Hamburger Jugendverband VKJH in Not: Geldmangel und Gegenwind
Dem Verband für Kinder- und Jugendarbeit droht das Aus. Er betreibt eine erfolgreiche Beschwerdestelle. Die möchte die Stadt neu ausschreiben.
Der Verband für Kinder und Jugendarbeit (VKJH) ist in Hamburgs Jugendhilfe seit Jahrzehnten eine feste Größe. Nun steht der Verein, der seine Wurzeln in der Bauspielplatz-Bewegung hat, vor dem Aus. „Ohne Finanzierungszusage drohen Aufgabe von Trägerschaften und wichtiger Strukturen der Jugendhilfe“, heißt es in einer Pressemitteilung des Vorstands von diesem Freitag. Finde sich bis Ende Juni keine Lösung, werde er mit den Bezirken über eine „Abgabe“ seiner 17 Einrichtungen und 27 Projekte sprechen. Und die „befürchten, keine anderen Träger zu finden“.
Offene Angebote für Kinder und Jugendliche sind seit Jahren sehr schlecht finanziert. Erst kürzlich wurde bekannt, dass der Timo-Jugendclub in Horn schließt, weil auch die Kirche vor Ort solche Aufgaben nicht mehr tragen kann.
Auch der VKJH sagt, ihm fehle schlicht das Geld für die Verwaltung. Obendrein droht die Stadt dem stets innovativen, aber auch als politisch unbequem bekannten Träger, ihm die erst vor fünf Jahren eingeführte Ombudsstelle „OHA! Verstärker für Kinder- und Jugendrechte“ wegzunehmen. Dies wäre fachpolitisch ein Skandal. Denn solche Beschwerdestellen für Kinder, Jugendliche und Eltern, die im Clinch mit dem Jugendamt oder Wohngruppen liegen, sind vom Gesetz her bewusst als unabhängig konzipiert.
Der „Verband“, wie er oft schlicht genannt wird, ist in Hamburg der einzige Fachverband für das Feld der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Zu ihm gehören zum Beispiel Bauspielplätze, Jugendclubs und die Kinder- und Familienzentren (KiFaz) in Schnelsen-Süd und Barmbek, die Familien niedrigschwellig zur Seite stehen. Außerdem betreibt er das Gesundheitsprojekt für Migranten „Mimi“ und ist Dachverband für 23 Mitgliedsorganisationen. Und er gibt die Zeitschrift Forum heraus, in der auch regelmäßig Behördenvertreter zur Feder greifen.
Vera Koritensky, Co-Geschäftsführerin
Die 2021 eröffnete OHA-Ombudsstelle mit 3 Sozialpädagogen und 25 Ehrenamtlichen wurde nicht nur mit rund 300 Beratungen im Jahr gut angenommen, sie hat sich auch öffentlich zu Fachthemen positioniert, etwa zur Unterbringungslage von jungen Geflüchteten oder zum geplanten, teilweise geschlossenen Kinderheim „Casa Luna“. Sollten dort, wenn das Heim 2027 öffnet, Kinder sich beschweren wollen, wäre auch die kritische OHA ihre Adresse.
Nach nun fünf Jahren will die Bildungsbehörde die Trägerschaft der Beschwerdestelle neu vergeben. Als Grund nennt sie gegenüber der taz „zuwendungsrechtliche Gründe“. So sei geplant, auch eine Ombudsstelle für Kitas einzurichten und der „Synergieeffekte“ wegen beides zusammen zu führen. Da sich damit der Umfang erheblich erweitere, müsse man neu ausschreiben, der „Gleichbehandlung“ aller Träger wegen.
Die taz fragte die Behörde, ob es dort fachliche oder politische Kritik an der Arbeit der OHA gebe. Beides wurde verneint. „Träger der Jugendhilfe können sich öffentlich äußern“, schreibt Sprecherin Claudia Pittelkow. Auch sei die Behörde stets im engen fachlichen Austausch mit dem Verband, sodass „mögliche Anpassungen gemeinsam erarbeitet wurden“.
Also alles gut? Das Bundesnetzwerk Ombudschaft in der Jugendhilfe (BNO) hat sich Ende Mai mit einem Brief an Bildungssenatorin Ksenija Bekeris eingeschaltet und zeigt sich über den Vorgang sehr irritiert. Denn eine Neuausschreibung der Ombudsstelle stelle die in Hamburg fachlich etablierte fünfjährige Arbeit und den vorangegangenen zehnjährigen Prozess infrage – war es doch Erkenntnis der Enquetekommission zum Kinderschutz von 2017, dass Hamburg so eine Stelle braucht. Es sei gut, den Bereich Kita hinzuzunehmen, schreibt der BNO-Vorstand. Aber rechtlich nötig sei eine neue Ausschreibung deshalb nicht.
Dem Schreiben lag die juristische Einschätzung des Jugendhilferechts-Experten Peter Schruth bei. Der schreibt, wichtig sei, dass die Ombudsstelle eine dauerhafte Strukturaufgabe der Jugendhilfe sei, „und zwar unabhängig“. Deshalb wäre es rechtlich vertretbar, die bisherige Ombudsstelle einfach um den Kita-Bereich zu erweitern – ohne neue Ausschreibung. Denn es überwögen hier die sachlichen Gründe für den Erhalt einer geschaffenen Vertrauensstruktur und Spezialisierung. Und schließlich verlange es das Jugendhilfegesetz, dass hier Strukturen gesichert werden, damit über Jahre aufgebautes Erfahrungswissen nicht verloren gehe.
Anja Post-Martens, eine der beiden Geschäftsführerinnen des Verbands, verweist zudem darauf, dass die Ausschreibung für die OHA seinerzeit den Bereich Kita mit enthielt und eine spätere Ausweitung darauf von Anfang an mitgedacht worden sei. Die Bildungsbehörde schreibt, der VKJH könne sich ja wieder für die Ombudsstelle bewerben. Doch das würde – neben der Unsicherheit, ob er den Zuschlag bekommt – auch Kräfte binden.
Und dabei fehlt dem kleinen Fachverband obendrein das Personal für das Alltagsgeschäft. Immerhin beschäftigt er 90 Mitarbeitende und arbeitet mit 150 Honorarkräften. Trotz wachsender Aufgaben seien die Strukturen der Zentrale nie ausreichend finanziert gewesen, kritisiert der VKJH-Vorstand.
Aktuell habe der Fachverband 2,5 Stellen für Fachreferentinnen und Projektleitung, um das ganze Arbeitsfeld der offenen Arbeit zu „qualifizieren, beraten und fortzubilden“ und dessen Interessen zu vertreten, sagt Co-Geschäftsführerin Vera Koritensky. „Die Geschäftsführung machen wir bisher ehrenamtlich.“ Um den VKJH mit seinen Einrichtungen halten zu können, brauche man mindestens 120.000 Euro im Jahr zusätzlich, für eine Geschäftsführung und eine Verwaltungsstelle.
Die Bildungsbehörde räumt ein, ihr sei die Lage bekannt, reagiert aber relativ ungerührt. Mit dem Verband gebe es regelmäßig Gespräche. Würden diese Einrichtungen an die Bezirke zurückgegeben, „werden dafür neue Träger gesucht“. Dafür liege die Verantwortung in den Bezirken. Und dass die Ombudsstelle neu ausgeschrieben wird, wäre inzwischen entschieden.
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