Großstadtbegegnungen: Mitten rein ins Gespräch
Bei manchen Alltagsbegegnungen wird gleich das ganze Leben ausgeschüttet. Nur wenn’s um Politik geht, dann muss man gleich schnell wieder los.
D arf ich mich setzen?“, frage ich die alte Dame beim Denns an der Prenzlauer Allee. „Natürlich dürfen Se“, antwortet mir diese. „Nett aber, dass Se frajen.“ Weit aufgerissene Augen blicken hinter den gelben Brillengläsern hervor. Manchmal versucht der Blick über das runde Glas zu springen, wenn sie spricht.
Sie versuche immer ein wenig rauszukommen. Heute sei sie schon durch den halben Berliner Prenzlauer Berg gewandert. Unter Leute müsse man ja kommen. „Und ins Gespräch“, ergänzt sie. Genau da landen wir dann auch, mitten in einem Gespräch.
Von der Elbe komme sie her, sei 1940 mitten im Krieg geboren. Als sie lernte zu schreiben, habe der Vater, gerade aus der britischen Gefangenschaft entlassen, sie unter Züchtigungen darauf gedrillt, es mit rechts zu tun. „Dabei war der Großvater auch Linkshänder und trotzdem als Tischler erfolgreich.“
Sie sei nach Berlin geschickt worden, da im Zeugnis stand, das Kind würde nicht reden. Ein Spezialist sollte das richten, in der Hauptstadt, knapp 130 Kilometer von ihrem Zuhause weg.
„Ich komme aus der kleinsten Hansestadt des Landes“, sagt sie und fordert mich auf, Werben an der Elbe in mein Smartphone zu tippen. Sachsen-Anhalt sehe ich und kann mir ihr Aufwachsen etwas besser vorstellen.
„Was machen Sie denn?“, fragt sie mich. Wie immer druckse ich etwas herum, sage was von Journalismus, komme dann darauf, dass ich gerade vor allem in der Pflege tätig bin – wegen einer Erkrankung, schiebe ich hinterher.
Da reagiert die ehemalige Sonderpädagogin begeistert. „Sie sind auf dem richtigen Wege“, sagt sie. Erst müsse man lernen, denen zu helfen, denen es nicht so gut ginge wie einem selbst. Erst dann könne man das machen, was man wirklich machen will. „Sie werden sehen, Sie kommen auch wieder dorthin, wo Se ma hinwollten.“
Ihre Zuversicht rührt mich. Als es politisch wird, merke ich, dass meine Zeit knapp wird. „Drücken Se die Daumen, dass es keinen Dritten Weltkrieg gibt“ – das sind die Abschlussworte, die mir Ute mitgibt.
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