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Giftiges BohrlochDas „argentinische Tschornobyl“

Ein Ölunternehmen hinterlässt in der argentinischen Provinz Salta massive Umweltschäden – und meldet Insolvenz an. Das Bohrloch sprudelt weiter.

Luft, Wasser und Boden sind stark kontaminiert Foto: Martín Katz/Greenpeace

Es zischt und faucht wie bei einem Geysir. Doch statt heißen Wassers wird ein giftiger Cocktail aus Gasen, Öl und Schlamm in die Luft geschleudert. Vor zwei Jahren crashte die stillgelegte Ölquelle Lomas de Olmedo X-10 in der argentinischen Provinz Salta. Seitdem strömen unaufhörlich Gas und Erdöl aus der Tiefe an die Oberfläche, wo sie sich zu einem toxischen Schlamm vermischen. Ein Hügel ist durch Bodensenkungen verschwunden. Dafür hat sich eine tödliche Lagune gebildet.

Die Folgen sind gravierend: Luft, Wasser und Boden sind stark kontaminiert. Die knapp 50 Familien, die in der weiteren Umgebung leben, sind dauerhaft gefährdet. Mindestens 20 Hektar Vegetation wurden zerstört, und rund 350 Rinder sind seither verendet. Auch die lokale Fauna – Ameisenbären, Ozelots, Füchse und Nandus – wird massiv geschädigt. Aus Angst wird das Gebiet weiträumig gemieden, das die Einheimischen inzwischen als „argentinisches Tschornobyl“ bezeichnen.

Das Bohrloch war 1983 von der staatlichen Ölgesellschaft YPF im Norden der Provinz Salta bei Lomas de Olmedo angelegt und 2015 an die private Presidente Petroleum verkauft worden, einer Tochter der britischen President Energy. Diese stellte den Betrieb ein, als die Förderung nicht mehr rentabel war, und verschloss das Bohrloch mit einer typischen kreuzförmigen Bohrlocharmatur. 2023 versagte der Verschluss. Seither zischt und sprudelt es unaufhörlich.

Im Mai 2025 forderte die Provinzregierung das Unternehmen zu dringenden Eindämmungsmaßnahmen auf. Statt dieser Aufforderung nachzukommen, meldete die Firma im August desselben Jahres Insolvenz an. Daraufhin wurde ihr die Förderkonzession entzogen und die Rückgabe des gesamten Gebiets an die Provinz angeordnet, einschließlich aller Anlagen und Bohrvorrichtungen.

Da sich das Bohrloch auf staatlichem Boden befindet, liegt die Verantwortung für die Schadensbehebung grundsätzlich bei der Provinz. Diese hat den Vorfall inzwischen offiziell als Umweltkatastrophe eingestuft, lehnt jedoch die vollständige Verantwortung ab.

Zuständigkeiten sind ungeklärt

Stattdessen ist ein Streit mit der früher beteiligten staatlichen Ölgesellschaft über die Finanzierung der Sanierungsmaßnahmen entbrannt. Im Raum stehen Kosten in Millionenhöhe. Der Fall liegt mittlerweile bei der Justiz, ein Urteil steht jedoch noch aus.

Mitte April kündigte die Provinzregierung an, dass das provinzeigene Unternehmen Remsa (Recursos Energéticos y Mineros de Salta) das Gebiet übernehmen und Notfallmaßnahmen einleiten werde. Allerdings haftet Remsa nur für Schäden, die nach dieser Übernahme entstehen. Für bereits verursachte Umwelt- und Gesundheitsschäden müssten mögliche Entschädigungen demnach auf dem Rechtsweg von dem insolventen Betreiber eingefordert werden.

Niemand hat die Anwohner für ihre Viehverluste entschädigt, geschweige denn für die Umweltschäden

Noemi Cruz, Greenpeace Argentina

„Die Provinz geht das Problem in Lomas de Olmedo nicht an, und die Auswirkungen verschlimmern sich täglich“, kritisiert Noemi Cruz von Greenpeace Argentina. Die jetzigen Vereinbarungen garantierten keine wirkliche Verbesserung in einem Gebiet, das von der Provinz selbst als ökologische Priorität eingestuft wird. „Niemand hat die Anwohner für ihre Viehverluste entschädigt, geschweige denn für die Umweltschäden“, sagt Cruz.

Die provinzeigene Remsa hat noch keine konkreten Maßnahmen zur Leckabdichtung unternommen. Das Verschlussventil des Bohrlochs ist weiterhin undicht, Gase entweichen unvermindert in die Luft, und ölhaltige Flüssigkeit fließt weiter unkontrolliert in die Umgebung. Um den Druck auf die Verantwortlichen zu erhöhen, hat Greenpeace Argentina eine Unterschriftenkampagne gestartet.

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