Grenzregion zu Belrarus: Unsere Toten

Vier Geflüchtete sind an der Grenze zwischen Polen und Belarus gestorben. Die geringe Beachtung zeigt: Wir haben uns an die Grausamkeiten gewöhnt.

Schwarzweiß-Aufnahme: eine Hand hält eine angezündete Kerze

20. September, Gedenken in Warschau: eine Kerze für die Geflüchteten, die an der belarusischen Grenze starben Foto: Piotr Lapinski/NurPhoto/imago-images

Wir leben ihn, den Traum von Sebastian Kurz. „Es ist nachvollziehbar, dass viele Politiker Angst vor hässlichen Bildern bei der Grenzsicherung haben“, sagte der österreichische Bundeskanzler 2016 gegenüber der Welt. Das schönste Gesicht des radikalisierten Rechtskonservatismus machte auch klar, dass Angst nicht von Brutalität abhalten sollte: „Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen.“

Wir werden uns an die Grausamkeit an den Grenzen der EU gewöhnen, das war die Botschaft. Dieses „Wir“ lässt sich wohl als jene weißen Menschen definieren, denen es ganz gut geht in der EU. Ich zähle dazu. Wir haben Brutalitäten aller Art geschehen lassen.

In dieser Woche sind vier Menschen an der Grenze zwischen Belarus und Polen gestorben – darunter eine Irakerin. Die Frau war mit ihrem Mann und ihren drei Kindern bereits auf polnischer Seite angekommen. Die Familie wollte ihre Sachen in einem Dorf trocknen und sich aufwärmen. Polnische Grenzschützer jagten sie wieder Richtung Belarus, hinaus in die Kälte. Die Frau soll dabei gefallen sein, oder sie wurde gestoßen. Sie starb. Ihr Mann und ihre Kinder haben das gesehen. Die Reaktion in den deutschen Medien auf diesen Tod war mau, die in Politik und Öffentlichkeit auch.

Vielleicht, das wäre die für „uns“ freundliche Erklärung, lag das daran, dass es dieses Mal keine hässlichen Bilder gab. Polen hat über die Woiwodschaften an der belarussischen Grenze seit Anfang September einen Ausnahmezustand verhängt. Jour­na­lis­t:in­nen können von dort nur eingeschränkt berichten und dürfen in einigen Regionen gar nicht arbeiten.

Vielleicht haben „wir“ uns aber auch wirklich verändert, seitdem im August 2015 71 tote Menschen in einem Lastwagen in Österreich gefunden wurden, seit der Körper des zweijährigen Alan Kurdi im September 2015 an der türkischen Küste angespült wurde. Seitdem europäische Behörden Menschen auf dem Mittelmeer ertrinken lassen. Vielleicht kommt so eine innere Kälte mit der Zeit, wenn Grausamkeit wieder und wieder passiert und die Ohnmacht in ihrem Angesicht unerträglich wird. Es sind dennoch unsere Toten, auch die irakische Frau und die drei anderen Geflüchteten an der Grenze zu Belarus.

Unnütze Tränen sind keine Option. Wenn wir innerlich schon kühl werden, können wir kühl berichterstatten, protestieren, Geld geben, und am Sonntag wählen. Tun wir, was möglich ist, damit Po­li­ti­ke­r:in­nen wieder Angst kriegen vor dieser Art der Grenzsicherung.

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Daniel Schulz arbeitet im Ressort Reportage und Recherche und hilft zur Zeit bei der Neugestaltung der Wochenendausgabe. Für seinen Essay "Wir waren wie Brüder" erhielt er 2018 den Reporterpreis und 2019 den Theodor-Wolff-Preis. Außerdem: Langer Atem und Team des Jahres 2019 mit den besten Kolleg:innen der Welt für die Recherchen zum Hannibal-Komplex.

Mehr Geschichten über das Leben in Belarus: In der Kolumne „Notizen aus Belarus“ berichten Janka Belarus und Olga Deksnis über stürmische Zeiten – auf Deutsch und auf Russisch.

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