Kampagne gegen Antisemitismus in Hamburg: Dem Haus eine Krone

Nach 82 Jahren kehrt ein Stück Torahschmuck aus der 1939 zerstörten Hamburger Synagoge zurück. Das soll die Kampagne für einen Neubau beflügeln.

Der Rabbiner Shmuel Havlin unterschreibt auf einem Plakat mit dem Text "Nein zu Antisemitismus - Ja zur Bornplatzsynagoge"

Früher Unterzeichner: Rabbiner Shmuel Havlin unterschreibt auf dem Kamopagnen-Plakat Foto: Christian Charisius/dpa

HAMBURG taz | Nein, diese Wunde ist nie wieder ganz zu schließen: Das sagte am späten Montagvormittag Hamburgs Zweite Bürgermeisterin sowie Wissenschaftssenatorin, Katharina Fegebank (Grüne). Auch, dass sie sich schäme fürs Geschehene, sagte sie; und dafür, auch im Namen der Stadt, um Entschuldigung bitte. Worte, passend zum Datum: Es jährte sich zum 82. Mal die „Reichspogromnacht“. Passend aber auch zum Schauplatz der kleinen Rede, dem heutigen Joseph-Carlebach-Platz, gleich neben der Universität.

Hier stand ab 1906 Hamburgs stolze „Neue Synagoge“ – und ein Stück vom darin verwendeten Torahschmuck, eine silberne Krone, kehrte am Montag symbolisch dorthin zurück: Das lange als verschollen geltende Objekt war der Wissenschaftsbehörde zufolge zufällig wiederentdeckt worden, ein Mitglied der Jüdischen Gemeinde soll es erworben und dann der Gemeinde überlassen haben.

Wechselvolle Geschichte

Unter grauem Himmel trug nun NDR-Moderator Yared Dibaba eine Version der wechselvollen Geschichte der Krone vor, ehe die jüdische Sechstklässlerin Eve sie dann symbolisch an Shmuel Havlin übergab, Hamburgs stellvertretenden Landesrabbiner.

Der Termin war zugleich der Startschuss für eine Kampagne gegen Antisemitismus und für eine neue Synagoge am alten Standort: 100.000 Unterschriften von Unterstützer*innen sollen gesammelt werden, und das bis zum 27. Januar, also dem anderen wichtigen Datum der Erinnerung an Verfolgung und Ermordung jüdischer Menschen. Und die ersten kamen dann auch gleich zusammen, neben Fegebank unterschrieb etwa auch US-Generalkonsul Darion Akins.

Als Wunde hat den Platz, noch im „Dritten Reich“ neu bebaut und dadurch zweigeteilt, auch Philipp Stricharz schon bezeichnet. Der Vorsitzende von Hamburgs Jüdischer Gemeinde unterstrich jetzt den Wunsch der Gemeinde, wieder präsenter zu sein im Stadtbild, als es die heutige Synagoge Hohe Weide sein könne: „Viele Hamburger haben sie noch nie wahrgenommen“, sagte Stricharz.

Man ist anzumerken versucht: Daran etwas geändert hat vielleicht ausgerechnet der antisemitische Übergriff vor etwas mehr als einem Monat: Anfang Oktober verletzte ein Mann in der Hohen Weide einen jüdischen Studierenden.

„Antisemiten wird es immer geben“

„Der Wunsch uns anzugreifen, unsere Gebäude und unsere Identität verschwinden zu lassen“, sagte Stricharz nun, „der ist immer noch da.“ Und: „Antisemiten wird es immer geben.“ Es sei aber eines klar: „Niemand wird weniger Antisemit, weil unsere Gebäude zerstört und unsere Schulen geschlossen bleiben. Kein leerer Platz und keine Gedenktafel verhindert, dass jemand Antisemit wird. Verhindert werden kann das nur, wenn Juden selbstverständlich sind. Ein Teil der Stadt, Mitten in der Stadt.“

An alter Stelle wieder ein sichtbares Zeichen für das Judentum zu errichten: Diese Idee macht seit ziemlich genau einem Jahr die Runde in der Stadt, und scheint nach breiter Unterstützung etwa in der Bürgerschaft ein wenig in die Mühlen der deutschen Bürokratie geraten zu sein.

Mitte Oktober jedenfalls beklagte die Bürgerschafts-CDU, dass die angekündigte Machbarkeitsstudie zum Bornplatz-Bau – Geld dafür hatten seinerzeit die Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs (SPD) und Rüdiger Kruse (CDU) in Berlin losgeeist – immer noch nicht in Angriff genommen worden sei. Zu diesem Punkt wusste Stricharz gestern immerhin Neues zu berichten: Die Studie „kann in Kürze endlich beauftragt werden“.

Neuer Schwung

Das Projekt mit neuem Schwung zu versehen, das ist das Anliegen der Bornplatz-Initiative um Daniel Sheffer. Der dankte gestern Fegebank und ihrer Behörde für die „unbürokratische“ und „empathische“ Unterstützung des Initiativen-Anliegens: den Synagogen-Wiederaufbau, „und das möglichst schnell“, so Sheffer.

Unter dem doppelten Motto „Nein zu Antisemitismus – Ja zur Borplatzsynagoge“ will man nun ambitionierte 100.000 Unterschriften sammeln – bis zum internationalen Holocaust-Gedenktag Ende Januar. „Wir machen den Hamburgerinnen und Hamburgern ein Angebot“, rief Scheffer denen gestern zu: „Erhebt euch! Gebt dieser Kampagne eure Stimme!“

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben