Graphic Novel „Glaub mir“: In der Tiefe des familiären Medizinschranks
Was religiöse Orthodoxien im Leben junger Menschen anrichten können. Jutta Pilgram erinnert nicht nur im Zeichenstil an Marjane Satrapi.
Volleyball spielen mit den Jungs aus der Nachbarschaft? Nein, darauf haben Regina, Malika und deren beider Geschwister nicht die geringste Lust. Sie frönen einer ganz anderen Leidenschaft. Eine schlichte Garage verwandelt sich für sie abwechselnd in eine Kirche und eine Moschee.
Mal ist es Justus, Reginas Bruder, der als Priester eines katholischen Gottesdienstes fungiert; als Hostienersatz dienen kreisrund ausgeschnittene Papierstückchen. Mal ist es Hamid, Malikas Bruder, der den Iman gibt und laut vorzubeten beginnt, während sich die anderen kniend bis zum Boden verneigen: „Dir allein dienen wir, und zu dir allein flehen wir …“
„Glaub mir“ spielt in der Neubausiedlung einer namenlosen deutschen Großstadt, Anfang der 1990er. Reginas Eltern waren wohl bis zum Umzug in diese Gegend Mitglieder einer freikirchlichen Splittergruppe, deren Fundamentalismus sie schließlich nicht mehr ertrugen.
Jutta Pilgram (Text und Zeichnungen): „Glaub mir“. Jaja Verlag, Berlin 2026. 244 Seiten, 25 Euro.
Die Mutter allerdings trauert dieser Zeit immer noch nach und fragt sich, von Gewissensbissen geplagt, ob sie nicht eine falsche Entscheidung getroffen habe – zumal sich an ihrer extremen Religiosität nichts geändert hat. Sehr fromm sind auch Malikas aus Ägypten stammende Eltern: Der Ramadan wird selbstverständlich eingehalten, und es wird fünfmal täglich gebetet.
Rigide religiöse Praxis
Zwei Welten sind es also, die in diesem Comic aufeinanderprallen und eine Zeit lang sehr gut miteinander harmonieren. So unterschiedlich sie auf den ersten Blick scheinen, verbindet sie in Wahrheit nämlich die Rigidität der religiösen Praxis, zu der auch eine ausgeprägte Körperfeindlichkeit gehört.
Eine Frau, die ihre Tage hat, gilt als „unrein“ und darf den Koran nicht berühren, erklärt Malika, und Reginas Mutter versteckt alle Binden und Tampons in der Tiefe des familiären Medizinschranks. Ihr Argument: „Muss ja nicht jeder gleich sehen.“
Aus dem Bewusstsein, anders aufzuwachsen, als es bei Mädchen zu Beginn der Pubertät sonst der Fall ist, ziehen Regina und Malika einen an Hochmut grenzenden kompensatorischen Stolz. Die religiöse Vorstellungswelt beflügelt ihre noch kindliche Fantasie, wenn sie mit ihren Geschwistern in einem Wäldchen ein Lager einrichten, das sie als ihr „Paradies“ bezeichnen, „unser Land, in dem Milch und Honig fließen“, wie Regina sagt.
Und Malika ergänzt: „Unser Haus ist aus Gold und Silber, aus Perlen und Saphiren.“ Je älter die beiden werden, desto misstrauischer beäugen aber die Eltern diese Freundschaft und arbeiten auf deren Scheitern hin. Erst zehn Jahre später, in der Rahmenhandlung, begegnen sich Regina und Malika zufällig erneut.
Orthodoxien aller Richtungen
Glaubensübergreifend zeigt der Comic, was religiöse Orthodoxien in Familien und im Leben junger Menschen anrichten können. Jutta Pilgram, die „Glaub mir“ geschrieben und gezeichnet hat, verneint im Presseheft eine direkte autobiografische Motivation, auch wenn sie selbst in einem sehr christlichen Umfeld aufgewachsen sei.
Parallelen sieht sie aber durchaus zu ihrer früheren, langjährigen Tätigkeit als Redakteurin der Süddeutschen Zeitung: Auch für diesen Comic habe sie gründlich recherchiert, und „die Masse an Material“ dann in Bildsequenzen zu übertragen, ähnele „dem Konzipieren eines langen Artikels“. Neu sei für sie „das Entwickeln eines Plots“ gewesen; das habe sie schließlich nicht gelernt. Aber auch in dieser Hinsicht hat Pilgram sich gut geschlagen; nur der Schluss des Comics ist etwas unvermittelt.
Als wichtigstes Vorbild nennt Pilgram Marjane Satrapi, die Zeichnerin von „Persepolis“. An deren Schwarz-Weiß-Stil darf man sich hier auch erinnert fühlen, mit dem Unterschied, dass Pilgrams Figuren oft nur aus dickgezogenen Konturen bestehen – ein Minimalismus, dessen leicht naive Anmutung sicherlich Absicht ist. Denn Pilgram kann auch ganz anders: Erinnerungen, Albträume und Fantasien zeichnet sie sehr kunstvoll, detailfreudig mit feinen weißen Strichen vor tiefschwarzem Hintergrund.
Das schaut fast aus wie Schabkarton, ist aber, wie der gesamte Comic, am Tablet entstanden. In diesem Stilwechsel spiegelt sich die Doppelung, die für Reginas und Malikas Leben typisch ist: einerseits sind sie ganz normale Jugendliche, andererseits gefangen in zugleich überwältigenden und furchteinflößenden Bildwelten.
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