Innenleben der Eierschachtel: Dem Floh nachgeben
Den Verlockungen im Supermarkt zu widerstehen, ist mit leerem Magen ungleich schwieriger. Schon gar, wenn einen der Kassierer auf Ideen bringt.
R asch will ich in einem Supermarkt noch etwas einkaufen, Eier, Butter, Brot. Fremder Kiez, fremdes Sortiment, demzufolge auch ich ein Fremder aus Ladenperspektive. Muss mich erst einmal zurechtfinden zwischen den Regalen. Andere sind schneller als ich, entpuppen sich durch ihre lässige, schlafwandlerisch gewandte Einkaufsroutine als Stammkunden.
Schließlich habe ich alles Gesuchte gefunden, alles erledigt. Dann eine leis anklopfende innere Frage: „Schokolade?“ Mit etwas Übung leite ich sie an mir vorbei, kann der Verlockung widerstehn. Nie mit leerem Magen einkaufen!
An der schlangenlosen Kasse dann wird die Eierschachtel vor dem Scannen geöffnet, ruckzuck, auf, zu. Ein wenig wie beim Zoll, denke ich. Und frag den Kassierer: Gucken Sie, ob alle heile sind oder ob alle drin sind? Weder noch, lässt er mich mimisch wissen, scannt weiter. Also beides! Nee, meint er dann. Da wern schon auch mal Pasteten-Eier rinjepackt, grade über Ostern. Hm, sag ich, aber Ostern ist doch schon vorbei. Kein Osterschnickschnack mehr im Laden. Er merkt, dass ich mit seiner Antwort nicht zufrieden bin. Generell liegen da auch gern mal Ü-Eier drin, verrät er mir jetzt. Das sehen Sie den Menschen nicht an der Nasenspitze an. Und den Schachteln auch nicht, sag ich. Und da blicke ich in ein nickendes, lachendes Gesicht.
Mit den Pasteten-Eiern hat er mir aber einen Floh ins Ohr gesetzt, der mich draußen vorm Laden gehörig kitzelt. Im Discounter nebenan ergattere ich also für mich, beziehungsweise für den Floh, ein Pasteten-Ei, das ich in einer Schütte zwischen letztem fahlen Ostergras und ziemlich ramponierten Schokohasen finde. Mit „zarten Schichten aus herzhaftem Pistazienmarzipan und zweierlei Nougat, unter einem feinherben Hauch von dunkler Edelkuvertüre“. Ich bezahle es – ganz ohne Eierschachtel. Vielleicht wär's auch zu groß dafür gewesen.
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