seiner Reformation mit dem 31. Oktober einen eigenen Feiertag zu widmen.

Diese und weitere Voten für die Wiederherstellung eines Zustands, als habe es die Pogromnacht nicht gegeben, zeigen, dass für viele Unterstützer mit dem handfesten Bau auch eine seelentröstende „Normalität“ erzeugt werden soll. Das dürfte vermutlich nicht im Interesse der Bornplatz-Initiative und der jüdischen Gemeinschaften liegen, die tagtäglich damit leben müssen, dass es hinter dem Schutz von Zäunen und Polizei und der zunehmenden Bedrohung durch antisemitische Attacken keine Normalität für jüdisches Leben gibt.

5. „Findige Haushälter“? Nicht die Höhe, aber die Quelle der Finanzierung sollte geändert werden

Noch einmal: Die staatliche Mitfinanzierung einer Synagoge und eines Gemeindezentrums sollte selbstverständlich sein und aus solchen Berliner oder Hamburger Etats gefördert werden, die auch für die Sanierung von Kirchen und anderen kulturellen Einrichtungen vorgesehen sind. Doch eben das geschieht nicht. Stattdessen werden die 65 Millionen Euro Bundeszuschuss für die Bornplatzsynagoge aus einem Sonderfonds zur „Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus sowie zur Stärkung des interreligiösen Dialogs“ bereitgestellt.

Diese Lösung haben, wie das Abendblatt fast nebenbei berichtete, „findige Haushälter und das parteiübergreifende Netzwerk Hamburger Politiker in Berlin … gefunden und möglich gemacht“. Neben Rüdiger Kruse (CDU) war vor allem Johannes Kahrs (SPD) beteiligt, der auch gleich das Ziel vorgegeben hat: „Mir ist wichtig, dass, wenn die Synagoge wiederaufgebaut wird, die Außenhülle originalgetreu rekonstruiert wird.“ Auch Olaf Scholz hat nach Informationen des Abendblatts als Finanzminister dazu beigetragen.

Doch wenn von 150 Millionen Euro Sondermitteln gleich 65 Millionen für den Synagogenbau festgelegt werden, fehlen diese Gelder all den Initiativen und Organisationen, die zur „Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus“ dringend darauf angewiesen sind. Dazu gehört ganz aktuell ein Bildungsprojekt gegen Antisemitismus in Niedersachsen, dessen Förderung nicht verlängert wurde. Auch viele andere Projekte in diesem Bereich haben damit zu kämpfen, dass sie nur über kurze Zeiträume finanziert werden – als ob alle drei Jahre geprüft werden müsste, ob die Bekämpfung von Rassismus und Antisemitismus noch notwendig ist. Dass die Finanzierung zu Lasten der kompetenten und schweren Arbeit antirassistischer Initiativen stillschweigend akzeptiert wurde, belastet beides, den Bau einer neuen Synagoge ebenso wie den davon zu unterscheidenden Kampf gegen Antisemitismus. Hamburgs „findige Haushälter“ und ihr Netzwerk in Berlin sollten baldmöglichst andere und dafür geeignete Etats für den Synagogen-Neubau finden.

6. Antisemitismus bleibt eine eigene Herausforderung

Eine ebenso bittere wie nüchterne Feststellung: Der Neubau einer Synagoge, wo und wie auch immer, wird den Antisemitismus nicht reduzieren. Trotz des seit 1990 durch die Einbürgerung von zahlreichen jüdischen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion erstarkenden jüdischen Lebens haben die antisemitischen Einstellungen auch in Hamburg nicht abgenommen. So denken, wie die Zeit berichtete, 56 Prozent der Hamburger, in der Stadt werde bereits genug für Juden getan.

Und war es nicht schon einmal so? Gerade im Grindelviertel existierte eine große und (scheinbar?) anerkannte jüdische Gemeinschaft mit vielen Geschäften, Arztpraxen, Bildungseinrichtungen und der Synagoge als Zentrum. Die Nachbarschaft war freundlich bis freundschaftlich – und wurde doch innerhalb kürzester Zeit aufgekündigt.

Diese Voten für die Wiederherstellung eines Zustands, als habe es die Pogromnacht nicht gegeben, zeigen, dass für viele Unterstützer mit dem Bau auch eine seelentröstende „Normalität“ erzeugt werden soll

Viele Nachbarn duldeten oder unterstützten die Ausgrenzung der jüdischen Bürger, schwiegen zu den Zerstörungen in der Pogromnacht und bereicherten sich dann direkt nach deren Deportation am Eigentum der Menschen, mit denen sie kurz zuvor noch Kaffee getrunken hatten. Diese Bereicherung, von der auch die Kinder und Enkel profitierten, hält bis heute an: Die aus der Synagoge geraubte Thorakrone, die kürzlich von Daniel Sheffer der Gemeinde zurückgegeben wurde, musste offenbar käuflich erworben werden.

Es ist eine Illusion zu glauben, „dass mit konkreten Bauvorhaben dem Antisemitismus und der politischen Geschichtsvergessenheit getrotzt wird“, wie Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung schrieb. Antisemiten lassen sich weder durch konkrete Anschauung, Nachbarschaft oder gar Fakten von ihrer Obsession abbringen. Auch nicht dadurch, dass die Jüdische Gemeinde zeigt, „wie Juden heute leben, durch Gespräche, oder auch durch Tage der offenen Tür in den Gemeinden“, wie ihr Vorsitzender in der Zeit sagte.

Die Bekämpfung von Antisemitismus ist eine Aufgabe weniger der jüdischen Gemeinden als vor allem der Gesamtgesellschaft. Denn antijüdische Ressentiments sind fest verankert in der sogenannten Mitte der Gesellschaft und werden zunehmend aggressiver ins öffentliche Leben eingebracht.

In der AfD und ihrem publizistischen Umfeld wird der Holocaust nicht geleugnet, aber zu einer historischen Bagatelle verharmlost. Gedenkstätten berichten von Provokationen jüngerer und älterer Besucher, die den Holocaust leugnen. Dem Staat Israel wird seine Legitimation abgesprochen, „Israel-Kritik“ wird zum Anliegen breiter Kreise im kulturellen und intellektuellen Milieu. Walser, Sarrazin, Höcke finden breite Zustimmung. Der aktuell prosperierende Verschwörungsglaube: „Hinter allem stecken fremde, uns knechtende Mächte“ entspricht der mächtigsten antisemitischen Wahnvorstellung.

Wie aber kann man dem Ganzen begegnen? Für Hamburg und seine Politik wäre dazu einiges zu sagen. Denn es sieht derzeit nicht so aus, dass die Bekämpfung des Antisemitismus und die dafür notwendige historische Aufklärung auf der Agenda der Bürgerschaft stünde. Schon im Oktober 2019 hatte Anjes Tjarks, der damalige Vorsitzende der grünen Fraktion, in einer Bürgerschaftsdebatte vorgeschlagen, „an prominenter Stelle in der Stadt eine neue Synagoge zu errichten“, so berichtete das Abendblatt. „Das wäre ein Zeichen, das viel stärker ist als der Kampf gegen Antisemitismus“, fügte Tjarks unter starkem Beifall hinzu.

So wird nachvollziehbar, warum es ganz still geworden ist um das Versprechen der rot-grünen Koalition, noch vor der Bürgerschaftswahl am 23. Februar 2020 die Stelle eines Beauftragten zur Bekämpfung von Antisemitismus und zum Schutz jüdischen Lebens einzurichten. Das ist fast ein Jahr her. Seitdem gibt es Gerüchte, aber keine Informationen. So wichtig scheint der Regierungskoalition dieser praktische Beitrag zum Kampf gegen Antisemitismus offenkundig nicht mehr zu sein.

Schwerwiegender ist aber eine andere Hamburger Leerstelle im Kampf gegen Antisemitismus: Die historische Aufklärung über die Verantwortlichen und Beteiligten an der Verfolgung der jüdischen Bürger findet kaum einen sichtbaren Ort. Weder in der Innenstadt noch im Grindelviertel finden sich Hinweistafeln auf Geschäfte und Unternehmen, die den jüdischen Bürgern geraubt oder nach 1938 geplündert wurden. Im Stadthaus, der Hamburger Polizei- und Gestapo-Zentrale für Gewalt, Folter und Mord, begnügt man sich mit einer kioskgroßen Ausstellung. In welchen kleinen und großen Hamburger Unternehmen, die schon vor 1945 bestanden, findet Aufklärung über deren Nazifizierung statt?

Es ist an der Zeit, dass die sorgfältige und eindrucksvolle Dokumentation der Landeszentrale für politische Bildung über „Die Dabeigewesenen“ nicht nur virtuell, sondern auch im öffentlichen Raum präsentiert wird. Bei diesen und anderen Projekten hätten Hamburgs findige Haushalter in der Bürgerschaft die Möglichkeit, ihr „Nein zu Antisemitismus“ durch konkrete Förderungen praktisch werden zu lassen.

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70, war bis 2015 Studienleiter für Erinnerungskultur an der Evangelischen Akademie der Nordkirche. Zuvor war er 18 Jahre lang Gemeindepastor in Hamburg-Altona.

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