Günstige Reisen in der Klimakrise: Die Mallorcademokratie

Der Traum vom Sommerurlaub soll teurer werden. Werden damit demokratische Errungenschaften wirklich preisgegeben? Droht gar die Zweiklassengesellschaft?

Tretbootautos und Standup Paddler im türkisblauen Wasser

Klassenlos im Meer vereint, am Strand von Paquera auf Mallorca Foto: Chris Emil Jannsen/imago

Der Spiegel schlägt Alarm: „Nach Jahrzehnten, in denen sich immer mehr Deutsche immer mehr Reisen, weitere Ziele, bessere Unterkünfte leisten konnten, scheint das Pendel nun zurückzuschlagen. Malle für alle – aus und vorbei?“ Der Grund: Das Fliegen soll im Zuge der Klimadiskussion teurer werden, Regionen setzen verstärkt auf einen qualitativen Tourismus. Verloren gehe damit ein Stück Gleichheit.

Es ist gut, an jene zu erinnern, die sich mühsam durchs Leben knapsen und trotzdem nicht genug verdienen, um gepflegt anderswo auszuspannen. Vermutlich gibt es mehr dieser Menschen als manche Lifestylesoziologen glauben. Aber die soziale Frage am Flugurlaub festzumachen ist populistisch und kontraproduktiv. Es wirkt wie Wahlkampf für Laschet.

„70 Euro mehr für einen Mallorcaflug können sich Besserverdienende locker leisten, für so manche Familie aber kann das den Traum vom Sommerurlaub beenden“, hat Armin Laschet gesagt.

Klar, Mallorca bedeutet Ferienfreuden auch fürs kleine Geld. Der standardisierte Massentourismus, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstand, steht für das Versprechen auf Teilhabe aller am hart erarbeiteten Wohlstand, für Entschädigung für die Mühen und für die Chance, dem Glamour der Reichen und Schönen etwas näher zu kommen. Im Wesentlichen wurde dieses Versprechen produziert von Reisever­anstaltern, die den Reisetraum als Stückwerk produzieren, als ein unkompliziert buchbares Angebot mit vielen Facetten, den sogenannten Reisemodulen.

Mallorca, das Normalitätsmodell

Und gleichzeitig bedeutet Mallorca schlichte, dem bürgerlichen Erfolgs- und Statusdenken verhaftete Ideologie darüber, was man treibt beziehungsweise treiben sollte, um sich gut und wertvoll und glücklich zu wähnen. Denn der Zwei-Wochen-Familien-Urlaub bedeutete auch, es „geschafft“ zu haben im Wohlstandsland. Dabei zu sein. Sich etwas leisten zu können, indem man sich eine Reise kauft. Konsumismus als gesellschaftlicher Imperativ.

Mallorca, das bezeichnet ein Normalitätsmodell des letzten Jahrhunderts, das auf stetigem Wirtschaftswachstum beruht und auf uneingeschränktem Ressourcenverschleiß, genauer gesagt: dem Verbrauch und der Vermüllung, der Betonierung der Strände und der Schädigung des Klimas.

Weltweit wurden die Strände ausgebaut mit Bettenburgen und luxuriösen All-­inclusive-An­la­gen. Dazu gibt es Spezialangebote für alle Geschmäcker – für den Sextouristen genauso wie für die Himalajabergsteigerin. Niemand wurde in den vergangenen Jahren ausgegrenzt oder vergessen. Jeder findet seinen Reisetraum.

„Wer kann es sich leisten, mit teuren Zugreisen die Welt zu retten?“, fragt Volkan Ağar in der taz. „Und sich dabei moralisch über Mallorca-Pauschalurlauber zu erheben?“

Der „Post-Tourist“ ist souverän

Viele. Der Soziologe Andreas Reckwitz stellt die neue Reisepraxis dem klassischen „Massentourismus“ entgegen. Während dieser „die industrielle Moderne“ mit „standardisierten Paketen“ charakterisierte, mache der spätmoderne Tourismus das Reisen zum „Gegenstand aktiver Gestaltung und geschickter Zusammenstellung“ einer „kuratierten“ Lebenspraxis. Das ist der Habitus der neuen Mittelschichten.

Und bei anhaltender Kritik am Fliegen nimmt dieser „Posttourist“ kurzerhand die Zugreisen in sein Repertoire mit auf. Der „Posttourist“ ist ein souveräner Tourist. Er nutzt die Verkehrswege der extrem touristifizierten Weltgesellschaft. Sicher bewegt er sich durch die dichte Infrastruktur der internationalen Tourismusbranche. Er findet noch jedes Schnäppchen selbst, im Netz oder auf Social Media.

Der Klassengegensatz besteht längst nicht mehr nur zwischen oben und unten, sondern in den Mittelschichten selbst, zwischen den Dauer­mobilen, global Orientierten und den eher Sesshaften, denen die Globalisierung den sozialen Abstieg bescheren wird oder bereits beschert hat. Wenn sich vor den Coronalockdowns die Besucher-Hotspots häuften, an denen sich die Menschen drängelten und überall von Overtourism die Rede war, dann, weil Billigflieger dorthin flogen, die Mittelschichten weltweit diese Infrastruktur nutzten und international der Wohlstand dieser Mittelschichten wuchs.

Sollte Reisen vor dem Hintergrund der Klimadebatte und dem touristischen Ausverkauf vieler Regionen teurer werden, dann entsteht keine neue Klassengesellschaft. Wir leben längst darin. Die Reichen und Schönen haben es schon immer verstanden, sich ihre Ressorts zu sichern und die Habenichtse draußen zu halten. Und bestenfalls in der Massenabfertigung zu befrieden. Notwendige Einschränkungen und Regulierungen der allgemeinen Reisetätigkeit durch die Politik, faire Preise für faire Produkte gelten vielen als Bedrohung der ­politisch verbürgten Rechte. Reisen ist heute ­billig zu haben – Gleichheit war es nie.

Die Diskussion vom teurer werdenden Normalurlaub reitet unverdrossen das alte BRD-Modell einer auf Ressourcenverbrauch orientierten Wohlstandsgesellschaft. Von damals ist auch der Kronzeuge, den der Spiegel bemüht: Horst ­Opaschowski, Tourismusfachmann, der vom Glück spricht, das die Bürger mit dem Urlaub für sich einfordern.

Die Retrodiskussion unterschlägt auch den enormen Einfallsreichtum und die Entwicklungen in der Reisebranche. Dass etwa Bewegung und Natur immer gefragter sind und überholte Reiseformen wie Campen oder Radeln reaktiviert wurden. Dass Abhängen und Feiern im Freien neue Hochkonjunktur hat, auch weil es spontane Begegnung verspricht. Oder dass sich Europa kulturell aufpoliert hat und die Infrastruktur für jede Art Urlaub sehr gut geworden ist – alles leicht zugänglich über Apps, Websites, Foren und andere Communitys. Der Billigflieger nach Malle aber ist kein Demokratisierer, geschweige denn Garant des ­Urlaubsglücks für alle.

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ist Soziologin und lebt als freie Autorin in Frankfurt am Main.

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